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    Nyon 10: GURU – Bhagwan, His Secretary & His Bodyguard

    Von Michael Sennhauser | 18. April 2010 - 08:33

    'Guru' von Sabine Gisiger und Beat Häner

    Die Zeit ist offensichtlich reif für die Aufarbeitung der Gurus. Bhagwan Shree Rajnees, dem in den Siebziger Jahren auch viele blumenkindersehnsüchtige Schweizerinnen und Schweizer anhingen, den Ashram in Poona besuchten und seine Sex-Befreiungbücher lasen, hat seine Spuren hinterlassen. Heute lebt seine einstige Sekretärin und rechte Hand, Sheila Birnstiel, die Frau, welche die amerikanische Bhagwan-Kolonie aufgebaut hatte und schliesslich dafür im Gefängnis landete, in Maisprach in der Schweiz. Und Hugh Milne, der hünenhafte Schotte, der in Poona der Bodyguard des Bhagwans gewesen war, führt ein Zentrum für Craniosakral-Therapie in Big Sur in Kalifornien. Sehr offene und geschickt montierte Interviews mit den beiden fügen Sabine Gisiger und Beat Häner zusammen mit Unmengen von Archivmaterial zu einem schlüssigen Bild einer dieser Hippie-Bewegungen, bei denen sich der Traum von der alternativen Gesellschaft in einen Albtraum verwandelt hat.

    Was die Künstlerkolonie von Otto Mühl (Wir Kinder vom Friedrichshof) in Österreich im kleinen war, war die Bhagwan-Bewegung globalisiert: Ein Traum, der am zunehmenden ökonomischen Druck und dem Kontrollzwang der Vorträumer scheiterte.

    Sabine Gisiger und Beat Häner schaffen es, ihren Film diesem Traum folgen zu lassen. Obwohl sich Milne schon zu Beginn vor der Kamera fragt, wie das alles so falsch habe herauskommen können, lassen die Filmemacher mit den Erinnerungen ihrer beiden Zeugen und dem Archivmaterial zuerst einmal nachvollziehbar die Euphorie, den Traum von der freien Gesellschaft im Ashram auferstehen. Dabei braucht es keine Kniffe und keine Verklärung, die lachenden, glücklichen Menschen in den Archivaufnahmen sprechen für sich, eben so die Erinnerungen Milnes und Birnstiels, die sich selber mit leuchtenden Augen in die Euphorie der Anfänge zurückversetzen.

    Mit dem Zerfall, dem Missbrauch, der Manipulation, der Paranoia und der kommerzialisierung der Bhagwan-Bewegung im Zentrum in Oregon dreht dann auch der Film ins Albtraumhafte, die Verfrachtung dutzender von Obdachlosen als Stimmvieh in den Ashram und ihre sofortige Abschiebung nachdem die Stimmregister des Countys wegen Verdacht auf Missbrauch geschlossen worden waren kommentiert Birnstiel mit Bedauern und dem Hinweis darauf, die Idee sei gut gewesen, bloss hätten weder sie noch Bhagwan sich überlegt, was mit den Menschen nachher geschehen sollte.

    Bei beiden Protagonisten ist einerseits das ehrliche Bemühen um eine akzeptable Wahrheit zu spüren, andererseits halten beide auch an ihren Erinnerungen fest, stehen dazu, dass sie einst völlig den Traum gelebt hatten, ohne Rücksicht und mit wenig Einsicht.

    Guru von Sabine Gisiger und Beat Häner ist ein eindrücklicher Film, weil er nach allen Regeln des Dokumentarfilms das Feld eröffnet, das Material liefert und sortiert, seine Zeugen reden lässt, sie gezielt befragt und schliesslich den Raum offen lässt für die Schlüsse des Publikums. Dass es den Filmemachern gelingt, einen für den Traum einzunehmen, nachvollziehbar zu machen, was Millionen von Menschen fasziniert hat, ohne je etwas auszublenden von dem was von Anfang an lächerlich war, oder verdächtig, oder schlicht und einfach platt – das ist die Leistung, welche dem Film Kinoformat gibt: Guru ist ein abendfüllendes Erlebnis.

    Topics: Dokumentarfilm, Film, Filmbesprechung, Filmfestival | 1 Kommentar »

    1 Kommentar

    1. Nach einigen Recherchen über Sheila Birnstiel und Hugh Milne bin ich erstaunt. Zwei Protagonisten, die ihr Leben mit mitunter erstaunlicher krimineller Energie ihrem Ego gewidmet haben, werden zu Stars in einem Film, der in Anspruch nimmt, Dokumentarfilm zu sein. Worum es Bhagwan Shree Rajnees tatsächlich ging, scheint gar nicht zu interessieren. Schade, dass Sabine Gisiger und Beat Häner einer oberflächlichen sensationsträchtigen Berichterstattung folgen, die schon in den 70er Jahren etwas zahnlos aber laut daher kam. Journalismus ist das nicht.

      Kommentar by thomas eschment — 9. Oktober 2010 @ 20:06

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