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    LAURENCE ANYWAYS von Xavier Dolan

    Von Michael Sennhauser | 14. März 2013 - 09:23

    Suzanne Clément ©filmcoopi

    Suzanne Clément ©filmcoopi

    Der Kanadier Xavier Dolan gilt als Filmwunder. Mit dreiundzwanzig Jahren hat er bereits drei Spielfilme ins Kino gebracht und eine Festivalkarriere am Laufen. Mit Laurence anyways erzählt er die Geschichte eines Mannes, der als längst Erwachsener beschliesst, als Frau weiterzuleben.

    Laurence Emmanuel James Alia ist der Name des von Melvil Poupaud gespielten Mannes, zu Beginn des Films ein arrivierter Romanautor und Lehrer für Literaturgeschichte. Und in einer mehrjährigen und glücklichen Liebesbeziehung mit der quirligen Fred (Suzanne Clément, die in Cannes für diese Rolle ausgezeichnet wurde). Eines Abends macht er eine Rückblende: «Schon als ich dich das erste Mal sah, Fred, dachte ich: Das wird funktionieren. Ich liebe Dich so sehr… ich muss dich so lieben, wie ich bin!»

    Melvil Poupaud und Suzanne Clément ©filmcoopi

    Melvil Poupaud und Suzanne Clément ©filmcoopi

    Etwas perplex fragt sie nach, was das denn heissen solle. Worauf er ihr erklärt: «Je veux être une femme.» Er wolle eine Frau sein.

    Aus dem Leben gegriffen
    Die Idee zu dieser Geschichte sei ihm schon im Herbst 2008 begegnet, sagt Xavier Dolan. Im Auto auf der Rückfahrt vom Dreh seines ersten Filmes J’ai tué ma mère habe eine Mitarbeiterin plötzlich ziemlich emotional von einem Abendessen mit ihrem Freund erzählt – genau die geschilderte Szene.

    Melvil Poupaud ©filmcoopi

    Melvil Poupaud ©filmcoopi

    Die Geschichte vom Mann, welcher der Freundin erklärt, er sei eine Frau, ist typisch für Xavier Dolan, der sich von seinem ersten Film an mit der persönlichen und sexuellen Entwicklung junger Menschen beschäftig hat. Sein erster Film, J’ai tué ma mère erzählte von der komplizierten Beziehung eines Teenagers zu seiner alleinerziehenden Mutter im vorstädtischen Montreal. Da war Dolan eben zwanzig Jahre alt geworden und hatte schon ein ganzes Leben als Kinderdarsteller in Filmen und Werbung hinter sich.

    Die eingebildete Liebe
    Ein Jahr darauf folgten Les amours imaginaires. Xavier Dolan verkörperte darin selber einen Teil jenes Freundestrios, in welchem der Junge und das Mädchen sich jeweils unsterblich in den schönen, unzuverlässigen, flatterhaften bisexuellen Dritten zu verlieben glaubten. Ein wunderliches und wunderbares Spiel mit dem Liebes-Spiel.

    Und nun eben Laurence Anyways, ein Film über Erwachsene, die sich bemühen, erwachsen mit sich selbst und ihren Erkenntnissen umzugehen. Dies, sagte Xavier Dolan im Mai nach der Premiere in Cannes, sei nicht nur eine logische Abfolge im Hinblick auf seine eigenes Älterwerden, sondern auch Ausdruck seines Wunsches, sich als Filmemacher weiter zu entwickeln.

    Laurence Anyways ©filmcoopi

    Retro-Stil
    Dass und wie sehr er daran arbeitet, zeigt sich nicht zuletzt an seinem ziemlich ausgeprägten Stilwillen. Laurence anyways ist nicht nur in der Farbgestaltung ordentlich Retro, sondern auch bei der Ausstattung, welche einen sehr allgemein gehaltenen 80er-Jahre Eindruck vermittelt. Das Bildformat ist mit 4:3 sehr ungewöhnlich, verweist vielleicht darauf, dass Dolan die 80er Jahre wenn überhaupt, dann nur übers Fernsehen und retroaktiv miterlebt haben mag.

    Wirklich schön aber ist an dem mit fast drei Stunden doch ziemlich langen Film, dass er seine zentrale Prämisse, das Dilemma des Mannes und der Frau, die sich plötzlich als quasi gleichgeschlechtliches Paar wieder finden, weder psychologisch noch soziologisch auswalzt.

    Laurence Anyways ©filmcoopi

    Einfache Wandlung
    Die Wandlung von Laurence vollzieht sich zunächst einfach dadurch, dass er sich schminkt und ungelenk auf hohen Absätzen in die Schule stöckelt. Wie seine erste Klasse darauf reagiert – oder, nach der ersten Verblüffung, eben nicht, ist einer der vielen kleinen Höhepunkte.

    Melvil Poupaud ©filmcoopi

    Melvil Poupaud ©filmcoopi

    Natürlich kämpft Laurence nicht nur gegen die versteckte Intoleranz, die ihn schliesslich die Stelle kosten wird, sondern auch gegen offenen Sexismus. Ein erfahrener Schicksalsgenosse nimmt sich seiner an, nachdem er verprügelt worden ist. Aber die meisten dieser Szenen schildern Mechanismen des Alltags.

    Und dem gegenüber steht der Beziehungsstress zwischen Laurence und Fred, einem Paar, das sich heftig darum bemüht, ein Paar zu bleiben. Wie tausende anderer auch. Darin besteht die eigentliche Stärke von Laurence Anyways: Die Situation der Hauptfiguren mag zugespitzt erscheinen, „larger than life“, aber die meisten Kinogängerinnen werden sich in der Alltäglichkeit der beziehungstechnischen Spitzen und Fussfallen wieder erkennen.

    Regisseur und Autor Xavier Dolan ©filmcoopi

    Regisseur und Autor Xavier Dolan ©filmcoopi

    Topics: Film, Filmbesprechung, Regisseur/in | 1 Kommentar »

    1 Kommentar

    1. Sehr berührende und besondere Liebesgeschichte, die vor allem auch visuell toll umgesetzt ist. Da sind 166 Minunten nicht mal zu lang.

      Kommentar by Yvonne — 22. Juni 2013 @ 16:55

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