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    Locarno 13: L’ETRANGE COULEUR DES LARMES DE TON CORPS von Hélène Cattet und Bruno Forzani

    Von Michael Sennhauser | 12. August 2013 - 18:30

    Wenn man die letzten Bilder dieser Stilübung in surrealem Horror wörtlich nimmt, dann handelt es sich bei L’étrange couleur des larmes de ton corps, der seltsamen Farbe der Tränen deines Körpers, ganz banal um das Menstruationsblut der älteren Schwester eines traumatisierten Jungen. Und das ist auch das grösste Problem des Films:

    Nimmt man ihn zum Nennwert, bleibt nicht viel von ihm übrig. Hélène Cattet und Bruno Forzani erweisen sich einmal mehr als stilsichere Apologeten des klassischen Giallo. Sie beherrschen die Palette des surrealen Horrors mit Innenarchitektur, Wahrnehmungsverschiebungen, blutigen Momenten und einer ätherischen Tonspur.

    Aber sie spannen ein sehr dünnes Gerüst auf, um ihre Spinnweben von Bildern darüber zu schichten. Ein Mann kehrt von Geschäftsreise zurück ins grossartige Art Déco Haus in Brüssel, und findet seine Frau nicht mehr in der Wohnung – obwohl die Sicherheitskette an der Tür vorgelegt war.

    Die Tonspur und Bilder eines Frauenkörpers und eines Messers haben uns schon darauf eingestimmt, dass mit der Frau allenfalls etwas Schreckliches passiert sein könnte. Aber nun vermischen die Filmemacher diverse Einflüsse zu einem Kaleidoskop optischer und akkustischer Eindrücke. Immer wieder werden blutige Wunden geschlagen, fahren Messer in Körper oder Glasscherben unter die Haut. Der Mann wir zu seinem eigenen multiplen Trippelgänger und verletzt sich selber gegenseitig.

    Das alles ist stilistisch eindrücklich und opulent, zitiert die italienischen Einflüsse der 70 Jahre nicht nur über die Musikspur, und David Lynch nicht nur über Motive. Da taucht irgendwann auch der Name Laura auf, womit sich dieser Zitatezirkel schliesst. Aber die Lyncherei und die Giallerei führen in eine grosse Leere; die eindrücklichen Bilder und die wunderbare Inszenierung der Jugendstil-Architektur drehen sich um sich selber und wirken zunehmend ermüdend.

    Der Film hat mich an die prätentiöse Leere von Nicolas Winding Refns Only God Forgives erinnert. Hier ist eine Filmemachergeneration am Werk, welche ihre Vorbilder perfekt verinnerlicht hat, und den Stil zum Selbstzweck macht. Solche Filme haben den Charakter eines perversen Gottesdienstes für Gläubige, sind inhaltslose Versicherung einer Passion, eher Ritual als Erzählung.

    Das kann, wie auch Refn beweist, ganz eindrücklich sein. Aber für Aussenstehende und Ungläubige ist das vor allem langweilig.

    Hélène Cattet und Bruno Forzani

    Hélène Cattet und Bruno Forzani

    Topics: Filmbesprechung, Filmfestival | 1 Kommentar »

    1 Kommentar

    1. In der Regel mag ich Fetischkino; ich mag Filme, die sich an ihrer Hülle festbeissen und ihren Kern wohl oder übel zur Nebensache erklären. Ich mochte den letzen Film der beiden Regisseure, „Amer“. Auch die dürftige Handlung hat mich bei diesem Film überhaupt nicht gestört. Für mich scheitert der „L’étrange couleur“ nicht auf der inhaltlichen, sondern vielmehr auf der formalen Ebene, weil er die Ästhetik des Giallos auf endlos wiederholte Ticks reduziert und damit schamlos verrät. Eine Tour de Force in Ehren, aber dieser Film ist keine Huldigung an ein Genre mehr, sondern ein auf Erschöpfung getrimmtes Best-of-Giallo-without-the-Boring-Parts. Ob nun Skalpell, Fleichermesser, Rasierklinge oder Glasscherben – die Filmemacher haben hier (frei nach Oscar Wilde) umgebracht, was sie lieben.

      Kommentar by Georges Wyrsch — 13. August 2013 @ 01:58

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