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    Diagonale 09: Zweimal Glawogger ‚Das Vaterspiel‘ und ‚Contact High‘

    Von Michael Sennhauser | 20. März 2009 - 22:59

    Das Vaterspiel Sabine Timoteo Michael Glawogger
    Sabine Timoteo ist Mimi in Michael Glawoggers ‚Das Vaterspiel‘

    Michael Glawogger war schon ein monumentaler Exportschlager des Filmlandes Österreich, bevor das hiesige ‚Filmwunder‘ so richtig eingesetzt hatte. 1998 wurde sein spektakulärer Dokfilm Megacities (eine Art Slumdog Millionaires in Realität) zu einem Festivalhit. Glawogger hat seit 1984 mindestens 14 Filme gemacht, der nächste Spielfilm ist bereits in Arbeit. Und an der diesjährigen Diagonale ist er mit gleich zwei Spielfilmen präsent (wie sein Kollege Andreas Prochaska übrigens auch): Das Vaterspiel und Contact High. Dass beide Filme vom gleichen Regisseur sind, ist dabei nicht minder verblüffend als ihre jeweilige Radikaliät in ihren Genres (so man sie überhaupt zuordnen will). Eine Literaturverfilmung einerseits, eine Komödie andererseits.

    Das Vaterspiel

    Dieses Umsetzung des Romans von Josef Haslinger wurde an der Berlinale im Panorama spezial uraufgeführt und wirkt (nicht nur auf mich) wie ein Gegenentwurf (um nicht zu sagen Gegengift) zu Stephen Daldrys The Reader und dessen Bestsellervorlage, Bernhard Schlinks Der Vorleser.

    Das Vaterspiel Sabine Timoteo Helmut Köpping Michael Glawogger
    ‚Das Vaterspiel‘: Sabine Timoteo, Helmut Köpping

    Es sind mindestens drei komplex verwobene Geschichten, um die sich der Film dreht. Im Mittelpunkt steht Ratz, der Sohn eines SP-Ministers, der seinen Vaterhass kultiviert, indem er ein abstruses Computerspiel programmiert hat. Es handelt sich um einen simplen Ego-Shooter, bei dem der Spieler haufenweise Gegner mit dem eingesetzten Gesicht ihres Vaters weg ballern können. Eines Tages wird Ratz von seinem einstigen Unischwarm nach New Jersey gebeten. Er soll für sie den Keller im Haus ihrer Grossmutter ausbauen, in dem sich der Grossvater, ein NS-Verbrecher aus Litauen, seit dreissig Jahren versteckt hält. Parallel dazu gibt ein von Ulrich Tukur gespielter Mann seine Erzählung von den Verbrechen des Alten zu Protokoll.

    Nicht nur in der verknappten Nacherzählung ergeben sich abstruse Oppositionen, der Film kultiviert sie selbst und schafft gleichzeitig andauernd wunderbar stimmige Momente und Szenen. Es sind im Prinzip kaum voll entwickelte Figuren, sondern Avatare, die in einem komplexen Verschiebespiel um Schuld, geforderte und nicht gewährte Reue, tatsächliche und virtuelle Greueltaten, kurzfristig Funktionen übernehmen und die Zuschauer so in den Irrwitz mit einbeziehen.

    Dass alle Schauspieler dabei sehr naturalistisch agieren, mit Ausnahme der sonst so effortlos überzeugenden Sabine Timoteo, trägt weiter zu diesem Gefühl bei, man befinde sich tatsächlich in einer Simulation. Die von Timoteo gespielte Mimi trägt Designerkleider und Perücken (Mimi ist komplett haarlos, was sie in einer Szene, in der sie aussieht wie eine noch nicht angezogene Schaufensterpuppe auch unter Beweis stellt) und wirkt daher um so stärker als Projektionsfläche für Ratz. Und der wiederum gewinnt kaum persönliche Konturen, sondern saugt bloss Eindrücke aus seiner Umgebung auf, so wie eine Spielfigur im Adventure-Game Gegenstände einsammelt.

    Zum überhöhten, oft künstlichen, aber dafür emotional extrem aufgeladenen Stimmung trägt nicht unwesentlich die Musik von Olga Neuwirth bei, welche fast mühelos Stimmungen kippen und zerfliessen lässt. Das Vaterspiel in der Filmfassung von Michael Glawogger umgeht mit seiner komplexen Struktur den grössten Teil der so bequem und häppchenweise konsumierbaren Pseudo-Auseinandersetzung mit Schuld und Vergangenheit, die Schlinks Roman und Daldrys Filmfassung The Reader so erfolgreich gemacht haben. Dabei wird der Film, der erst Ende Jahr ins Kino kommen soll, noch etliches zu diskutieren geben, nicht zuletzt genau darum, weil er auf jegliche Bequemlichkeit verzichtet, auch auf die, am Ende als rundes Ganzes dazustehen.

    Contact High

    Detlev Buck als Darsteller in einer Komödie? Man zweifelt immer ein wenig im Vorfeld. Ist der Vierschrot wirklich komisch, oder wirkt er nur so, wenn das Material stimmt? Im Falle von Michael Glawoggers Contact High trifft beides zu. Oder goar nix. Das ist nämlich einer jener Filme, die entweder einfahren, oder eben nicht.

    Contact High Michael Glawogger
    ‚Contact High‘: Detlev Buck, Georg Friedrich, div. Hühner

    Man stelle sich vor Glawogger (Jahrgang 1959) träumt von Lucie in the Sky with Diamonds, erinnert sich in einer bekifften Nacht an die Cheech & Chong-Filme der 70er Jahre und schaut sich dann, zum Beispiel, einen Tarantino-Film an. Und beschliesst, diesen Teil unserer Jugend, der wirklich längst ‚Up in Smoke‘ ist, noch einmal zu beschwören. Contact High erzählt vordergründig (und mehr als Vordergrund ist da nicht) von zwei liebenswerten Deppen, welche die Imbissbude Wurst & Durst führen, aber vom deutschen Gelegenheitsgangster Harry (Buck) über Umwege nach Polen geschickt werden, eine geheimnisvolle Tasche zu bergen.

    Viel zu erzählen gibt es gar nicht, der Film fängt niveaumässig irgendwo bei Terence Hill & Bud Spencer an (minus die Prügeleien) und schlawinert sich dann zunehmend absurder über die polnische Grenze nach Krakau, und schliesslich nach, autsch, Drogomysl. Polizisten sind Schweine wie bei Robert Crumb, eine psychedelische Disconacht wird von Frauen mit Hundeköpfen bevölkert, die beiden Hauptfiguren wachen als Riesen im geschrumpften Hotelzimmer auf: Contact High ist rappelvoll mit Reminiszenzen, Erinnerungen und Versatzstücken. Und ich konnte mir nicht helfen, ich kam tatsächlich nach etwa der Hälfte in den Genuss eines Contact High. Es klang zwar vor Ende des Films wieder ab, flammte noch einmal auf in der wirklich wunderschön psychedelischen Schlusssequenz, und machte dann der Verblüffung darüber Platz, wie gross die Bandbreite des Filmemachers Michael Glawogger wirklich ist. Und wie wenig ihn ein klar definiertes Image zu interessieren scheint.

    Ich treffe Glawogger morgen zum Interview, aber ich bin mir gar nicht sicher, ob ich mehr Licht brauche in Sachen Contact High. Der Film ist. Er ist, und er wird von den einen nicht einmal ansatzweise verstanden oder goutiert werden, während er für andere zum Kultstück werden dürfte. Geh bitte, des kann ma si do am Oasch ofingerln, wia die G’schicht ausgeht! S’is eh a Schmäh. Aber passt scho.

    Contact High Michael Ostrowski Raimund Wallisch Michael Glawogger
    ‚Contact High‘: Michael Ostrowski, Raimund Wallisch

    Topics: Film, Filmfestival | Kommentare deaktiviert für Diagonale 09: Zweimal Glawogger ‚Das Vaterspiel‘ und ‚Contact High‘

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