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    NIFFF 13: WE ARE WHAT WE ARE von Jim Mickle

    Von Michael Sennhauser | 9. Juli 2013 - 15:59

    Julia Garner, Bill Sage und Ambyr Childers

    Julia Garner, Bill Sage und Ambyr Childers

    Das mexikanische Original dieses Films war Somos lo que hay von Jorge Michael Grau, eine Variation auf das Kannibalismus-Thema, die es in die Quinzaine des réalisateurs von Cannes geschafft hatte. Als Prekariats-Parabel erregte der Film ein gewisses Aufsehen, seine internationale Karriere litt allerdings darunter, dass er den einschlägigen Horrorfilmfans nicht direkt genug war, und dem Arthouse Publikum dann doch wieder zu drastisch.

    Das wird sich nicht wirklich ändern mit dem US-Remake von Jim Mickle, obwohl We are what we are zu einem wirklich starken Stück Filmkunst geworden ist. Mickle behält den Grundplot bei, dreht ihn allerdings auf der Geschlechterebene und verändert ihn zur Parabel auf religiösen Fanatismus.

    Julia Garner und Ambyr Childers

    Julia Garner und Ambyr Childers

    Als die Mutter stirbt, sehen sich die zwei fast erwachsenen Töchter und ihr Vater gezwungen, die familiären Traditionen neu zu verteilen. Der junge Bruder ist zu klein, also obliegt es der ältesten Tochter, das jährliche Ernährungsritual, das auf die Zeiten der ersten Siedler zurück geht, umzusetzen.

    Jack Gore

    Jack Gore

    Innerhalb der Familie ist es kein Geheimnis, warum in der Gegend über Jahre immer wieder Menschen spurlos verschwunden sind. Nur der kleine Rory ahnt noch nichts. Er fürchtet sich allerdings vor einem Monster, das er im Keller vermutet, seit er dort jemanden hat weinen hören. Und er beisst die nette Nachbarin (Kelly McGillis) in den Daumen, an dem sie ihn saugen lässt, als er Fieber hat.

    Manchmal erinnert Mickles Kleinstadt-Inszenierung an David Lynchs Twin Peaks. Aber der nächste Verwandte dieses Films ist Winter’s Bone mit Jennifer Lawrence. Hier wie dort kämpft die älteste Tochter gegen den Untergang der Famillie und gegen Traditionen, die sie sich nicht ausgesucht hat.

    Der strenge, gütige, unerbittliche Vater, die zwei Mädchen zwischen Aufbruchstraum und dem Wissen darum, aus dem Familienverbund nie wirklich ausbrechen zu können – das alles rührt an gesellschaftliche Tabus, die stärker und fataler sind, als die unseligen Ernährungszwänge, welche den Clan zusammenhalten.

    Und genau hier setzen Jim Mickle und sein Co-Autor Nick Damici ihre Widerhaken: Indem sie die Parker-Familie in eine religiöse Gemeinschaft versetzen, welche ihre Ursprünge in den mörderischen, nahrungslosen Wintern der ersten Siedler hat, greifen sie direkt die amerikanischen Gründungslegen auf – samt dem religiösen Fundamentalismus, wie er die Tea-Party-Bewegung prägt.

    Julia Garner und Ambyr Childers

    Julia Garner und Ambyr Childers

    Dabei arbeitet der Film nicht mit einfachen Stereotypen. Die Figuren, vom Sheriff über den jungen Deputy bis zum gütigen Landarzt mit schlimmem Verdacht (gespielt vom stets grossartig rritierenden Tarantino-Veteranen Michael Parks) sind konturenreich gezeichnet. Und die beiden jungen Schauspielerinnen Ambyr Childers und Julia Garner sind als Schwestern zwischen Familienloyalität und Rebellion umwerfend.

    We are what we are ist einer jener cleveren Filme, welche knallharten Realismus und einen diffusen Genre-Mythos zu einer schneidenden Parabel schmieden, zu einem Film, dessen wahrer Horror nicht dort liegt, wo man ihn zunächst vermutet, sondern dort, wo er auch im wahren Leben am besten versteckt ist.

    Topics: Film, Filmbesprechung, Filmfestival | 1 Kommentar »

    1 Kommentar

    1. Interessant, ich gehöre zu den wenigen, die das Kino nicht frühzeitig velassen haben, sondern dem Original – gerade wegen seinem Platz zwischen den Stühlen – etwas abgewinnen konnte.
      Das Remake hatte ich recht wenig interessiert, mir war nicht einmal bewusst, dass es bereits abgedreht ist.
      Der „wenig interessiert“-Punkt hat sich hiermit gewandelt.

      Kommentar by Martin — 15. Juli 2013 @ 13:04

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