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    Abschied eines Filmkritikers von der Filmkritik

    Von Michael Sennhauser | 12. Juni 2009 - 00:52

    che NZZ

    Christoph Egger ist/war der letzte „hauptamtliche“ Filmredaktor der leider bereits legendären Filmredaktion der Neuen Zürcher Zeitung NZZ. Jahrzehntelang hat er die Tradition der fachlich fundierten Kritik, des kritischen Kulturjournalismus und der sorgfältigen Begleitung des einheimischen und globalen Filmschaffens gepflegt. Christoph Egger war es auch, der mir kurz nach meinem Studium, als ich mich als Filmjournalist selbständig machte, den (gelegentlichen) Sprung von der Lokalzeitung ins nationale Feuilleton ermöglichte. Sein revolutionäres Kürzel che. und seine wohlüberlegte, besonnene Art, an die Themen heranzugehen, habe ich immer als witzigen Kontrast empfunden. Jetzt aber geht auch bei der NZZ eine Ära zu Ende, Christoph Egger wird frühpensioniert, die Filmredaktion der NZZ, die schon in den letzten Jahren massiv zusammengestrichen wurde, hört faktisch auf zu existieren.

    Um so verblüffender Christoph Eggers heutiger Text in der NZZ, der unter dem Titel „Abschied von der Filmkritik“ nüchtern und bilanzierend vom Verschwinden der Filmkritik in der Tageszeitung berichtet, von einer Verschiebung in die Blogs und die „neuen“ populären Papiermedien. Es ist nicht der erste Text eines altgedienten NZZ-Hasen, der im Stammblatt selber kaum verschlüsselt die Vorgänge im eigenen Haus rapportiert und indirekt kommentiert. Während bei der Zürcher Konkurrenz, im Haus Tages-Anzeiger, vom Mai-Massaker die Rede ist und die Gewerkschaften Unterschriften sammeln gegen das Ausbluten der Redaktionen, verschwindet bei der NZZ klammheimlich und fast unbemerkt das eigentliche Kapital der „alten Tante“ in der Frühpension: Die Fachredaktionen, die Spezialisten. Und Nachwuchstalente wie die mit dem Prix Pathé für Filmkritikerinnen und Filmkritiker ausgezeichnete Alexandra Stäheli werden mit Mini-Teilpensen wohl eher vergrämt als zurückgehalten.

    Warum das so sein könnte, schildert Egger mit augenzwinkernder Unbeteiligtheit so:

    Seit einigen Jahren ist nun allerdings eine Entwicklung im Gang, die zu signalisieren scheint, dass die «klassische», mit der Tageszeitung verbundene Filmkritik, wie sie sich im Verlauf eines knappen Jahrhunderts etabliert hat, an ein Ende gekommen ist. Die gegenwärtige Wirtschaftskrise, die sich als konjunkturelle mit der durch das Internet repräsentierten Strukturkrise verbündet, um so den (Tages-)Zeitungen die Anzeigenerträge gleich doppelt wegbrechen zu lassen, hat bisher vor allem in den USA zu einem «Kritikersterben» unter den Redaktionsmitgliedern geführt. […]

    Tod durch Umarmung
    Doch nicht nur von «unten», durch Reduktion und Verkürzung, erscheint die fachlich fundierte Kritik bedroht. Immer stärker wird der Film, gerade in akademischen Kontexten, nicht mehr als er selbst, sondern als Beleg für etwas genommen. […]

    Tatsächlich sind wir alle (auch wir von der „mittelalterlichen“ Garde) mit unserem Beruf und unserer Berufung an einem Punkt angelangt, wo nicht mehr nur ökonomische Probleme unser kritisches Denken behindern. Die Panik und Kopflosigkeit in den klassischen Verlagen findet ihr Echo im wilden Basteln online, jeder Blogger, jede Bloggerin wird hin und wieder eingeholt vom einst so verpönten Quotendenken, zumindest dann, wenn er oder sie die Nutzungsstatistik der eigenen Ergüsse betrachtet. Aufmerksamkeit als Währung ist nicht neu, das System der „Peer Reviews“ hat sich allerdings verändert, weil nicht mehr klar ist, wer die Peers denn überhaupt sind: Wir können uns und unser Tun und Lassen ja kaum mehr selber gültig definieren, geschweige denn in Abgrenzung zu anderen. Das ist durchaus faszinierend. Aber es braucht auch Nerven. Und letztlich können wir auch in Bezug auf uns und unsere Arbeit nur das beherzigen, was Christoph Egger am Ende seines Textes zitiert:

    Was nun den Kritiker anbelangt, so hat er stets denselben Wunsch wie sein Alter Ego aus «Ratatouille». Gefragt, ob er und was für ein Dessert er wünsche, antwortet der fast wunschlos glückliche Anton Ego mit dem Wahlspruch des Kritikers: Surprise me!

    Anton Ego in Ratatouille Pixar

    Gastro-Kritiker Anton Ego in Pixars 'Ratatouille' © Disney

    Nachtrag vom 29. Juni 2009: Aufgrund der anhaltenden Diskussion in den Feuilletons und in der Blogosphäre möchte ich nun doch noch einen Hinweis von Christoph Egger selbst nachtragen: Er wird zwar bei der NZZ frühpensioniert, das bedeute aber keineswegs, dass er aufhören werde, zu schreiben, wie er betont. Als freier Mitarbeiter und Filmkritiker bleibt er  seiner Zeitung erhalten. Auch wenn die nun keine eigene Filmredaktion mehr hat.

    Topics: Autor / Drehbuchautorin, CH Film, Filmgeschichte, Texte zum Kino, Webtipps | 9 Kommentare »

    9 Comments

    1. […] Und vor allem stand da, was mal wieder unglaublich typisch ist fürs papierne Zeitungswesen, überhaupt nicht, was der eigentliche Hintergrund dieses Artikels war. Dafür muss man schon das ohnehin immer lesenswerte Schweizer Filmblog von Michael Sennhauser lesen. Darin erfährt man […]

      Kommentar by cargo-film.de » Ekkehard Knörer — 12. Juni 2009 @ 09:59

    2. Ich lese das mit grossem Interesse und Vergnügen und frage mich, warum ich das nicht auch höre bei uns aufm Sender?

      Kommentar by Patrick — 12. Juni 2009 @ 16:04

    3. @Patrick Danke. Vielleicht weil ich gerade Ferien habe? Oder weil Couchepin heute wichtiger war?

      Kommentar by sennhauser — 12. Juni 2009 @ 16:21

    4. Es wird Zeit, dass Egger geht. Er war viel zu lange Filmkritiker! Was soll seine Selbstbeweihräucherung in diesem langweiligen NZZ Artikel über Filmkritiker? Wann geht (oder wird gegangen) endlich Thomas Bodmer vom Züritipp weg? Öfters verdirbt mir so ein Kritiker wie er den Spass an einem guten Film. Mit reicht eine kurze Inhaltsangabe um zu entscheiden, ob ich einen Film im Kino sehen will oder nicht. PS: übrigens Sennhauser, du bist ok!

      Kommentar by Petra — 13. Juni 2009 @ 14:49

    5. Es ist in der Tat bedauerlich, dass die Filmkritik mehr und mehr in ihrer ursprünglichen Form beschnitten und lediglich als verlängerter Arm der PR-Maschinerie instrumentalisiert werden soll.

      Diese Debatte ist allerdings nicht neu, sondern reicht ungefähr dreissig Jahre zurück, als der Tages-Anzeiger mit dem Züri-Tipp ein Ausgehmagazin gründete und zugleich die Redaktion von den Kinobetreibern mit dem drohenden Rückzug von Inseraten massiv unter Druck gesetzt wurde. Der Protest fiel damals sehr moderat aus, worüber ich mich – als damals junge Filmkritikerin – nur wundern konnte.

      Es ist also eine politische Frage, inwiefern es den Zeitungen noch möglich ist, ihre Unabhängigkeit zu wahren und kulturelle Praktiken über das Tagesgeschäft hinaus zu reflektieren.

      Damit komme ich zum zweiten Punkt. In Christoph Eggers Artikel scheint ein eigenartiger anti-akademischer Reflex auf. Ich zitiere:

      „Eine Art Metakritik muss sich wiederum jene psychologistisch argumentierende Filmwissenschaft vorwerfen lassen, die mit ihrem Freud-Lacan-Besteck so lang im Film herumstochert, bis der Braten, unter der ganzen Tunke aus Hermetik und Trivialem, kalt geworden ist.“

      Ganz abgesehen davon, dass das Freud-Lacan-Besteck schon seit ein paar Jahrzehnten von einer Mehrheit der Filmwissenschaftler zur Seite gelegt wurde, kann ich nicht verstehen, warum sich die Filmkritik nicht Impulse aus der theoretischen Beschäftigung mit Film holt. Denn wo sonst denn in der akademischen Welt herrscht heute jene Freiheit, den Phänomenen auf den Grund zu gehen, Zusammenhänge in aller Tiefe auszuloten, zu analysieren und zu strukturieren, ohne einen unmittelbaren Zweck zu verfolgen, der möglicherweise von wirtschaftlichen Interessen gesteuert wird.

      Es ist übrigens keineswegs so, dass „die Gesellschaft“ kein Interesse daran hätte, einen Blick hinter die Oberfläche der Phänomene zu werfen. Davon zeugt gerade der Wunsch vieler Jugendlicher, Filmwissenschaft zu studieren.

      Aber gut, dass Christoph Egger mit seinem Artikel die Diskussion darüber anfacht, was eine Filmkritik zu leisten hätte und wo sie heute ihren Platz in der Gesellschaft finden kann.

      Barbara Flückiger

      Kommentar by Barbara Flueckiger — 11. Juli 2009 @ 09:35

    6. Filmkritiker früher waren Intellektuelle häufig ohne besonderen Bezug zum Thema, was es natürlich gerade auch interessant macht. Bildung, Erkenntnis und formaler Ausdruck sind in der Warengesellschaft nicht erwünscht: Die Kinobetreiber jener Tage liefen gegen den nestbeschmutzerischen Idealismus noch Sturm. Auch in Basel wurden die „Basler Nachrichten“ boykottiert. Filmkritik heute ist Expertentum ohne Subversion, das sich frontal annähert, bzw. immer schon da ist. Wenn ein Film kritisiert wird, bleibt die Abhandlung im Grunde affirmativ. So beklagt zum Beispiel der Journalist der Basellandschaftlichen Zeitung (AZ Medien-Gruppe) in seinem Artikel den Schund, der gleichzeitig mit prominentem Bild ganzeitig auf der Frontseite des Kulturbundes erscheint. Trivialität ist mit Hilfe der Ironie längst kein Feind mehr und bekommt die Aufmerksamkeit, die es nicht verdient. Souveränes Niveau gilt als prätentiös. Unverdächtiger Ratgeberjournalismus tritt an die Stelle der Dialektik. Einen Film gut oder schlecht zu finden, sagt nichts. Einen Film zu kennen, macht wichtig. Kino braucht Niemandsland.

      Kommentar by Stefan Peter — 13. Juli 2009 @ 06:19

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