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    Cannes 13: THE GREAT GATSBY von Baz Luhrmann

    Von Michael Sennhauser | 15. Mai 2013 - 14:00

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    Ja, ja, ja. Jay Gatsby ist eine romantische Figur. Er ist der amerikanische Selfmade-Man. Und seine Parties sind meinetwegen mega. Sagte ja F. Scott Fitzgerald selber, allerdings eleganter. Es ist ja auch gar nichts dagegegen einzuwenden, wenn Baz Luhrmann Wege findet, das Spektakel spektakulärer zu machen, das Roaring der Roaring Twenties röhrender und die tragische Figur Gatsby heldenhafter.

    Mein Problem mit dieser 3D-Sause ist ganz einfach, dass sie mich kalt lässt. Kälter als Moulin Rouge von 2001, wo Ausstattung und schiere Opulenz noch genügten, um die dünne Figurenzeichnung zu kaschieren. Aber jetzt ist einfach alles zu viel und davon zu wenig.

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    Dieser Gatsby ist aufgeblasen, es ist die Kombination einer Readers Digest Lektüre mit den zugehörigen Königs-Erläuterungen, eine Karikatur des Romans, welche die Sparsamkeit und Präzision des Textes mit Opulenz und Tuten und Blasen konterkariert. Das hätte durchaus Spass machen können – wenn der Film mehr Sinn für die Ironie seines Ansatzes aufbrächte. Aber es ist ihm ernst, dem Herrn Luhrmann: „A Little Party Never killed Nobody“ singt Fergie. Right.

    Die Party funktioniert ja auch. Die Szenen im ersten Viertel des Films, in denen Gatsby in seiner Mansion halb New York zum Rummel lädt, sie sind raison d’être und Entschuldigung für fast alles andere.

    Carey Mulligan, Leonardo DiCaprio

    Carey Mulligan, Leonardo DiCaprio

    Nehmen wir als Beispiel das Bild von den zwei Mansions, zwischen denen das Wasser liegt. Das Anwesen von Daisy und ihrem Mann liegt dem Märchenschloss von Gatsby gegenüber auf der anderen Seite der Bucht. In der Nacht schaut Gatsby sehnsüchtig übers Wasser und sieht die grüne Laterne am Landesteg drüben blinken – seine Hoffnung, seine Daisy. Ein Bild, das statisch auf der Netzhaut bleibt und ins Herz geht. Luhrmann verwandelt das nicht nur in eine CGI-3D-Kamerafahrt übers Wasser, vom einen Ort zum anderen, er lässt die virtuelle Kamera auch noch ins geblähte Segel einer durch die Nacht fahrenden Jacht knallen. Das wäre genial, könnte man es als Ironie eines Filmemachers geniessen, der seine Spielsachen zu schnell fahren lässt. Aber ich fürchte, Luhrmann meint das nicht ironisch. Für ihn ist das Jachtsegel ein symbolisches Hindernis in der symbolischen Kamerafahrt für die symbolische Sehnsucht des symbolischen Gatsby.

    Ähnlich aufdringlich verzögert er den Auftritt Leonardo Di Caprios als Gatsby. Dauernd wird von dem Mann geredet, keiner hat ihn gesehen … aber schliesslich, endlich, da: Er steht auf dem Dock. Wir sehen ihn von hinten. Er dreht sich um. Es ist … Leonardo Di Caprio. Ach ja, steht ja auf dem Plakat.

    Leonardo DiCaprio und Carey Mulligan

    Leonardo DiCaprio und Carey Mulligan

    Als romantisches Spektakel ist dieser neue Gatsby gerade wegen des visuellen Overkills und seiner opulenten Ausstattung durchaus sehenswert. Aber Baz Luhrman hat gleichzeitig versucht, die politischen und gesellschaftlichen Untertöne mit zu nehmen – nicht zuletzt über die Stimme von Tobey Maguire als Erzähler Nick. Das macht den Film zum Bastard, zu einem virtuosen filmischen Feuerwerk mit eingebauten Erläuterungen, mithin zu einer sterilen Retortenparty, einem industriellen Pop-Produkt, wie die Musik, die er einsetzt, zum Beispiel „Young and Beautiful“ von Lana del Rey.

    Dass ich trotz gelegentlichem Gähnen und einer fast durchgehenden Ungerührtheit dran geblieben bin, liegt vor allem daran, dass der Film ein Trödelladen voller reizvoller Fundstücke bleibt. Ausstatterin ist einmal mehr Baz Luhrmanns Frau Catherine Martin. Wenn sie in einer Szene, in der Gatsby nach einem Rückschlag deprimiert die Treppe zu seinem Schloss hinaufgeht, auf die Torsäulen links und rechts je einen naturalistischen (Pleite-) Geier setzt, sorgt das für einen vergnügten Gluckser: Habe ich recht gesehen?

    Auch Luhrmann gelingen solche Momente. Da sind Gatsby und seine Daisy (Carey Mulligan) zum ersten Mal wieder vereint und ihre Hände ergreifen sich versteckt hinter eine Säule – ein Zeffirelli-Zitat aus Romeo and Juliet von 1968, einem Film, der Luhrmann für seine eigene Fassung als Vorbild diente.

    Baz Luhrmanns The Great Gatsby ist eine Modelleisenbahnanlage, welche auf engstem Raum viel zu viele Züge umhersausen lässt, ein Spielplatz voller Details, auf dem es einem Erwachsenen schnell schwindlig werden kann. Ein junges Publikum könnte den Film mögen. Das ist ein Softdrink mit jeder Menge Red Bull drin.

    Baz Luhrmann beim Drehen

    Baz Luhrmann beim Drehen

    Topics: Filmbesprechung, Filmfestival | Kommentare deaktiviert für Cannes 13: THE GREAT GATSBY von Baz Luhrmann

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