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    Nyon 10: PLUG AND PRAY von Jens Schanze

    Von Michael Sennhauser | 19. April 2010 - 09:07

    'Plug and Pray' von Jens Schanze

    Die Sektion tendances des Festivals hat tatsächlich die eine oder andere Überraschung zu Zeitfragen auf Lager. Jens Schanzes Plug & Pray setzt sich mit der Computertechnik, der Suche nach künstlicher Intelligenz und der Robotik auseinander. Aber nicht so, wie die meisten der atemlosen Technikmagazine am Fernsehen, sondern hauptsächlich über zwei Antagonisten. Einerseits den Zukunftsevangelisten Raymond Kurzweil, der den ersten Vorlese-Synthesizer für Blinde gebaut hat und seither unermüdlich die Zukunft beschwört, bis hin zu Nanocomputern, welche dereinst unsere roten Blutzellen ersetzen und als Maintenance-Systeme die ewige Jugend garantieren sollen. Auf der anderen Seite der 2008 verstorbene ehemalige MIT-Computerprofessor Joseph Weizenbaum, der im Alter zum unermüdlichen Advokaten für mehr Menschlichkeit und weniger technokratisches Zukunftsgebabbel geworden war.

    Wenn Weizenbaum im Film erzählt, wie unter anderem die Reaktionen auf seine Entwicklung von ELIZA, jenem simplen Computerprogramm zur Simulation von Frage- und Antwortabläufen (das den Vorläufer der späteren Expertensystemen darstellte) dazu führte, dass er begann, die verhängnisvolle Anthropomorphisierung der Computersysteme, beziehungsweise die damit einhergehende Mechanisierung des Menschen in Frage zu stellen, dann gehört das zu den stärksten Momenten eines sehr schön und schlüssig gemachten Dokumentarfilms. Es kommen Roboterentwickler zu Wort und auch die immer wieder beliebten humanoiden Maschinen ins Bild. Aber das Grausen packt einen dann an einer Open-Air-Messe für Militärrobotik bei der Bundeswehr, wo jovial lachende uniformierte Technokraten sich mit Wissenschaftlern über das Potential selbstlenkender Fahrzeuge und intelligenter Drohnen austauschen, und das Publikum applaudiert, wenn so ein selbstlenkender Karren ein Schlammloch bewältigt.

    Das alles ist erhellend und stimmt nachdenklich, aber wirklich beeindruckend ist Joe Weizenbaum, auch dann, wenn er sich mit unnachahmlicher Lakonie über die moderne Computertechnik in seiner Wohung lustig macht, über die unzähligen Laptops, von denen er immer wieder neue kauft, über kabellose Funktionen, die man an den Kabelhaufen unterm Tisch erkennt und ähnliche Alltagsphänomene, die wir nur allzu gut kennen.

    Weizenbaums Behauptung, dass zwar die Philosophie schon immer disputiert habe, dass der Mensch einen freien Willen besitze, dass aber unser Verhältnis zum PC im Alltag diesem oft ganz unwillkürlich einen solchen zuschreibe, geht unter die Haut. Denn was sonst kann es bedeuten, wenn wir unseren Rechenknecht anflehen, bitte nicht schon wieder einzufrieren oder abzustürzen?

    plug and pray Joseph Weizenbaum

    Topics: Dokumentarfilm, Film, Filmbesprechung, Filmfestival | 1 Kommentar »

    1 Kommentar

    1. vielleicht interessiert Sie auch das dokumentarische Porträt über und mit Joseph Weizenbaum, „WEIZENBAUM. REBEL AT WORK“, welches 2005-2006 entstand. GER/AUT/USA 80min.

      http://www.ilmarefilm.org/W_D_1.htm

      Kommentar by Peter Haas — 1. Oktober 2010 @ 14:39

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