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    Duisburg 09: LOST TOWN von Jörg Adolph

    Von Michael Sennhauser | 4. November 2009 - 09:50

    LOST TOWN von Jörg Adolph

    Filme sind immer auch gefährdete Projekte, und insbesondere Dokumentarfilme sind risikobehaftet, weil die Filmenden oft nicht wissen, wie ihre Geschichte schliesslich enden wird. Darum erzählt jeder gute Dokumentarfilm auch die Geschichte seiner eigenen Entstehung mit. Jörg Adolph begleitete für Lost Town über etliche Jahre hinweg die jungen Münchner Architekten Anne Niemann und Johannes Ingrisch auf ihrem Feldzug für ein preisgekröntes Projekt. Die beiden hatten, gleich nach dem Studium, einen britischen Konzeptwettbewerb gewonnen, mit ihrem Plan, an der erodierenden englischen Ostküste eine oder mehrere im Meer verschwundene Kirchen als Silhouetten aus rostfreien Stahlsäulen wieder in Erinnerung zu rufen. Der Preis bestand in der Finanzierung einer konkreten Machbarkeitsstudie, welche erfolgreich abgeschlossen wurde. Bis auf den erbitterten Widerstand der Menschen in dem kleinen Ort, wo das Projekt geplant war.

    An diesem Punkt ersetzt nicht nur die Politik die Vision, hier setzt auch der Film von Adolph ein. Er begleitet die beiden jungen Deutschen immer wieder nach England, auf ihren Überzeugungskreuzzügen gegen die sich jeglicher Veränderung verschliessenden Küstenbewohner. Zunächst dominiert die blonde Anne Nieman den Film und die Townmeetings. Sie gleicht frappierend Franka Potente und ihr energisches, deutsch gefärbtes Englisch hilft ihr offensichtlich nicht bei den um ihre Beschaulichkeit fürchtenden britischen Küstenrentnern. Johannes Ingrisch verschwindet zunächst fast, er scheint der poetische Visionär im Hintergrund zu sein, derjenige, der zwar träumen kann, aber seinen Träumen nicht ganz traut. Im Verlauf des Films dreht sich das aber komplett, etliche Jahre nach dem Anfang und gegen Ende des Films ist der nun bärtige Johannes plötzlich Vater, Chef eines Architekturbüros, ein begabter Pianist und derjenige, den die sichtlich müde Anne zu mehr Einsatz aufruft mit dem erschlagenden Hinweis: „Du bist doch der Mann hier. Ihr habt das Flugzeug erfunden…“

    Mit diesem, wohl durchaus von der Entwicklung der Dinge vorgezeichneten dramaturgischen Kniff fängt Jörg Adolph die Antiklimax des Scheiterns der beiden auf. Und er tut dies so wie fast alles in seinem Film: Gerade so offensichtlich, dass ich es als Zuschauer erkennen kann, wenn ich will, aber nicht muss. Dass er von Anfang an nicht einverstanden war mit jenen Fernsehredaktionen, welche der Meinung waren, die Geschichte der beiden Jungarchitekten ergäbe nur dann einen guten Film, wenn sie schliesslich triumphieren würden, liegt unterschwellig dauernd in der Atmosphäre des Films. Das mögliche Scheitern (das überdies noch eine dramatische Komponente von politischem Verrat aufweist am Ende) ist nämlich tatsächlich die Kraft in diesem Film. Und darum triumphiert Lost Town als Dokumentarfilm am Ende – weil der Filmer eben nicht gescheitert ist und unterwegs auch immer wieder klar macht, wo er seine Sicherheiten sieht.

    Am schönsten macht diesen Mechanismus übrigens eine Binnenszene im Film deutlich. Adolph filmt ein britisches Fernsehteam, welches die Jungarchitekten am Strand inszeniert. Der Fernsehregisseur weist Anne und Johannes darauf hin, dass sie in einer Szene nicht gleich nebeneinander stehen wie in der vorhergehenden und weist sie an, die Plätze zu tauschen. Und während die beiden das tun, sagt er grinsend in die Kamera von Adolph: A little continuity problem … ein kleines Anschlussproblem.

    Nachtrag 23. Nov.09: LOST TOWN erscheint Anfang nächsten Jahres bei der DocCollection auf DVD – www.doccollection.de ist die Bestelladresse.

    Jörg Adolph mit Meerschweinchen (Mikrofonwindschutz)

    Jörg Adolph mit Meerschweinchen (Mikrofonwindschutz)

    Topics: Autor / Drehbuchautorin, Dokumentarfilm, Film, Filmbesprechung, Filmfestival, Regisseur/in | 1 Kommentar »

    1 Kommentar

    1. Sehr geehrter Adolph

      Ein sehr interessanter Film. Ich hoffe es bleibt nicht nur bei der Idee dieses Projektes lost town, sondern, dass Geldgeber für die Umsetzung des Projektes gefunden werden. Ich könnte mir dieses Projekt auch in der Schweiz vorstellen….

      Mit freundlichen Grüssen
      Ph. Gadient

      Kommentar by Gadient — 24. März 2010 @ 18:30

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