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    Abbitte bei Alain Tanner

    Von Michael Sennhauser | 4. Dezember 2009 - 15:04

    Messidor von Alain Tanner

    Alain Tanner hat Geburtstag, und ich habe mich zur vielleicht perversesten, sicher aber ungewöhnlichsten Hommage meiner journalistischen Laufbahn entschlossen. Am Sonntag wird er 80 Jahre alt, die Verkörperung des international erfolgreichen Schweizer Autorenfilms, das Aushängeschild der siebziger Jahre, der Mann, der sich mit Charles mort ou vif (1969) und La salamandre (1971) eigentlich schon unsterblich gemacht hatte. Sein Jonas qui aura 25 ans en l’an 2000 von 1976 ist einer der Lieblingsfilme einer ganzen Generation, und ich habe ihn geliebt für Messidor von 1979, seine urschweizerische Vorwegnahme von Thelma & Louise.

    Alain Tanner

    Seit 1991 aber bin ich Alain Tanner nach Möglichkeit aus dem Weg gegangen, selbst zu den Zeiten, in denen ich ihm als Redaktor der Branchenzeitschrift Cinébulletin gelegentlich hätte begegnen müssen. Der Grund dafür war ein permanent schlechtes Gewissen, denn Tanners Film L’homme qui a perdu son ombre von 1991 hatte mich zu einem der giftigsten Verrisse meiner Laufbahn provoziert. Ich stehe noch heute dazu, dass der Film verunglückt ist, aber die Häme des Textes kann ich heute nur noch mit enttäuschter Liebe erklären: Ich hatte Tanner verehrt, und ich mochte nicht miterleben, wie er sich im Alter verlor. Damit nun auch andere das Ausmass meiner Enttäuschung nachvollziehen können, und als Vertreibung alter Geister, habe ich den Text aus der Zeitung von 1991 abgetippt (das Original liegt irgendwo auf einer ATARI 3.5 Zoll Diskette in einem antiken Format) und stelle ihn hier in den Blog.

    Ich gratuliere Alain Tanner ganz herzlich zum Geburtstag und hoffe, er lese heute weder Deutsch noch Internet. Falls aber doch: Bitte nehmen Sie die fast zwanzig Jahre alte jugendliche Tirade als Ausdruck enttäuschter Liebe und damit als verkappte Liebeserklärung an!

    [Basellandschaftliche Zeitung, 12. September 1991]

    Ausführlich ausgebrannte Leere

    In Locarno traf er auf ein mehrheitlich unwilliges Publikum. Jetzt stellt sich Alain Tanners neuer Film „l’homme qui a perdu son ombre“ den Basler Filmfreunden. Professionelle Bilder der Leere. Tanners Film läuft ab morgen in Basel.

    Was macht ein Mann, wenn er nicht mehr weiter weiss? Er lässt seine blässliche Frau in Paris mit dem Kind sitzen und fährt (mit dem Motorrad) nach Andalusien zum väterlichen Freund. In Andalusien fährt er dann in der Wüste (Savanne? Pampas?) herum (mit dem Motorrad) und führt tiefsinnige Gespräche mit dem väterlichen Freund, bis die Frau ihn mit Hilfe einer ehemaligen Freundin aufspürt. Jetzt ärgert sich der Mann über die klettenhafte Beharrlichkeit dieser Weiber, geht mit der Exfreundin ins Bett und danach mit der Frau in die Wüste (mit dem Motorrad). In der Wüste will ihm die Frau erst mal die Leviten lesen, schläft aber dann doch lieber mit ihm, und sie fahren zurück (mit dem Motorrad). Nun muss nur noch der väterliche Freund sterben, dann können die beiden zurück nach Paris. Geändert hat sich bestimmt nichts inzwischen, höchstens, dass der Sohn der beiden, den die Mutter zusammen mit der Regie bei ihrer Mutter (oder war’s die Schwiegermutter?) deponiert hatte, ein paar Tage gealtert ist. So macht man einen Jonas, der dann im Jahr Zweitausend ebenfalls zum frustrierten Mann herangewachsen sein dürfte.

    Nichts geht mehr

    Was macht ein Regisseur, wenn ihm nichts mehr einfällt zum Leben? Filme über die grosse Leere. Tanner tut das, seit er 1987 mit „La Vallee Fantôme“ seinen „filmischen Bankrott“ erklärte (Dominik Slappnig, Zoom). Aber jener Film hatte eine tragische Grösse, tönte den kommenden Unsinn erst leise an. Mit „Une flamme dans mon coeur“ (1987) und „La femme de Rose Hill“ (1989) versuchte er dann verzweifelt, über sein eigenartig projizierendes Frauenbild wieder ins Leben zurück zu finden. „L’homme qui a perdu son ombre“ ist natürlich auch wieder Tanner. Diesmal tritt er auf als einer jener faden jungen Männer mit runder Nickelbrille, Piktogramm für die enttäuschten Post-Achtundsechziger wie der gute alte „Gilb“ für ungewaschene Vorhänge. Bei Tanner heisst er Paul (Dominic Gould, Frankoamerikaner). In Lars von Triers „Europa“ hiess er Leopold Kessler (Deutschamerikaner) und wusste auch nie genau, was um ihn herum vorging.

    Leidenschaft leidet leider

    Und der väterliche Freund? Weiss wenigstens der noch, worum’s im Leben geht? Gespielt wird er von Francesco Rabal, und wenn er nicht gerade Suppe löffelt, gibt er Sentenzen von sich oder heizt die „Leidenschaft“ an, indem er sich für ein belebendes Mass an „Geschlechterkampf“ ausspricht. Dass so einer am Schluss des Films sterben muss, entspricht nicht nur der inneren Logik des Drehbuchs, sondern auch dem innigen Wunsch des Publikums. Stellvertretender Tod durch Langeweile.

    Frauen, Kletten des Lebens

    Wenn schon die Männer nichts hergeben, was halten wir denn von den Frauen? Bringen sie die ersehnte Erlösung? Eine allein genügt bestimmt nicht, das Prinzip Frau ist selbst bei Tanner ungemein vielschichtig. Das blässlich-blonde Heimchen Anne (Valeria Bruni-Tedeschi) verkörpert so etwas wie Beharrlichkeit und Treue. Jedenfalls genügt sie nicht für den gelangweilten Paul, auch wenn er sie geheiratet hat. Da war ja einst noch die Leidenschaft im Spiel, mit der schwarzhaarigen (!) Maria (!), gespielt von Angela Molina (!), welche von der empörten (!) Anne als Pfadfinderin (!) zum entwichenen (!) Gatten geschleppt wird. Liebhaber wunderschöner Aufnahmen der andalusischen Küste kommen bei diesem Film auf ihre Kosten. Tanner-Hasser ebenfalls. Und selbst die nostalgischen Tanner-Freunde, denn, so formulierte es ein verdienter Kenner der Schweizer Filmszene in Locarno: Das ist zwar ein greulicher Film, aber zumindest wieder ein echter Tanner, wie früher. Tatsächlich erscheint nicht nur bei näherer Betrachtung alles schon dagewesen, überhaupt, und auch, bei Alain Tanner. Seine Obsessionen, seine Geschwätzigkeit und sein unbestrittenes Können. Von alter Frische kann da nicht die Rede sein, schon eher von alter Leere, Resignation und einem, wie es scheint, ununterdrückbaren Verlangen, sich an einem Publikum zu rächen, das den Regisseur so gnadenlos ausgebrannt hat. Saubere Bilder, viele Worte, ganz frisch abgestanden.

    Michael Sennhauser

    l homme qui a perdu son ombre von Alain Tanner Plakat

    Topics: Autor / Drehbuchautorin, CH Film, Filmbesprechung, Leute, Regisseur/in | 2 Kommentare »

    2 Comments

    1. Hehe, souverän würd ich sagen. Hab den „homme“ eigentlich in bester Erinnerung, und diese Zeilen nun machen umso mehr Lust, ihn mal wieder irgendwo reinzuziehen.

      Nur schon um zu prüfen, ob ich mein damaliges wohlwollendes Verdikt eventuell ebenso revidieren muss…

      Kommentar by PeeWee — 4. Dezember 2009 @ 19:50

    2. Vielen Dank für diese bemerkenswerte, wenn auch nicht unkritische Verbeugung vor dem grossen Regisseur, der mein Heranwachsen begleitete, anlässlich seines 80.Geburtstags. Es wäre zu wünschen, dass sich das Schweizer Fernsehen, das seine Filme einst mit Begeisterung ausstrahlte, mit weitgehend vergessenen Perlen wie „Le Retour d’Afrique“ oder „Le Milieu du Monde“ ebenfalls seiner annähme. Leider gehört er dort zu den Verschollenen und Vergessenen, obwohl er etwa einem Lionel Baier als Vorbild dient.

      Kommentar by Zodiac — 7. Dezember 2009 @ 00:33

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