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    Cannes 11: MELANCHOLIA von Lars von Trier

    Von Michael Sennhauser | 18. Mai 2011 - 13:40

    MELANCHOLIA par Lars VON TRIER (2)

    Für einmal hat Lars von Trier genau das nach Cannes gebracht, was er versprochen hat: Einen schönen Film über den Weltuntergang. Dass dieser durchaus metaphorische Züge hat, wird klar, wenn man weiss, dass der Planet, der die Erde rammen wird, Melancholia ist. Nach Triers eigenen Erfahrungen mit schweren Depressionen und nach Antichrist ist das damit der zweite Film, der sich in dieses Territorium stürzt. „Was habe ich da bloss gemacht, stöhnt Trier im Vorwort zum Presseheft, das in Cannes gestern verteilt wurde: „einen Frauenfilm, Schlagrahm auf Schlagrahm. Ich hoffe bloss, dass sich darin noch irgend ein Knochensplitter findet, an dem man sich den einen oder anderen Zahn ausbeissen kann…“ Nun, es sind nicht bloss Splitter, es sind ganze Skelette.

    So schön ist die Welt tatsächlich noch nie untergegangen, und nach einer absolut grossartigen Slowmotion-Montage, welche den Untergang in hinreissenden Tableaus zelebriert, beginnt so etwas wie eine Erzählung in zwei Teilen.

    Der erste Teil trägt den Titel „Justine“, das ist die von Kirsten Dunst gespielte Schwester. Es ist ihre Hochzeit, zu der die Gäste auf einem schlossartigen Landkomplex mit Golfanlage und Pferdestallungen gekommen sind. Die Gäste warten schon seit Stunden, weil das Paar mit der Stretch-Limousine auf den gewundenen Feldwegen zum Schloss stecken bleibt. Der fröhliche Ton des strahlenden Paares (der Bräutigam ist Stellan Skarsgards Sohn aus True Blood) kontrastiert etwas mit der Gehetztheit der von Charlotte Gainsbourg gespielten Schwester von Justine. Sie hat die Hochzeit organisiert, und ihr ist „Claire,“ der zweite Teil des Films gewidmet.

    Es soll nicht zu viel verraten werden hier, auch wenn der Film mehr von der Atmosphäre und von seinen umwerfenden Bildern lebt als von Überraschungen. Melancholia ist ein metaphorisches Fest, in dem ansonsten fast alles wörtlich genommen werden darf. Das ist prachtvoll und phantasievoll inszeniert, die Schauspielerriege bildet so etwas wie einen Lars-von-Trier-Chor, viele seiner früheren Mitstreiter bringen ein Echo ihrer Figuren mit, insbesondere Charlotte Rampling als widerborstige Mutter der Schwestern und John Hurt, die Erzählerstimme aus Dogville und Manderlay, als liebenswert zerstrubbelter Vater.

    Auch dieser Film trägt Spuren ähnlicher Ambitionen wie Terrence Malicks The Tree of Life und Naomi Kawases Hanezu no tsuki, aber Lars von Trier geht die Welt und ihren Untergang mit charakteristisch-ironischer Ernsthaftigkeit in Schönheit an, mit vielen Spitzen, Dornen und Splittern. In gewissem Sinne schliesst sich der Kreis, der unglaublich schön gefilmte Film schliesst bei der Festgesellschaft in Festen an, dem Bruderfilm von Lars von Triers erster Dogma-Produktion Idioterne. Und er übertritt fast alle Dogma-Regeln. Fast.

    Melancholia wird nicht zu den Diskussionen führen, die Antichrist ausgelöst hat, aber er hat sowohl die Schönheit wie auch die Tiefe jenes Vorgängers, bloss nicht den provokativen Schmerz. Und definitiv keine Projektion für das Böse. Auch wenn Justine einmal meint, niemand werde die Erde und die Menschen vermissen. Es gebe kein anderes Leben im Universum – und die Menschheit sei böse. Was macht das schon, wenn das Ende der Welt so schön sein kann?

    Nachtrag um 17 Uhr: Leider hat Lars von Trier sich, obwohl das sein erster nicht kontroverser Film seit Jahren ist, an der Pressekonferenz in die Nesseln gesetzt. nach den üblichen Blödeleien (als nächstes werde er mit Kirsten Dunst einen vierstündigen Porno drehen etc.) hat er sich auf die Frage einer britischen Journalistin nach seinen deutschen Wurzeln völlig verrannt. Erst sagte er, er hätte immer gedacht, er sei ein Jude und wäre das auch gerne gewesen, dann machte er seltsame Anspielungen auf Susanne Bier, schliesslich erklärte er, er sei eben doch ein Nazi und er bewundere das Werk von Albert Speer und er könne Hitler verstehen … und dann merkte er, dass er sich hoffnungslos verrannt hatte. Und setzte  noch einmal nach. Bei Standup-Comedians nennt man das ein „meltdown“, wenn ihnen die Provokation ausser Kontrolle gerät und der Witz plötzlich zurückbeisst. nachdem Lars von Trier 2009 schon unter Beschuss geriet, weil er meinte, er sei der beste Regisseur der Welt, aber Gott sei nicht der beste Gott der Welt, dürften ihm die jüngsten Bemerkungen vor allem in den USA sehr übel genommen werden. Dabei ist der Mann in erster Linie scheu und nervös, sein Stottern und zögern war auch an der PK wieder evident und seine Vorwärtsverteidigung, wenn er sich bedrängt fühlt hat damit nicht zum ersten Mal überblüht.

    Topics: Filmbesprechung, Filmfestival | 2 Kommentare »

    2 Comments

    1. Und, welcher von den drei Filmemachern wird bei De Niro garantiert nicht leer ausgehen? Kawase, Malick oder Von Trier?

      Grüsse an die Croisette,
      César

      Kommentar by César — 18. Mai 2011 @ 16:42

    2. @César: Ich fürchte auch, Malick ist gesetzt. Aber vielleicht unterschätzen wir De Niro und Uma Thurman.

      Kommentar by Michael Sennhauser — 18. Mai 2011 @ 17:08

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