Home Sennhausers Filmblog Home Sennhausers Filmblog
  • RSS abonnieren


  • Newsletter Radiomailing:

    Wenn Kontext auf SRF 2 Kultur ein Filmthema behandelt, erhalten Sie am Vorabend eine Email (max. 4 pro Monat):

  • Mailformular

  • Schlagwörter

  • « | Home | »

    Locarno 10: HAN JIA – ‚Winter vacation‘ von Li Hongqi

    Von Michael Sennhauser | 11. August 2010 - 14:00

    Han jia pupils 2

    Und hier haben wir einen Gewinner. Wer kann sich einem Film entziehen, der Punk-Attitüde über ganz leise Töne verströmt, wer sein Herz verschliessen, wenn ein Fünfjähriger einer Fünfjährigen erklärt, wenn er gross sei, wolle er eine Waise sein – worauf die Kleine ihn mit der Bemerkung deckelt: „Du bist so ein jämmerliches Kind!“?

     

    Han jia Kid

    Li Hongqis Film wird den Vergleichen mit Jacques Tati nicht entgehen, aber das spricht eher für unsere Sucht nach Einordnung als gegen seine Originalität. Denn wie hier, in den letzten Tagen der Winterferien im Quartier um eine chinesische Schule die Menschen inst Bild gestellt werden, das ist urkomisch und tragisch zugleich. Die Schüler, die am Ende der Ferien ihre Langeweile und die Nervosität vor dem erneuten Schulbeginn kaum mehr in den Griff bekommen, der pensionierte Grossvater, der seinen fragenden Enkel mit jeweils einer barschen Antwort abspeist und dann wieder in den Fernsehen starrt, zum Beispiel mit der der Bemerkung: „Sei still, ich bin gerührt“ – das ist grossartig und schmerzlich, witzig und lakonisch.

    Dieser Film erzählt aus dem Leben der Schüler auf eine Weise, die auch im Westen alle nachvollziehen können, gleichzeitig entwirft er aber ein Bild von der chinesischen Gesellschaft, vor dem ich staunend in die Knie gehe. Mit einzelnen perfekt sitzenden Sätzen machen sich die Schüler über die Staatsideologie an der Schule lustig, beweisen, dass sie eine solide Grundbildung besitzen und einen illusionslosen Blick auf eine Gesellschaft, die hier erstarrt und gefroren gezeichnet wird, aber so, als ob sie kurz vor dem Auftauen wäre.

    Han jia pupils

    Der Film endet mit der Klasse in der Schule, allerdings kommt zuerst der falsche Lehrer ins Zimmer, der bekannterweise verwirrte Vater eines der Schüler, der seine Lektion über Mollusken übergangslos in eine Tirade gegen die verordneten Hoffnungen der Gesellschaft verwandelt – bis die richtige Lehrerin hereinkommt, ihn auf seinen Irrtum aufmerksam macht und den Englischunterricht beginnt. Indem sie an die Tafel schreibt: „Wie werde ich ein nützliches Mitglied der Gesellschaft?“ Schnitt auf die starren, müden, gelangweilten Gesichter der Schüler. Dröhnender China-Punk über dem Abspann.

    Dieser Schluss ist die Krönung des Films und der einzige Teil, von dem man annehmen muss, dass er keine Chance hat, die offizielle Zensur zu passieren in China. Für den Hauptteil des Films ist dagegen durchaus denkbar, dass er seinen Weg zum chinesischen Publikum sogar über offizielle Kanäle finden könnte. Und im westlichen Festivalcircuit dürfte der Dichter und Romanautor mit diesem dritten Spielfilm definitiv etabliert sein.

    Topics: Allgemein, Die Unverpassbaren, Film, Filmbesprechung, Filmfestival | 3 Kommentare »

    3 Comments

    1. Ich kanns ja kaum glauben: Ein für mich faszinierender und eigentlich «langweiliger» und starrer Film hat den Goldenen Leoparden 2010 gewonnen. Mich hat der Film «Han Jia» gleich von Anfang in Bann gezogen. Vor allem die Dialoge fand ich zum Teil umwerfend komisch. Der Jury gratuliere ich zu diesem echt mutigen Entscheid…!

      Kommentar by Christian Murer — 14. August 2010 @ 21:01

    2. Wo kann man sich den Film in Deutschland ansehen? Bei google findet man zig Einträge darüber, wie toll er ist, aber nicht wo man ihn sich ansehen kann.

      Kommentar by Esquire — 15. August 2010 @ 12:41

    3. @Esquire: Das hängt davon ab, ob ein Deutscher Filmverleiher den Film für Deutschland einkauft und ins Kino bringt. Und das wiederum hängt davon ab, ob das öffentliche Interesse daran gross genug erscheint, dass der Verleiher damit rechen kann, keinen Verlust zu machen…

      Kommentar by Michael Sennhauser — 15. August 2010 @ 13:55

    RSS feed for comments on this post.

    Sorry, the comment form is closed at this time.

    Simple Share Buttons