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    Diagonale 10: MEINE TOCHTER NICHT! von Wolfgang Murnberger

    Von Michael Sennhauser | 18. März 2010 - 17:27

    'Meine Tochter nicht!' von Wolfgang Murnberger ©Petro Domenigg

    Ein Fernsehfilm von Murnberger. Silentium! Der Knochenmann! Ein Könner am Werk, hier für den ORF und das grosse Familienpublikum. Was bringt uns das an der Diagonale? Zunächst einmal ein Lehrstück über die Unterschiede zwischen Fernseh- und Kinofilm. Das fängt an mit allen TV-Klischees, als ob Murnberger die erst mal aus dem Weg räumen oder doch wenigstens abhaken möchte. Etablierung des Vaters als Manager einer Firma, Etablierung der Mutter als Teilhaberin einer Massagepraxis, Etablierung der beiden als liebende Eltern einer geliebten Tochter beim Feiern ihres 16. Geburtstages. Dazu Einstellungen auf Gebäude in Wien zur klaren Verortung, alles unterlegt mit Fahrstuhlmusik. Auch die Einstellungsgrössen und Schnittfolgen sind streng fernsehgerecht, close-up für Dialoge, Totalen zur Situierung, möglichst wenige Schwenks, und Zooms schon gar nicht und ein unauffälliger Schnittrhythmus. Aber dann setzt das Drama ein, und die Qualität des Drehbuches eröffnet Murnberger mehr und mehr die Möglichkeit einer filmischen Öffnung.

    Da setzt nämlich schon gleich nach dem Absingen des Geburtstagsliedchens und dem Ausblasen der Kerzen der erste Schreck ein für die Eltern: Ihre 16jährige muss gleich wieder weg, ihren Freund treffen. Freund? Ein Junkie ist das, aber ein richtiger. Und die Tochter, blind vor Liebe und voll auf dem Absturz. Aber nachdem Murnberger das einmal etabliert hat, nimmt der Film Fahrt auf. Daran ist das Drehbuch nicht unschuldig, hat es doch wunderbare Sottisen auf Lager. Bittet etwa die Mutter die Frauenärztin, die sie gerade massiert, um Hilfe, ihre Tochter sei eben sechzehn geworden … das sei leider unheilbar, kommt die Antwort mitten in den Satz hinein. Die Konflikte für die Eltern sind nun durchaus real und sie werden clever durch gespielt, von den Polizisten, die irrtümlich den Junkie aus dem Würgegriff des Vaters befreien, bis zur Sozialarbeiterin, welche die Mutter ungläubig fragt: „Sie sperren ihre sechzehnjährige Tochter zu Hause ein?“ Zusammen mit der dramatischen Entwicklung kommt auch die filmische. Mehr Bewegung, mehr mittlere und weite Einstellungen, mehr Raumtiefe, gegenläufige Parallelmontagen: Zeitweise fühlt man sich wie im Kino. Bis dann alle Fäden wieder geordnet werden, die moralischen Probleme auf-, um- und zugedröselt werden (nicht völlig, zum Glück). Und schliesslich macht Murnberger die Kiste wieder zu, indem er zum Anfang zurückkehrt und die ganze Geburststagszenerie in ihrer TV-Peinlichkeit ein zweites Mal, nun endgültig karikierend durchspielt.

    Meine Tochter nicht! wäre ein ideales Lehrstück für jedes Filmanalyseseminar, ein Film, den man als Beispiel eines nach den Gesetzmässigkeiten der europäischen TV-Landschaft gebauten Hybriden vorführen kann – gerade weil er so souverän seine Grenzen vorführt und sie zwischendurch sogar sprengt.

    Und noch etwas macht dieser Film klar: Der Paradigmenwechsel im Drogenfilm ist vollzogen. Jetzt stehen nicht mehr die gefährdeten, verletzten, unverstandenen Jugendlichen im Zentrum, sondern die gefährdeten, verletzten, unverstandenen Eltern. Und das hat weniger mit dem Alter der Filmemacher zu tun, als mit dem Altersdurchschnitt beim Zielpublikum der öffentlich rechtlichen Fernsehstationen. Es sind ja nicht die Kids, die vor der Glotze hocken.

    Daniela Golpashin, Christopher Schärf, Nikola Rudle Allegro Film Petro Domenigg

    Daniela Golpashin, Christopher Schärf, Nikola Rudle ©Allegro Film, Pedro Domenigg

    Topics: Film, Filmbesprechung, Filmfestival | 4 Kommentare »

    4 Comments

    1. Eine derartig verkniffen-simple Darstellung einer wirklich furchtbar spießig-eindimensionalen Familie habe ich selten gesehen.
      Die gutbürgerliche Doppelmoral ist uneträglich.
      Dagegen ist „Wir Kinder vom BAhnhof Zoo“ eine ernstnehmbare Umsetzung des Themas, dieser Film ist die Sichtweise oberflächlich-selbstgerechter Wohlstandsspießer. Sonderbar, dass die Tochter nicht komplett rebelliert- bei dieser „Fürsorge“.
      Es scheint eine Ode an die eigene „Leistung“ zu sein – dabei haben die Eltern einen Jugendlichen „weggeräumt“ und dessen Leben zu verantworten. Die Selbstvedrantwortung ihrer Tochter wird ausgeblendet (schlechter Umgang sei Schuld, statt elterlicher Versäumnisse!)
      KLebriger, unglaubwürdiger, unerträglich kitschiger Film, dessen realistische Einschätzung der Brutalität der oberen Mittelschicht das einzig glaubwürdige ist.

      Kommentar by mischke — 14. April 2010 @ 06:54

    2. Ziemlich einverstanden, auf der moralisch-ethischen Ebene sowieso. Dennoch fasziniert mich Murnbergers Spiel mit dem Fernsehformat, diese kurzfristige Ausweitung des Korsetts auf der inszenatorischen Ebene und die schliessliche Engführung. Ändert nichts am Grauen des Drehbuchs, das stimmt. Und letztlich ist der souveräne Einsatz handwerklicher Fähigkeiten in so einer Produktion auch zynisch.

      Kommentar by Michael Sennhauser — 14. April 2010 @ 11:10

    3. Aus Sicht der Tochter mögen die obigen Einträge richtig sein. Sicher sind die Schreiber noch nicht Eltern, zumindest nicht von Jugendlichen. Ich finde der Film zeigt super wie leicht Jugendliche in sowas hineinrutschen können, wie schwer es ist da wieder rauszukommen und was die Eltern alles tun um ihr Kind da wieder rauszuholen.
      Als Mutter dreier Kinder, die gerade auf die Silberhochzeit zusteuert, war mir nur die Ehe der Eltern etwas zu perfekt. Ansonsten fand ich den Film super und möchte den Film meinem „Jüngsten“ vorführen, der nun auch in dieses kritische Alter kommt.

      Kommentar by Blümchen — 20. April 2010 @ 09:53

    4. Bei aller Toleranz für Ihren Standpunkt kann ich mir nicht vorstellen, dass ein Jugendlicher in irgendeiner Weise durch die Kenntnis dieses „soap-opera-Niveau“ Trivialschockers auf den „rechten Weg“ gebracht werden kann, dazu ist das viel zu platt und peinlich. Das Leid der Eltern, eigentlich der intensivste Anknüpfungspunkt, wenn es ein Moralin-Film sein soll, ist auf kuriose Weise verwurstet, da fühlt sich doch schon ein 13-jähriger verhohnepiepelt…
      Ich denke, daß so ein Film die Ablehnung solcher Lebensweisen noch schürt. Insgesamt ist die gesamte Haltung wirklich sehr unglaubwürdig, kleingeistig, stimme den kritischen Vorrednern zu. Erfahrungen sollte und wird jeder Teenie machen, da kommt es dann viel mehr auf seine gesamte Vergangenheit an, die ihn entweder anfällig macht oder eben nicht. Ob die Kumpels kiffen oder trinken ist absolut nicht der Grund für einen „Absturz“. Diese vereinfachte Erklärung ist typisch für schuldsuchende Eltern.
      Ein gesunder Jungendlicher probiert sich aus in der Welt, sucht aber keine permanente Flucht in die Bewusstlosigkeit – da muss dann vieles schief ggegangen sein zuhause. Dann helfen auch keine Filmchen mit erhobenen Zeigefingern. Ich hätte meine Eltern dafür ausgelacht. (Sie hätten soetwas NIE in Betracht gezogen).

      Kommentar by Bastian — 20. April 2010 @ 14:58

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