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    Locarno 12: BERBERIAN SOUND STUDIO von Peter Strickland

    Von Michael Sennhauser | 4. August 2012 - 18:30

    Cosimo Fusco und Toby Jones

    Cosimo Fusco und Toby Jones

    Ein biederer englischer Tontechniker, der sonst vor allem Zuhause tüftelt und Landschaftsdokumentationen vertont, hat einen Job angenommen in einem italienischen Postproduktionsstudio – in den 70er Jahren. Und das Studio ist nicht etwa eines der grossen, sondern eine kleine Klitsche, in welcher Giallos, italienische Horrorfilme, vertont werden.

    Der Brite, klein, scheu und im Tweed-Jacket, wird vom unverwechselbaren Toby Jones gespielt und der stolpert linkisch durch die Billigbude, wo ihn schon die Rezeptionistin, ein Lollobrigida-Verschnitt, mit Verachtung erschreckt und wo ihn der Studiobetreiber im Soundraum empfängt wie eine italienische Variante der von Vincent Price gespielten mörderischen Gastgeber.

    Berberian Sound Studio 3

    In seiner Arbeit ist Gilderoy ein Perfektionist und ein Künstler. Wenn er mit einem Plattenständer und einer Glühbirne ein UFO vertont, staunen sogar Massimo und Massimo, die beiden Tonmänner, welche vor allem fürs Grobe zuständig sind. Sie zerhacken Wassermelonen mit Macheten, lassen Tomaten am Boden zerplatzen … all die Geräusche eben, welche ein Slasher-Film eben so braucht. Aber emotional ist Gilderoy dem filmischen Horror nicht gewachsen. Angstschreie gefolterter Hexen aufzunehmen nimmt ihn sichtlich mit, auch wenn er den Schauspielerinnen in der Kabine dabei zusehen kann, wie sie sich anstrengen, oder langweilen.

    Berberian Sound Studio 2

    Die ausbeuterische Atmosphäre im Studio, der genialische Regisseur, der sein Hexenmassaker als Kunst und historische Aufarbeitung der Wahrheit verstanden haben will, und das Heimweh nach Dorking und seiner Mutter, bei der er in England lebt, setzen Gilderoy zu, bis langsam alles ineinander übergeht. Die Filmbilder (die nie gezeigt werden), die Folterszenen, die Schreie, die Metzelgeräusche.

    Berberian Sound Studio 4

    Dieser Zweitling vom Briten Peter Strickland, dessen Erstling Katalin Vargas 2009 bei der Berlinale mit einem silbernen Bären ausgezeichnet wurde, ist schon von der Anlage her ein kleines Meisterstück. Die Giallo-Produktion durch die Augen und vor allem Ohren eines Tüftlers zu zeigen, der sich solche Filme nie und nimmer anschauen würde, sorgt für eine Grundspannung. Die extrem liebevolle, bis ins letzte technische Detail perfekte Ausstattung lässt, Schieberegler für Schieberegler und Potentiometer um Potentiometer, Zuschauerherzen höher schlagen. Und der Ausflung in den längst nostalgisch verklärten frühen europäischen Horror der sechziger und siebziger Jahre, der hier fast ausschliesslich über die Ohren erfolgt, ist auch ganz grundsätzlich ein Erlebnis. Abgesehen von all den zu Teil überraschend simplen Toneffekten, an deren Präsenz wir uns so gewöhnt haben und denen wir meist kaum einen Gedanken widmen.

    Berberian Sound Studio 5

    Berberian Sound Studio ist ein Film, der gut ans NIFFF gepasst hätte, ein liebevolles Kunst-Stück über eine Periode des Kinos, deren eigener Kunstcharakter noch immer debattiert wird, ein Teil der Filmgeschichte, der bei vielen von uns ein Heimweh auslöst, das einem manchmal pervers, manchmal aber auch völlig verständlich erscheint. Für Gilderoy ist das Dilemma zwischen hoher technischer Kunstfertigkeit und billigster moralischer Exploitation am Ende zuviel. Für Kinonostalgiker (und wohl auch für Kunsttheoretiker) ist dieser Film ein Glücksfall.

    Topics: Film, Filmbesprechung, Filmfestival, Regisseur/in, Schauspieler/in | Kommentare deaktiviert für Locarno 12: BERBERIAN SOUND STUDIO von Peter Strickland

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