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    Cannes 13: JIMMY P. von Arnaud Desplechin

    Von Michael Sennhauser | 18. Mai 2013 - 15:29

    Mathieu Amalric und Benicio del Toro

    Mathieu Amalric und Benicio del Toro

    ‚Psychotherapy of a plains Indian‘ lautet der Untertitel dieser gepflegten Rekonstruktion eines realen Falles aus der Praxis des Pioniers der Ethnopsychoanalyse, Georges Devereux. Und damit ist der Film ein ganz entfernter Verwandter von David Cronenbergs A Dangerous Method.

    Allerdings ist die Geschichte des Blackfoot-Indianers Jimmy Picard die eines therapeutischen Erfolges. Und die wirklich spannende Figur ist auch nicht der von Benicio del Toro gespielte Jimmy, sondern viel mehr Georges Devereux, so wie in Mathieu Amalric mit frettchenhafter Fröhlichkeit über die Leinwand wuseln lässt.

    Benicio del Toro und Misty Upham

    Benicio del Toro, Misty Upham

    Jimmy Picard war als G.I. am Ende des zweiten Weltkrieges in Frankreich und erlitt eine Schädelfraktur, als er aus einem Lastwagen geschleudert wurde. In der Folge wurde er mit einer Verwundeten-Pension entlassen und litt unter vielen Symptomen, von Kopfschmerz bis temporärer Blindheit.

    Im Film bringt ihn seine Schwester schliesslich ins Topeka Winter Hospital, einer spezialisierten Klinik. Trotz gründlicher Untersuchungen, findet sich kein physisches Leiden, also wird bei Picard klinische Schizophrenie diagnostiziert – aus purer Hilflosigkeit heraus: Niemand kennt sich mit Native Americans wirklich aus. Einer der Ärzte fragt seine Kollegen besorgt, ob Indianer überhaupt suizidär sein könnten.

    Schliesslich holt man Georges Devereux, einen französischen Anthropologen und Psychoanalytiker ohne offizielle Beglaubigung, unter seinen Kollegen eben so umstritten wie bewundert. Was Devereux für die Aufgabe prädestiniert, sind seine ethnologischen Kenntnisse der Kulturen der Native Americans.

    Mathieu Amalric, Benicio del Toro

    Mathieu Amalric, Benicio del Toro

    Desplechin zeigt Devereux als rebellischen, hyperintelligenten und sehr begeisterungsfähigen Forscher. Und Amalric verleiht ihm dazu die Flinkheit eines Mannes, der als ungarischer Jude irgendwie dauernd auf der Flucht und bei der Avantgarde seiner Forschungsfelder zu sein scheint.

    So trifft mit Devereux ein wieselflinker Aussenseiter auf den bedächtigen und von seinem Leiden verlangsamten Indianer, der unter latentem Rassismus eben so leidet wie unter all seinen persönlichen Komplexen. Was den Film zu einem Vergnügen macht, neben dem Spiel der beiden Hauptdarsteller, ist die minutiöse Rekonstruktion der Klinik in Topeka, der Methoden und Apparate, und des Vorgehens der Zeit. Jimmy P. gewährt Einblicke in die Geschichte der Psychoanalyse und in die historische Situation der Native Americans nach dem zweiten Weltkrieg.

    Mathieu Amalric und Gina McKee

    Mathieu Amalric und Gina McKee

    Allerdings bleibt der Verdacht, dass der Film seine Geschichte stellenweise doch etwas beschönigt. Es gibt einen rassistischen Arzt und eine selbstherrliche Krankenschwester, alle anderen Klinikangestellten sind wahre Ausbunde hilfsbereiter Aufgeschlossenheit.

    Die kleine Unebenheit, dass der mexikanischstämmige Benicio Del Toro einen Blackfoot-Indianer spielt, wird mit einem hübschen Szenenwitz aufgefangen. Picard geht in eine Bar und verlangt einen Drink. Der Barkeeper seinerseits verlangt einen Ausweis, weil der Verkauf von Alkohol an Indianer verboten ist. Nach einem kurzen Blick auf das Kärtchen schenkt der Mann ein und erklärt: Wenn die Polizei auftaucht, sagst du einfach, du seist Mexikaner.

    Arnaud Desplechin

    Arnaud Desplechin

    Topics: Filmbesprechung, Filmfestival, Regisseur/in | Kommentare deaktiviert für Cannes 13: JIMMY P. von Arnaud Desplechin

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