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    Diagonale 12: KUMA von Umut Dag

    Von Michael Sennhauser | 23. März 2012 - 10:42

    Kuma ©wegafilm

    Es hat nach dem Film ein paar Stunden gedauert, bis es mir aufgefallen ist: In Kuma sind ausschliesslich Türken zu sehen. Türken in der Türkei, natürlich. Aber auch Türken in Österreich – denn da spielt sich das eigentlich Drama ab. Der Film setzt ein mit einer Hochzeit in einem anatolischen Dorf, die Braut ist eine schöne junge Frau, der Bräutigam ist aus Österreich angereist, mit seiner ganzen Familie. Die künftige Schwiegermutter kümmert sich aufmerksam und liebevoll um die junge Frau. Eigenartig ist nur die trotzige Haltung der Schwester des Bräutigams, der hin und wieder wütende Sätze auf Deutsch entfahren.

    Am nächsten Morgen wird die Braut mitsamt der Familie an den Flughafen gefahren, und erst in der Wohnung in Österreich stellt sich heraus, wer da wen geheiratet hat.

    Es ist der Vater des Bräutigams, der die Hochzeitsnacht vollzieht, zögernd, unwillig, auf Geheiss seiner Frau. Denn sie war es, welche die Hochzeit initiiert hat. Fatma hat Krebs und rechnet damit, bald zu sterben. Und um ihre Familie nicht alleine zurücklassen zu müssen, hat sie ihren Mann gedrängt, eine Kuma, eine Zweitfrau zu heiraten. Der Sohn hat der Mutter zuliebe in die Scheinehe eingewilligt, um die österreichischen Verhältnisse zu berücksichtigen.

    Die junge Ayse weiss, worauf sie sich eingelassen hat, die ganze Familie ist eingeweiht, wenn auch nicht alle einverstanden sind. Vor allem die Töchter von Fatma finden die Idee hirnverbrannt und lassen ihre Wut entsprechend an Ayse aus – die sich aber nachgerade als Engel entpuppt, als Audrey Hepburn der Aufopferung, und die Herzen fast aller Familienmitglieder gewinnt.

    Kuma ©wegafilm

    Das klingt nach Melodram, nach Problemfilm auch, aber der in Wien geborene Kurde Umut Dag macht alles richtig, hält die Flughöhe dicht auf der menschlichen Ebene und unterläuft immer wieder unsere Erwartungen. So spielt die Dramaturgie zunächst geschickt mit unserer Empörung über die Täuschung und die Problematik der Zweitfrau, und deckt erst Schritt für Schritt die Gründe dafür auf. Gleichzeitig kümmert sich Fatma dermassen liebevoll und dankbar um Ayse, dass die beiden zu innigen Freundinnen werden. Und der Film bemüht sich strikt um ein absolutes Binnendrama unter Türken. Damit vermeidet Dag die meisten stereotypen Vermutungen über barbarische Traditionen und Einwandererverschwörungen: Der Alltag der Familie, die ökonomischen Zwänge werden geschickt über Gespräche vor allem unter den Söhnen eingeflochten.

    Mit dieser geschickt inszenierten Reduktion auf die Familienkonstellation – der Film spielt in Österreich auch fast ausschliesslich in Wohnungen und geschlossenen Räumen – arbeitet das Drehbuch die persönlichen Konflikte der Figuren heraus, in Abhängigkeit von Sitten und Traditionen und Zwängen zwar, aber individuell verständlich und jenseits der meisten Vorurteile nachvollziehbar.

    Dann allerdings setzt der Film noch mächtig einen drauf, die dramatische Anlage wird überraschend verschärft, die Figuren entwickeln individuelle Abweichungen vom normativen Familiengefüge – aber da sind wir schon so involviert, dass wir dran bleiben, auch wenn es knüppeldick von allen Seiten kommt.

    Es ist die einfache Grundkonstellation, die Versuchsanordnung fremder Traditionen vor europäischem Hintergrund und damit die Situation der Secondos, der Kinder zwischen den Systemen, welche der Film aufzeigt. Dass die meisten persönlichen Dramen, die sich im Film abspielen, wohl auch in der anatolischen Heimat wirksam geworden wären, macht den Film nicht schwächer, sondern stärker. Und dass es vor allem die Frauen sind, welche aktiv und emotional agieren und reagieren.

    Kuma hat an der letzten Berlinale das Panorama eröffnet. Die deutsche Presse reagierte wohlwollend und erkannte im Melodrama das Drama. Während es sich etwa der Hollywood Reporter einfach machte und den Film als Pamphlet gegen die Barbarei der Zweiweiberei verstand.

    Topics: Film, Filmbesprechung, Filmfestival | 2 Kommentare »

    2 Comments

    1. Macht neugierig auf den film.. eins nur: sie schreiben hier „es sind nur türken im film“. das ist mir schon ein wenig negativ aufgestoßen weil es in der türkei nach schätzungen etwa ein drittel kurden (die ethnisch keine türken sind) gibt und man optisch wohl kaum sagen kann ob einer türke oder kurde ist.. und in der diaspora in österreich sind die kurden aus politischen gründen eher über- als unterrepräsentiert.. die türkische sprache verwendet einen begriff der etwa „türkischstämmige“ statt „türken“ übersetzt heisst..

      und dann kommt noch dass umut dag scheinbar tatsächlich kurde ist.. ich sags nur dazu, wie bei den meisten minderheiten haben manche kein problem „türke“ genannt zu werden (was auch nicht unproblematisch ist, weil es eine assimilation nach massivem druck zur assimilation darstellt, und daher nicht einfach als freie entscheidung eines autonomen individuums gesehen ewrden kann), andere haben aber massive probleme damit, weil sie sich eben ethnisch ganz sicher nicht als türken sehen. und wie gesagt nach den zahlenverhältnissen ist es schon unwahrscheinlich, dass ein film der nur menschen aus der türkei zeigt nur „türken“ zeigt und nicht auch kurden. und dann kommt dazu, dass der film in „anatolien“ spielt, was oft geradezu ein synonym für kurdische gebiete ist.. UND von einem kurdischen regisseur aus der türkei..

      wie gesagt ich fände hier reflexion begrüßenswert, unabhängig davon ob einzelne kurden sagen sie fühlen sich „eh mitgemeint“ unter „türken“.

      sonst superinteressante rezension!

      Kommentar by dina — 19. Mai 2012 @ 11:50

    2. @dina Ich kann Ihre Überlegungn nachvollziehen. Allerdings sehe ich auf die Schnelle keine elegante Lösung für das Problem. Meine Feststellung zielt ja darauf ab, dass der Film die Innenperspektive der Einwanderer behält, auch in Österreich. Hätte ich „Kurden und Türken“ geschrieben, wäre das wieder anders angekommen. Und die Formulierung „türkische Staatsangehörige“ wäre zwar korrekt, aber blödsinnig. Dass Umut Dag selber Kurde ist, mache ich im ersten Absatz klar. Wie immer, wenn es um das mitmeinen einer kleineren Gruppe in einer grösseren geht, geht Präzision auf Kosten der Eleganz und Verständlichkeit. Danke für den Hinweis. Als Schweizer bin ich auch dauernd mit der Problematik konfrontiert, auch wenn unsere „Minderheiten“, die Tessiner, die Romands und die Rätoromanen in der Regel am Sammelbegriff „Schweizer“ nichts auszusetzen haben. Dann noch eher die Schweizerinnen…

      Kommentar by Michael Sennhauser — 19. Mai 2012 @ 16:52

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