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    SFT10: Mehr Filme für weniger Journalisten

    Von Michael Sennhauser | 21. Januar 2010 - 10:21

    WoZ 100121 Filmjournalismus

    Heute beginnen in Solothurn die 45. Filmtage. Aber während die meisten Medien pflichtgemäss die Anzahl eingereichter Filme, der ausgewählten Minuten, den Zustand der Schweizer Filmlandschaft und allenfalls die Bilanz der Bundesfilmförderung rapportieren, greift die WoZ schon mal eine Woche vor und nimmt das vom Verband der Filmjournalistinnen und Filmjournalisten am kommenden Mittwoch veranstaltete Panel zum Anlass für einen Blick in die erodierende Landschaft des Filmjournalismus in der Schweiz:

    […] Allein im letzten Jahr mussten in der Deutschschweiz elf FilmkritikerInnen ihren Job aufgeben. «Die Zeitungen entlassen die fest angestellten Filmjournalisten und beschäftigen sie dann eventuell auf Abruf und zu viel tieferen Honoraren als freie Mitarbeiter weiter», kritisiert Nina Scheu, freischaffende Journalistin und SVFJ-Vorstandsmitglied. Als Folge dieser Sparmassnahmen müssten immer weniger fest angestellte FilmjournalistInnen den Überblick über ein stets steigendes Angebot von Filmen behalten: «Da die Zeit der Schreibenden immer knapper wird, werden immer häufiger auch Pressetexte übernommen. Das hat zur Folge, dass eine kritische Auseinandersetzung mit dem Film fehlt, dass stattdessen vorwiegend Werbetexte erscheinen und letztlich, dass vor allem jene Filme Platz in den Zeitungen bekommen, deren Verleiher genug Geld haben, das entsprechende Text- und Bildmaterial zu liefern. Kleine Filme von kleinen Verleihern laufen Gefahr, unterzugehen.» […]

    Silvia Süess hat für ihren WoZ-Artikel auch mit solchen kleineren Verleihern gesprochen, etwa mit Anna-Katharina Straumann, der Verantwortlichen für die Pressearbeit beim Xenix-Filmverleih, oder mit Bea Cuttat von Look Now! Dabei zeigt sich sich, dass die Misere auch aus unterschiedlichen Perspektiven eine Misere bleibt. Für die kleinen Verleiher bedeuten weniger aktive Filmjournalisten weniger indirekte Filmpromotion für ihre Nischenprodukte, für die verbleibenden Journalistinnen und Journalisten, dass sie immer mehr Printprodukte mit ihren Texten versorgen, ohne dabei mehr zu verdienen, weil das Kopfblatt-System mit den Inhaltsübernahmen ja auch den Verlegern in erster Linie bei der Kosteneinsparung helfen soll. Für die Leserinnen und Leser der Zeitungen schliesslich bedeutet das, dass es kaum mehr einen Grund gibt, mehr als eine Zeitung zu lesen, weil doch in allen das gleiche steht.

    Allerdings reicht es wohl nicht, die Wurzel des Übels in der Finanzknappheit der Printverlage und im Werbemarkt zu suchen. Mindestens eben so wichtig ist die globalisierte Marketingschlacht der grossen Filmproduzenten. Die Avatar-Eventkultur und das amerikanische Tentpole-System sind der stärkste Faktor im aktuellen Verdrängungskampf. Wenn das Werbebudget für einen Film sein Produktionsbudget erreicht, ist klar, dass von diesem Kuchen in der medialen Nahrungskette alle ein Stück abhaben wollen. Selbst Trittbrettfahren wirkt da kurzfristig attraktiv, und so überbieten sich sogar filmbegeisterte Blogger (die gar nicht in die mediale Nahrungskette eingebunden sind, bzw. gezielt mit Infohäppchen, Promotionsmaterial und „exklusiven“ Promo-Trailern für ihre Websites eingedeckt werden) mit der Hochrechnung der Zuschauerzahlen für Avatar und absurden Schwanzlängen-Vergleichen von Titanic und Gone with the Wind. Der Zahlenfetischismus, der einst vor allem die Inserate in Variety beherrschte, hat sich längst seinen Platz iim Restfeuilleton erobert. Absurderweise auch über das verzweifelte Bemühen von uns Filmjournalistinnen und Filmjournalisten, die Relevanz unserer Arbeit notfalls mit solchen als „harte Fakten“ empfundenen Argumenten zu demonstrieren. Wer sich auf diese Weise tarnt, verschwindet allerdings schnell im Grün des Dschungels.

    Mittwoch 27.1 11:00 – 12:30 Uhr im Stadttheater Solothurn | Podium:
    Sternchen statt Analysen? keine Zukunft mehr für Filmjournalismus?

    Entlassungen, Pensenreduktionen, Platzmangel: Der Niedergang der filmjournalistischen Berichterstattung ist längst nicht mehr nur das Problem einer vom Aussterben bedrohten Berufsgattung. Auf dem Podium des Schweizer Verbands der FilmjournalistInnen (SVFJ) diskutieren noch aktive und bereits weg gesparte KollegInnen mit Filmschaffenden und einem Vertreter aus der redaktionellen Chefetage.

    Moderation :Christian Jungen (Filmredaktor NZZ am Sonntag): Teilnehmende: Res Strehle (Tages-Anzeiger, Co-Chefredaktor), Christoph Egger (ehemals NZZ, frühpensioniert), Gerhard Midding (Berliner Zeitung, Vorstand Verband der deutschen Filmkritik), Bea Cuttat (Look Now!, Verleiherin)

    Topics: CH Film, Filmbusiness, Filmpolitik, Webtipps | 5 Kommentare »

    5 Comments

    1. »…und so überbieten sich sogar filmbegeisterte Blogger (die gar nicht in die mediale Nahrungskette eingebunden sind, bzw. gezielt mit Infohäppchen, Promotionsmaterial und “exklusiven” Promo-Trailern für ihre Websites eingedeckt werden) mit der Hochrechnung der Zuschauerzahlen für Avatar und absurden Schwanzlängen-Vergleichen von Titanic und Gone with the Wind.«

      Autsch :-(

      Pressetexte 1:1 als Besprechungen abzudrucken war meinen Beobachtungen nach eine Zeit lang bei 20 Minuten (notabene das leserstärkste Blatt der Schweiz) gang und gäbe.

      Kommentar by Lory — 21. Januar 2010 @ 10:52

    2. @Lory 20 Minuten und die anderen Gratisblätter haben den Trend zur Verwischung zwischen Inseraten und Promotexten und „Kritiken“ eingeläutet. Wenn der Redaktor des Kitag-Promoheftes auch gleich die redaktionellen Seiten in der Gratis-Zeitung füllt, nennt man das in der „Verlegerbranche Synergien nutzen“.
      Dass die Filmpromotionsfirmen die Blogs als Streufeld nutzen, kann man ihnen ja nicht verargen. Und dass die Blogger die Symbiose nicht ausschlagen, liegt in der Natur der Sache. Wichtig scheint mir, dass man sich auch als Blogger stets bewusst ist, was man macht. Wenn ich auf meinen ersten „Basterds“-Text aus Cannes Unmengen von Hits kriege, liegt das leider nicht an der Qualität meines Textes, sondern am längst mit Werbegeldern gekauften Interesse, das ich für ein paar Stunden auf meine Blogmühle lenken kann.

      Kommentar by Michael Sennhauser — 21. Januar 2010 @ 11:34

    3. «Autsch» ist ein wenig untertrieben, wenn man als hässliches Symptom für den Niedergang der filmjournalistischen Berichterstattung aufgehängt wird. Da wäre es zumindest anständig gewesen, diese zahlenverliebten Handlanger der verachteten Filmindustrie beim Namen zu nennen. Diese giftige Attacke fühlt sich aber sowieso ein wenig inkonsequent an, da gleichzeitig auf diese Trittbrettfahrer verlinkt wird. Wenn die Inhalte so absurd sind, sollten sie auch aus der Blogroll entfernt werden.

      Kommentar by Thomas — 21. Januar 2010 @ 16:56

    4. @Thomas Ich bin ein Blogger wie Du auch, und ich nehme mich nicht aus. Wir alle fahren Trittbrett, wir alle rutschen immer mal wieder in dieses Grenzgebiet, ich lasse auch am Radio hin und wieder Zahlen raus, weil sie für sich genommen beeindrucken. Was Du als giftige Attacke empfindest, wäre nur eine, wenn ich sie gezielt losgelassen hätte. Wenn wir unser eigenes Handwerk nicht kritisch unter die Lupe nehmen, haben wir den Printmedien grad rein gar nichts mehr voraus. Bloggen funktioniert fruchtbar nur interaktiv und reaktiv (so wie jetzt eben).

      Kommentar by Michael Sennhauser — 22. Januar 2010 @ 09:22

    5. Weil du dich dafür schämst, dass du dich ab und zu von Zahlen beeindrucken lässt, bezeichnest du alle Blogger, die auch die kommerzielle Seite des Kinos betrachten als Trittbrettfahrer. Du erkennst schon die Arroganz hinter dieser Kurzschlussfolgerung? Ich gönne es dir, dass du dich ausschliesslich der holden Filmkunst widmen darfst. Immerhin musst du einen Service public erbringen, und ich bin auch der Ansicht, dass der in erster Linie darin besteht, den Massen ein wenig Kultur näherzubringen. Das machst du hervorragend. Das gibt dir aber doch nicht das Recht, andere Publikationen abzuwerten, weil sie sich auch für die industriellen Aspekte interessieren. Ich bin zufrieden mit meiner Mischung. Vielleicht ist das der Unterschied zwischen einem staatlichen und einem privaten Blogger. Markenzeichen von Blogs ist übrigens nicht eine besonders selbstreflexive, sondern eine persönliche Haltung. Beides fehlt bei mir manchmal. Das stört mich aber wenig. Trittbrettfahrer bin ich trotzdem nicht.

      Kommentar by Thomas — 22. Januar 2010 @ 10:29

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