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    Duisburg 13: NACHT GRENZE MORGEN von Tuna Kaptan und Felicitas Sonvilla

    Von Michael Sennhauser | 8. November 2013 - 11:01

    Nacht Grenze Morgen

    Einen rechten Brocken haben sich Kaptan und Sonvilla für ihre Zwischenarbeit an der HFF München ausgesucht: einen Bericht vom Rande der Festung Europa. In Edirne, an der Grenze zwischen der Türkei und Griechenland, haben sie sich mit zwei jungen Schleppern angefreundet, einem Syrer und einem Palästinenser, welche ganz unten in der losen Hierarchie die Frontarbeit verrichten: Sie führen Menschen über die bloss 13 Kilometer lange grüne Grenze. Bis zu dreimal, falls nötig. Denn „wie Pingpongbälle“ kämen viele gleich wieder zurück, wenn sie das Pech haben, aufgegriffen zu werden.

    Die Idee, für einmal die Schlepper und nicht die Flüchtlinge ins Zentrum zu stellen, sei erst vor Ort entstanden, erzählen Kaptan und Sonvilla in Duisburg. Sie seien zunächst einfach für Recherchen nach Edirne gefahren. Tuna Kaptan, der schon bei Fatih Akin Regiepraktikant war (beim Dreh für Die andere Seite), spricht türkisch – was dann allerdings nur bedingt hilfreich war, als sich herausstellte, dass die Hauptprotagonisten ihres Films Persisch und Arabisch sprechen.

    Nacht Grenze Morgen sRGB

    Schliesslich haben die beiden, zusammen mit ihrem Kameramann Tim Kuhn, eine ganze Reihe von Regeln gebrochen, um zu einem Film zu kommen, der tatsächlich eine ungewöhnliche Perspektive auf eine der drängendsten Tragödien unserer Zeit erlaubt. Schon die Regeln für Schuldokfilme konnten nicht eingehalten werden – aufgrund der babylonischen Sprachverwicklungen, die sich ergaben. Und eines der mehr oder weniger ungeschriebenen Gesetze des klassischen Dokumentarfilmes, dass man Distanz halten sollte zum Sujet, war grundsätzlich nicht einzuhalten, weil nur die entstehende Freundschaft zu den beiden jungen Männern überhaupt erst das Vertrauen ermöglichte.

    Ali und Naser

    Ali und Naser

    Zu all diesen grundsätzlichen Problemen gesellten sich dann noch andere. So besteht die Arbeit der Schlepper vor allem aus Warten im Hotelzimmer, während die wenigen wirklich actionreichen Momente dann eben doch nicht gefilmt werden konnten, nur schon, um die Kunden der beiden nicht unnötig zu gefährden. Auch der Entscheid, den Film ganz offen auf die zwei jungen Männer zu konzentrieren, sei erst gefallen, als klar war, dass beide aussteigen würden und selber den Sprung ins hoffnungsreichere Europa wagen würden. Ali hat es offenbar geschafft, er lebe heute anerkannt in einem europäischen Land, während Naser verschollen ist. Die Filmemacher vermuten, er sei tot und haben ihm den Film gewidmet.

    Formal ist Nacht Grenze Morgen einfach und einleuchtend gebaut. Der Film beginnt mit einer Auslegeordnung zur Lokalisierung und einem kurzen Abriss der Grenzsitation zwischen der Türkei und Griechenland und der europäischen Grenzschutzorganisation Frontex. Von deren Website stammen auch die erstaunlich offen martialischen Aufnahmen zur Grenzüberwachung mit Wärmebildkameras, die ebenfalls am Anfang von Nacht Grenze Morgen zu sehen sind.

    Der grösste Teil des Films spielt dann in den Hotelzimmern, hin und wieder sind Kunden zu sehen (die sich damit einverstanden erklärten) und aus den Stunden und Stunden von Material haben Sonvilla und Kaptan schliesslich mit Hilfe der Übersetzer die dichten dreissig Minuten des Films zusammengestellt, die ein einigermassen klares Bild über Herkunft, Motivation und Situation der zwei jungen Männer geben.

    Zwischen die Hotelszenen schneiden die Filmemacher dann immer wieder Sequenzen mit Blick auf die Grenze, Nachtaufnahmen, welche in Erinnerung rufen, wo wir sind und warum.

    Wie jeder gute Dokumentarfilm wirft auch Nacht Grenze Morgen mehr Fragen auf, als er beantworten kann, ermöglicht aber gleichzeitig Einblicke in Vorgänge und Biographien, die den meisten von uns sonst völlig verschlossen geblieben wären. Das ist nicht nur ein erstaunlich engagierter und aktueller Film für eine Schularbeit, sondern auch ein Beispiel für die Mischung von investigativem Journalismus und persönlichem Engagement (beides in Ansätzen), welche eher selten geworden ist in unseren Breitengraden und im Zeitalter des professionell gemanagten PR-Journalismus auch auf mittlerer und höchster politischer Ebene.

    Man könnte auch sagen, da sind ein paar Kids an die Grenze gefahren und haben den persönlichen Augenschein gesucht. Das träfe wohl auch zu, würde dem Engagement und der Professionalität der jungen Filmer aber eindeutig nicht gerecht. Tuna Kaptan und Felicitas Sonvilla ist ein Film gelungen, der sie zu weit mehr qualifiziert als bloss zum Weiterstudieren in München.

    Felicitas Sonvilla, Tuna Kaptan

    Felicitas Sonvilla, Tuna Kaptan

    Topics: Dokumentarfilm, Film, Filmbesprechung, Filmfestival, Regisseur/in | Kommentare deaktiviert für Duisburg 13: NACHT GRENZE MORGEN von Tuna Kaptan und Felicitas Sonvilla

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