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    Ein harter Brocken zur Eröffnung:

    Von Michael Sennhauser | 14. Mai 2008 - 12:58

    Julianna Moore und Mark Ruffalo in "Blindness" (c) Ascot Elite SchweizEs ist lange her, seit Cannes mit einem derartigen Hammer eröffnet wurde. Keine Frage, Fernando Meirelles Umsetzung des Romans «Blindness» von Literaturnobelpreisträger José Samarago ist ein beeindruckendes Stück Kino. Es ist eine naturalistisch-allegorische Apokalypse, die das Buch vorgibt: In einer Stadt bricht eine unbekannte Epidemie aus, Menschen erblinden von einem Moment auf den anderen und die Regierung beschliesst, alle Betroffenen in ein Quarantäne-Lager zu stecken. In diesem Gefängnis werden die Blinden sich selber überlassen und bald zerbricht der letzte Rest Solidarität in dieser isolierten Gesellschaft. Machtkämpfe, Egoismus und reine, tierische Gewalt beherrschen die Szenerie. Stellvertredend für uns, das Publikum, findet sich die von Julianne Moore gespielte Arztgattin als einzige (heimlich) Sehende unter all den Blinden in diesem «huit clos». Jahrelang

    hat José Samarago sich geweigert, sein Buch überhaupt für eine Verfilmung freizugeben. Kino zerstöre die Vorstellungskraft, war sein Argument, und sein Buch sei auf die Vorstellungskraft angwiesen. Fernando Meirelles hat ein paar wirklich einfallsreiche Methoden angewandt, um seinem Publikum die Vorstellungskraft nicht wegzunehmen. zunächst wir die Blindheit von den Betroffenen nicht als Dunkelheit, sondern als einförmiges milchiges Weiss beschrieben. Das erlaubt dem Filmemacher graduelle Übergänge. Manchmal wird das Bild einfach immer heller, bis man gar nichts mehr erkennen kann. Manchmal nutzt er unsichtbare Jump Cuts, das heisst, Menschen und vor allem Hindernisse, in die sie hineinstolpern, befinden sich plötzlich woanders im Bild. Aber es ist nicht nur die Vermittlung der Hilflosigkeit des Nicht- Sehen- Könnens, sondern ein konstantes Spiel mit der Hilflosigkeit und der Wut generell… Dass der Film wie das Buch die Vorstellung einer Gesellschaft ohne jede Solidarität so konsequent durchspielt, dass zuerst eine Gruppe im Lager die Nahrungsversorgung unter ihre Kontrolle bringt und schliesslich, als alle anderen keine Wertgegenstände mehr haben, darauf besteht, die Frauen müssten ihnen zu Diensten sein, führt allerdings dazu, dass der Film zwischendurch etwas Parabelhaftes bekommt. Die gleiche Wirkung erzielt Meirelles auch mit Danny Glover in der Rolle des Erzählers, der periodisch ein bisschen kommentiert. Vielleicht braucht es aber auch diese Brüche mit dem Realismus, um den Film überhaupt aushaltbar zu machen. So kurz nach dem ersten Ansehen will ich noch nicht beurteilen, wie «nachhaltig» «Blindness» sein dürfte. Aber eine Behauptung setze ich gerne jetzt schon in die Welt: Meirelles hat mit diesem Film geschafft, was der Österreicher Michael Haneke immer angestrebt hat (und mit «Wolfszeit» wenigstens annähernd erreicht hat): Eine Emotionalisierung des Publikums, die nicht über die eingespielten Gut-Böse-Muster funktioniert (oder wenigstens nur teilweise), und daher auch nicht befreidigend abgeschlossen werden kann. Dazu passt auch der doppelte utopische Schlenker am Ende, der möglichweise verstörender nachwirkt, als der ganze vorangegangene Horror. Ein Kollege hat den Film als «Lord of the Flies» mit Erwachsenen bezeichnet. Das trifft allenfalls die Struktur, ganz sicher aber nicht den Kern dieser Geschichte. Ach ja: Die Schauspieler sind beeindruckend, insbesondere Julianne Moore in ihrer überaus ambivalenten Rolle.

    Julianne Moore in "Blindness" (c) Ascot Elite Schweiz

    Topics: Film, Filmfestival, Schauspieler/in | Kommentare deaktiviert für Ein harter Brocken zur Eröffnung:

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