Kein Mensch ist illegal?

Am 13. August kam es zum Schluss des Filmfestivals von Locarno zu einem zunächst fast unbemerkten Eklat. Paulo Branco, Produzent und Jurypräsident, liess sich an der Palmarès-Pressekonferenz über den von seiner Jury übergangenen, aber zum Beispiel von der oekumenischen Jury ausgezeichneten Dokumentarfilm Vol spécial von Fernand Mélgar aus. Er bezeichnete Mélgars Dokumentarfilm über ein Westschweizer Ausschaffungslager für abgewiesesene Asylbewerber als „faschistisch“, weil der Filmemacher Wert darauf legte, das Lagerpersonal nicht zu denunzieren. Im ideologisch fixierten Weltbild des Portugiesen Branco bedeutet eine neutrale filmische Haltung automatisch Kollaboration mit dem Feind (mehr dazu hier in der Zeit). Dabei signalisiert Mélgars Film, wie schon sein Vorgänger La forteresse, die Rückkehr des politischen Dokumentarfilms in der Schweiz. Dass Mélgar, selber Einwanderersohn, bei seinen Filmen auf Parolenausgabe verzichtet, hat nicht wenig zu ihrer Verbreitung und angeregten Diskussion beigetragen. Damit hat Melgar gleichzeitig den Boden bereitet für andere Dokumentarfilmer, auch für solche, die weiter gehen, wie zum Beispiel Simon Labhart und Tina Bopp. „Kein Mensch ist illegal?“ weiterlesen

Filmpodcast Nr. 248: Der Sandmann, The Infidel, Baikonur, Loriot.

'The Infidel' mit Omid Djalili (Mitte) ©ascot elite

Kino im Kopf, heute mit Michael Sennhauser und diesen Filmen: Peter Luisis Der Sandmann, Josh Appignanesis The Infidel und Veit Helmers Baikonur. Dazu ein kurzer Nachruf auf Loriot und ein ausführliches Gespräch mit Peter Luisi und Frölein Da Capo zum Sandmann. Und wie immer Kurztipps und Tonspur.

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Die Unverpassbaren, Woche 34

Fabian Krüger ist 'Der Sandmann' ©cineworx
Fabian Krüger ist 'Der Sandmann' ©cineworx

Erst diese fünf Filme sehen, dann alle anderen.

  1. Der Sandmann von Peter Luisi. Eine tatsächlich phantastische und romantische Komödie. Aus der Schweiz!
  2. The Infidel von Josh Appignanesi. Die britische Religions- und Multikultikomödie, die hält, was wir uns von Four Lions versprochen hatten.
  3. Midnight in Paris von Woody Allen. Seine ganz grossen Zeiten sind vorbei. Aber mit diesem Film ist Allen jedenfalls wieder geniessbar.
  4. Super 8 von JJ Abrams. Eine Hommage des Zöglings an Meister Spielberg, von diesem selbst produziert, mit viel Umpf und liebevollen Details aus den 80er Jahren.
  5. Chico & Rita von Tono Errando, Javier Mariscal und Fernando Trueba. Eine gezeichnete Liebesgeschichte für Erwachsene. Mit Musik, Herz und grossem Atem.

Im Filmpodcast morgen mehr zum Sandmann, zum Infidel, zu Loriot und zu Baikonur .

Loriot ist tot

Mit 87 Jahren an Altersschwäche zu sterben – kein schlechter Tod. Und doch ist es schwer, sich ein Leben ohne den weisshaarigen Querspieler vorzustellen. Vicco von Bülow, alias Loriot, war und bleibt ein deutsches Phänomen. Der Gentleman der leisen Komik, der Zeichner, Autor und Filmemacher, der wie kein anderer die Absurditäten des Alltags auf den Punkt, beziehungsweise auf den Strich gebracht hat. Seine Männer, Frauen und auch Hunde mit den Knollennasen wurden nicht nur als gezeichnete knappe Witze zu Haushaltprodukten, sondern schliesslich auch als animierte Cartoons. Und Loriots gezeichnete Sketche am Fernsehen wurden zu Evergreens, wie zum Beispiel dieser vom Ehepaar am Frühstückstisch. „Loriot ist tot“ weiterlesen

Raouuuuuuuul! Raúl Ruiz ist gestorben

Raúl Ruiz (Foto via toutlecine.com)
Raúl Ruiz (Foto via toutlecine.com)

Langjährige Cannes-Aficionados kennen den Ruf: Bei den Abendvorstellungen für die Presse, wenn das Saallicht ausgeht, erklingt der Ruf „Raouuuuuuul!“ aus dem Publikum. Der gestern verstorbene chilenisch-französische Regisseur Raúl Ruiz war stolz darauf, angeblich der ursprüngliche Grund für die eigenartige Tradition gewesen zu sein. In den letzten Jahren ist diese allerdings etwas verludert. Es gab Newcomer, welche den Ruf auch in anderen Vorstellungen erklingen liessen. Und Häretiker, die es mit anderen Namen versuchten. Jetzt, da der einzig echte Original-Raouuuuuul gestorben ist, dürfen wir gespannt sein, was aus dem Kinodämmerungsruf im nächsten Mai wird: Überlebt er seine Wurzeln?

Filmpodcast Nr. 247: Locarno-Leopard, Midnight in Paris

'Midnight in Paris' ©frenetic
'Midnight in Paris' ©frenetic

Kino im Kopf mit Brigitte Häring. Die Preise in Locarno sind vergeben, Michael Sennhauser hat einen kurzen abschliessenden Stimmungsbericht von der Piazza Grande mitgebracht. Und zurück im aktuellen Kinoprogramm sind wir mit Woody Allens neuem Film Midnight in Paris. Dazu diese Woche wieder die Kurztipps und eine Tonspur.

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Die Unverpassbaren, Woche 33

'Chico & Rita' ©Praesens Film
'Chico & Rita' ©Praesens Film

Erst diese fünf Filme sehen, dann alle anderen.

  1. Midnight in Paris von Woody Allen. Seine ganz grossen Zeiten sind vorbei. Aber mit diesem Film ist Allen jedenfalls wieder geniessbar.
  2. Super 8 von JJ Abrams. Eine Hommage des Zöglings an Meister Spielberg, von diesem selbst produziert, mit viel Umpf und liebevollen Details aus den 80er Jahren.
  3. Chico & Rita von Tono Errando, Javier Mariscal und Fernando Trueba. Eine gezeichnete Liebesgeschichte für Erwachsene. Mit Musik, Herz und grossem Atem.
  4. Beginners von Mike Mills. Ein formal überraschender, inhaltlich rührender und erzählerisch vergnüglicher Film über und für Menschen über Dreissig.
  5. Klitschko von Sebastian Dehnhardt. Als Dokfilm über die boxenden Brüder fast schon ein Fanfilm. Aber gerade darum selbst für Verächter des Sports zu empfehlen.

Im Filmpodcast morgen mehr.

Locarno 11: Die Preise

Milagros Mumenthaler mit ihrem Goldenen Leoparden ©Festival/Pedrazzini
Milagros Mumenthaler mit ihrem Goldenen Leoparden ©Festival/Pedrazzini

Die Juries haben entschieden, die Katzen sind verteilt:

Internationaler Wettbewerb

Pardo d’oro:
ABRIR PUERTAS Y VENTANAS (Back to Stay)
von Milagros Mumenthaler, Argentinien/Schweiz

Pardo d’oro speciale della giuria
Shinji Aoyama für den Film TOKYO KOEN und sein bemerkenswertes Filmschaffen

Spezialpreis der Jury:
HASHOTER (Policeman) von Nadav Lapid, Israel „Locarno 11: Die Preise“ weiterlesen

Locarno 11: SAUDADE von Katsuya Tomita

Saudade 4

Zum Ende des Wettbewerbs eine Überraschung aus Japan. Katsuya Tomita, Jahrgang 1972, wollte eigentlich Musiker werden, und dazu zog er aus der Provinzstadt Kofu nach Tokyo. Und dort erwischte ihn der Filmkäfer. Fünf Jahre lang kämpfte er, um seinen Erstling Above the Cloud zu realisieren, den er 2003 herausbringen konnte. Etliche Preise und einen Film später kehrte er nach Kofu zurück und nahm Saudade in Angriff.

Das portugiesisch-brasilianische Wort für Weltschmerz als Titel für einen japanischen Film? Schon dies alleine lässt aufhorchen und hinblicken. Und es lohnt sich!

„Locarno 11: SAUDADE von Katsuya Tomita“ weiterlesen

Locarno 11: Das Grandhotel im Dornröschenschlaf

Grandhotel Locarno copy Gebhard
Vom Dschungel geschluckt: Das Grand-Hotel Locarno ©Christian Gebhard

Es war die Wiege des Locarneser Filmfestivals, der Hort des frühen Glamours und das gesellschaftliche Zentrum jeder Festivalausgabe, bis das Grand-Hotel 2005 geschlossen wurde. Seither wartet das grosse Haus am Hang mit seinen Park-, Pool- und Tennisanlagen auf solvente Investoren und eine Neuverwertung. Kollege Christian Gebhard von der DRS2online-Redaktion hat vom Abwart des seit sechs Jahren leerstehenden Gebäudes eine Führung bekommen und fotografisch festgehalten, wie die Natur sich das Haus von aussen wieder aneignet und was im Inneren der Prachtsräume noch zu sehen ist. Eine Fotostrecke mit fünfzig Impressionen, welche manchen langjährigen Locarno-Gängern tiefe Seufzer entlocken dürfte.