Filmpodcast Nr. 279: Tyrannosaur, Take Shelter, My Generation, Warren Beatty

Peter Mullan in Paddy Considines 'Tyrannosaur' ©cineworx
Peter Mullan in Paddy Considines 'Tyrannosaur' ©cineworx

Kino im Kopf. Ich stelle Paddy Considines Tyrannosaur vor und unterhalte mich mit Sara Herwig über Take Shelter. Christina Caprez hat sich mit Veronika Minder, ihrem Dokumentarfilm My Generation und ihrem Protagonisten Willi Wottreng beschäftigt. Und schliesslich gratulieren wir Hollywoods ewigem Götterjüngling Warren Beatty zum 75. Geburtstag. Tonspur und Kurztipps haben wir auch.

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Die Unverpassbaren, Woche 13

Michael Shannon in 'Take Shelter' von Jeff Nichols ©Ascot-Elite
Michael Shannon in 'Take Shelter' von Jeff Nichols ©Ascot-Elite

Erst diese fünf Filme sehen, dann alle anderen.

  1. Tyrannosaur von Paddy Considine. Ein Film wie eine Tracht Prügel mit anschliessender grosser Versöhnung. Geht nahe. Und zu Herzen.
  2. Take Shelter von Jeff Nichols. Ein ziemlich andersartiger Paranoia-Thriller, mit unverkennbar parabolischen Zügen (und Anklängen an die schweizerische Bunker-Mentalität)
  3. Poupoupidou von Gérald Hustache-Mathieu. Eine Tote im verschneiten Niemandsland zwischen Frankreich und der Schweiz, die sich für eine Reinkarnation von Marilyn Monroe hält: Aberwitziger Schneekrimi voller Film-, Bild- und Parallelwitz.
  4. The Hunger Games von Gary Ross. Weil es ein Erlebnis ist, eine Bestseller-Verfilmung zu sehen, die sich gründlich auf die effiziente Vorlage verlässt, dabei ernsthaft bleibt und der grossartigen Jennifer Lawrence Raum zum Leuchten gibt.
  5. Giochi d’estate – Summer Games von Rolando Colla. Nur etwas über 5000 Leute wollten den Film bei seinem ersten Release sehen. Jetzt ist er dank Schweizer Filmpreis noch einmal im Kino. Also bitte nicht noch einmal verpassen. Der Sommerfilm hat eine unschweizerisch leichte Schwere.

Im Filmpodcast morgen mehr. Zu Tyrannosaur, Take Shelter, My Generation von Veronika Minder und zu Warren Beattys 75. Geburtstag.

Diagonale 12: OUTING von Sebastian Meise und Thomas Reider

'Outing 'Sebastian Meise Thomas Reider ©FreibeuterFilm 2

Sven heisst nicht wirklich Sven. Und falls er tatsächlich Archäologie studiert hat, dann wohl nicht in Bamberg. Aber Sven ist pädophil, das weiss er seit seiner Pubertät. Und fast eben so lange ist ihm klar, dass es für seine Neigung keine Erfüllung geben darf. Während einem der vielen Interviews in Outing erklärt er sinngemäss, er habe ja noch Glück, er sei nicht nur pädosexuell, sondern auch schwul. Und da bestehe zumindest die Chance, dass er einmal jemanden finde, der im legalen Alter sei und ihm gewogen.

Nach all den dokumentarischen Spielfilmen und inszenierten Dokumentarfilmen, welche Österreich seit Seidl und Haneke auf die Welt los lässt, sind Outing und Stillleben von Sebastian Meise und Thomas Reider die konsequente und längst fällige Komplementierung. Ein Dokumentarfilm, der die Kernproblematik aufzeigt, und der ergänzende Spielfilm, der die aufgeworfenen Fragen durchspielt. Dabei ist der Dokumentarfilm Outing eigentlich das Nebenprodukt, entstanden aus den Recherchen für den Spielfilm heraus. „Diagonale 12: OUTING von Sebastian Meise und Thomas Reider“ weiterlesen

Diagonale 12: KUMA von Umut Dag

Kuma ©wegafilm

Es hat nach dem Film ein paar Stunden gedauert, bis es mir aufgefallen ist: In Kuma sind ausschliesslich Türken zu sehen. Türken in der Türkei, natürlich. Aber auch Türken in Österreich – denn da spielt sich das eigentlich Drama ab. Der Film setzt ein mit einer Hochzeit in einem anatolischen Dorf, die Braut ist eine schöne junge Frau, der Bräutigam ist aus Österreich angereist, mit seiner ganzen Familie. Die künftige Schwiegermutter kümmert sich aufmerksam und liebevoll um die junge Frau. Eigenartig ist nur die trotzige Haltung der Schwester des Bräutigams, der hin und wieder wütende Sätze auf Deutsch entfahren.

Am nächsten Morgen wird die Braut mitsamt der Familie an den Flughafen gefahren, und erst in der Wohnung in Österreich stellt sich heraus, wer da wen geheiratet hat. „Diagonale 12: KUMA von Umut Dag“ weiterlesen

Filmpodcast Nr. 278: The Hunger Games, Poupoupidou, Quartz, China und Film

Jennifer Lawrence bei den Dreharbeiten zu 'The Hunger Games' ©rialto
Jennifer Lawrence bei den Dreharbeiten zu 'The Hunger Games' ©rialto

Kino im Kopf mit Brigitte Häring. Diese Woche mit Michael Sennhauser zum nächsten Kinogrossereignis The Hunger Games, mit mir zum französischen Schneekrimi Poupoupidou, und noch einmal mit Michael Sennhauser zum Schweizer Filmpreis Quartz. Und mit einer Sendung von mir zu Chinas unabhängigen Filmschaffenden. Und mit Tonspur und Kurztipps natürlich.

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Diagonale 12: TABU – Es ist die Seele ein Fremdes auf Erden von Christoph Stark

Peri Baumeister und Lars Eidinger als Geschwister Trakl in 'Tabu' ©Patrick Müller
Peri Baumeister und Lars Eidinger als Geschwister Trakl in 'Tabu' ©Patrick Müller

Vor fünfunddreissig Jahren hätte ich diesen Film geliebt. Ich wäre seiner todessehnsüchtigen Inzesterotik erlegen, ich hätte mitgefiebert mit dem jungen Georg Trakl, seine Gedichte auf meinen Lippen. Und ich hätte mich in die Schönheit der von Peri Baumeister gespielten Grete Trakl verliebt. Genau so hätte ich mir als Fünfzehnjähriger meinen Trakl gewünscht, nervös, mit tintenverschmierten Fingerspitzen, so verloren verstört genialisch, wie ihn Lars Eidinger spielt in diesem Film.

Warum also sollte mich heute stören, was mich damals entzückt hätte? Vielleicht, weil auch das Kino fünfunddreissig Jahre älter geworden ist, weil sich der Film weiterentwickelt hat, weil das genialische Künstlerbild zwischen Vincente Minellis Lust for Life und Romuald Karmakars Die Nacht singt ihre Lieder viel Zeit hatte, sich zu verändern. „Diagonale 12: TABU – Es ist die Seele ein Fremdes auf Erden von Christoph Stark“ weiterlesen

Diagonale 12: STILLLEBEN von Sebastian Meise

Stillleben ©freibeuterfilm

Ist ein Pädophiler schuldig, weil er ist? Gibt es auch ausserhalb des religiösen Kontextes verbotene Phantasien? Sebastian Meises gossartiger Film spielt diese Fragen überaus simpel und realistisch durch. Der erwachsene Bernhard beobachtet zufällig seinen Vater bei einem Dirnenbesuch, sieht, wie er ihr einen Zettel mit Instruktionen zusteckt, und nimmt diesen später der Frau ab. Dass der eigene Vater Phantasien haben könnte, ist für jeden Sohn, jede Tochter ein ungeliebter Gedanke. Wenn sich aber herausstellt, dass es sich um pädophile Phantasien handelt, und dass der Vater die Prostituierte im Rollenspiel beim Namen der Schwester nennt, dann beginnt unweigerlich auch die Gedankenmühle des Sohnes zu mahlen. Nun läuft das Familiendrama ab wie wie bei Vinterbergs Festen. Mit dem grossen Unterschied, dass nicht eine eindeutige heimliche Schuld ans Tageslicht gezerrt, eine Familienlüge aufgedeckt wird, sondern sich Abgründe auftun, wo vorher stabile Verhältnisse herrschten.

Wie bei Michael von Markus Schleinzer steht auch bei diesem Erstling Übervater Haneke im Hintergrund. Und wie Schleinzer beweist auch Meise, dass er einen absolut eigenständigen, extrem eindringlichen Blick entwickelt hat. „Diagonale 12: STILLLEBEN von Sebastian Meise“ weiterlesen

Die Unverpassbaren, Woche 12

Sophie Quinton in 'Poupoupidou' ©filmcoopi
Sophie Quinton in 'Poupoupidou' ©filmcoopi

Erst diese fünf Filme sehen, dann alle anderen.

  1. Poupoupidou von Gérald Hustache-Mathieu. Eine Tote im verschneiten Niemandsland zwischen Frankreich und der Schweiz, die sich für eine Reinkarnation von Marilyn Monroe hält: Aberwitziger Schneekrimi voller Film-, Bild- und Parallelwitz.
  2. The Hunger Games von Gary Ross. Weil es ein Erlebnis ist, eine Bestseller-Verfilmung zu sehen, die sich gründlich auf die effiziente Vorlage verlässt, dabei ernsthaft bleibt und der grossartigen Jennifer Lawrence Raum zum Leuchten gibt.
  3. Giochi d’estate – Summer Games von Rolando Colla. Nur etwas über 5000 Leute wollten den Film bei seinem ersten Release sehen. Jetzt kommt er dank Schweizer Filmpreis noch einmal ins Kino. Also bitte nicht noch einmal verpassen. Der Sommerfilm hat eine unschweizerisch leichte Schwere.
  4. Le moine von Dominik Moll. Moll verfilmt die Mutter aller Gothic-Novels von 1796 aberwitzig, schauerlich und ironisch ernsthaft zwischen Buñuel und 70ies Nunsploitation .
  5. Balkan Melodie von Stefan Schwietert. Der Film folgt den musikalischen Entdeckungen von Marcel Cellier zurück in den Osten von heute. Was ist aus Zamfir geworden? Und wo singen die Frauen von „Le mystère des voix Bulgares“ heute?

Im Filmpodcast morgen mehr. Zu The Hunger Games, Poupoupidou und etlichem mehr.

Diagonale 12: AUSGLEICH von Matthias Zuder

'Ausgleich' von Matthias Zuder ©HamburgMediaSchool

Kurzfilme sind – an Festivals – in erster Linie Talentproben. Sie leiden darunter, dass sie sich gegenseitig bedecken, sie werden gruppiert und zusammengepfercht. Dabei eignen sich die besten unter ihnen als Solotänzer, als Programmauftakt. So wäre Matthias Zuders zehnminütiger Ausgleich ideal für jede Diskussion um Gewalt, sei diese nun didaktisch ausgerichtet oder auch polemisch. Denn der Kurzfilm des Wieners, der an der Hamburger Filmwerkstatt Regie studiert, lässt sich nicht festlegen. Er hat diese ideale Offenheit, die einem den Haken ins Fleisch treibt.

Nach einem Drehbuch von Marie-Therese Thill nähert sich der Film in einfachen Einstellungen einer Deeskalation, einem arrangierten, begleiteten Treffen zwischen Opfer und Täter. Beide sind junge Männer, der eine wurde in einer U-Bahnstation massiv zusammengeschlagen, der andere war der Schläger. „Diagonale 12: AUSGLEICH von Matthias Zuder“ weiterlesen

Diagonale 12: SPANIEN von Anja Salomonowitz

'Spanien' ©Dor Film Petro Domenigg
'Spanien' ©Dor Film Petro Domenigg

Das passiert mir selten, dass ich mich schon während der Vorstellung eines Films frage, was mir denn daran eigentlich nicht in den Kram passe. Spanien von Anja Salomonowitz ist ein sorgfältig gemachter, verschachtelter Episodenfilm – mit etlichen Pointen und etlichen grossartigen kleinen Einfällen. Aber genau daran mache ich auch mein leises Unbehagen fest. Die Geschichte involviert einen österreichischen Fremdenpolizisten, der obsessiv seine Exfrau stalkt, die Exfrau, welche Ikonen malt und Kirchen restauriert und dazu auch noch Magdalena heisst. Und einen Auswanderer, der nach Spanien wollte, aber eines Unfalls wegen in Österreich festsitzt und nun eben dem Dorfpfarrer zur Hand geht. Ach, und ein Spielsüchtiger Kranführer mit Frau und zwei Kindern ist auch dabei.

Das alles ist clever konstruiert und aufgebaut (und entpuppt sich zum Schluss als noch cleverer als gedacht). Aber mich hat der Film trotz smarter Musik und unheimlich schön ironischem Einsatz von sinnentleerten Religionssymbolen immer wieder ungeduldig gemacht.

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