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    Locarno 12: STARLET von Sean Baker

    Von Michael Sennhauser | 7. August 2012 - 14:00

    Starlet 1

    Hier ist die amerikanische Variante des Films Une Estonienne à Paris – im gleichen Wettbewerb. Die Rolle der verbitterten und zurückgezogenen alten Frau wird statt von Jeanne Moreau hier von Besedka Johnson gespielt, die jüngere Frau, welche mit Hartnäckigkeit ihre Lebenslust wieder weckt, ist die erstaunliche Dree Hemingway (die Nichte von Margaux und Tochter von Mariel und damit Ur-Grosstochter von Ernest Hemingway). Und der Plot ist auch sonst etwas wilder als im französischen Pendant.

    Hemingway spielt Jane, eine 21jährige Bimbo-Blondine in Kalifornien, welche mit ihrer dauernd zugekifften Bimbo-Freundin und deren Freund in einem gemeinsamen Haushalt lebt. Wovon, das stellt sich erst im Verlauf der Geschichte heraus und erhöht die Kontraste, die Emotionen und das dramatische Gefälle um ein Mehrfaches. Zunächst wird Geschichte dadurch angeschoben, dass Jane an einem Yard-Sale der 85jährigen Sadie eine alte Thermoskanne abkauft und zuhause feststellt, dass darin zehntausend Dollar in gerollten Noten versteckt waren. Ihre Versuche, der alten Frau davon zu erzählen, scheitern an ihrem abweisenden Wesen.

    Starlet 3

    Aber irgendwie fühlt sich Jane zu der alten Frau hingezogen, einerseits durch ihr schlechtes Gewissen, andererseits offensichtlich stimuliert durch die Herausforderung. Jane hat einen Chihuahua der auf den Namen Starlet hört und im Film zunächst lange die einzige sympathische Figur abgibt.

    Vor allem die kiffenden, fluchenden, kreischenden und allen Attributen bimbomässiger Oberflächlichkeit zugetanen jungen Frauen stellen einen auf eine ordentliche Geduldsprobe. Und als schliesslich klar wird, wie sie rein ökonomisch in den kalifornischen Alltag eingebunden sind, stellt sich noch eine zusätzliche Faszination ein. Und der Kontrast zu Sadie in ihrem eingewachsenen Hexenhaus wird noch grösser.

    Starlet 2

    Aber Sean Baker schafft es schon mit der ersten Einstellung Neugier zu wecken und diese zu halten. Der Titelvorspann zeigt nur einen teil eines Haarschopfs, schliesslich tauch das verschlafene Gesicht von Jane auf und ein wenig später der Hund unter der Decke.

    Wie bei den meisten dieser Geschichten, in denen ein junger Mensch und ein alter sich zusammenraufen, ist etliches absehbar und einiges zu erwarten. Aber das Drehbuch spielt mit Vorenthaltungen und Überraschungen und die Kamera freut sich an Mädchenbeinen, Bauchnäbeln, knappen Kleidchen und Unterwäsche mindestens so sehr wie an der Landschaft um LA und einem ungewöhnlichen Blick auf Suburbia californiensis.

    Dabei gelingen Baker ein paar subtile Blickveränderungen. Es dauert lange, bis sexy Jane so etwas wie ein persönliches Gesicht bekommt, lange Zeit ist ihr Gesicht ein fixierter Reiz wie ihre Beine, ihre Brüste oder ihr Bauch, ein Anziehungssignal, das vor allem Distanz schafft. Und dann kommt der Moment, in dem ein echtes Lachen die Maske auflöst, ein eigentlicher Schock.

    Starlet 4

    Der Film spielt mit seinem Indie-Image und geht recht weit für amerikanische Verhältnisse. Er ist aber auch sorgfältig produziert und er wird getragen von Dree Hemingway, die massiv Mut beweist. Starlet hat ein paar Längen und setzt vielleicht manchmal allzu bereitwillig auf Oberflächenreize in Kontrast zu emotionaler Distanz. Aber der Film ist ein Leopardenkandidat.

    Topics: Film, Filmbesprechung, Filmfestival, Regisseur/in, Schauspieler/in | Kein Kommentar »

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