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    SFT 14: AKTE GRÜNINGER von Alain Gsponer

    Von Michael Sennhauser | 23. Januar 2014 - 12:33

    Paul Grüninger (Stefan Kurt)

    Paul Grüninger (Stefan Kurt) © Disney Schweiz

    Akte Grüninger ist für die Solothurner Filmtage ein beinahe idealer Eröffnungsfilm: Es ist eine Spielfilm-Uraufführung von einem Schweizer Regisseur. Kinostart ist gleich im Anschluss an die Filmtage, was bedeutet, dass der Filmverleiher Disney den grössten Teil der Medienarbeit schon geleistet hat. Und der Film wurde ursprünglich von C-Films, SRF und Arte als Fernsehfilm konzipiert – das schliesst eine mögliche Publikumsüberforderung nicht völlig aus, minimiert aber doch das Risiko erheblich.

    Vor allem aber ist der „Fall“ Grüninger nur noch pseudobrisant. Ähnlich wie beim 2012 überaus erfolgreichen Film Der Verdingbub geht es auch in Akte Grüninger um ein einst kontroverses Thema, zu dem mittlerweile fast vollständige Einigkeit herrscht: Um Paul Grüninger, den „Oskar Schindler von St. Gallen“.

    Regisseur Alain Gsponer wurde bekannt mit den beiden Martin-Suter-Verfilmungen Lila Lila und Der letzte Weynfeldt. Für Akte Grüninger stützte er sich auf ein Drehbuch von Bernd Lange, der u.a. Hans-Christian Schmids Der Sturm, Requiem und Was bleibt geschrieben hat.

    Paul Grüninger (Stefan Kurt), Sidney Dreyfuss (Anatole Taubman)

    Paul Grüninger (Stefan Kurt), Sidney Dreyfuss (Anatole Taubman) © Disney Schweiz

    Als „ein klassisches Reenactment“ bezeichnet die Produktion das Filmprojekt, als „filmische Aufarbeitung der von den Nazis systematisierten Verfolgung der Juden vor und während des Zweiten Weltkrieges – der grösste Genozid der Menschheitsgeschichte, der auch die Schweiz nachhaltig tangierte“ einerseits und andererseits als „Personenportrait: Die Momentaufnahme aus dem Leben eines Helden, der sich nie als Held gefühlt“ habe – so steht es zumindest in den Produktionsnotizen.

    Paul Grüninger (Stefan Kurt) © Disney Schweiz

    Paul Grüninger (Stefan Kurt) © Disney Schweiz

    Mit Stefan Kurt in der Rolle des Paul Grüninger steht dem Publikum eine Identifikationsfigur zur Verfügung, welche diese Eigenschaften bestens verkörpert, insbesondere die Aura des Helden, der keiner sein wollte. Und mit der Bündnerin Ursina Lardi im Film, als Ehefrau Alice Grüninger, setzt sich SRF diesmal auch weniger dem Vorwurf aus, die historische Rolle der Frauen zu unterschlagen, wie er zuletzt bei „Die Schweizer“ ziemlich laut wurde.

    Zwei jüdische Kinder auf der Flucht in die Schweiz  © Disney Schweiz

    Zwei jüdische Kinder auf der Flucht in die Schweiz © Disney Schweiz

    Aber dass Akte Grüninger ursprünglich als SRF-Fernsehfilm konzipiert worden ist, merkt man ihm deutlich an. Grüninger wird als stiller und zurückhaltender Held gezeichnet, als Mann, der seine Zweifel abgelegt hat. Das Drehbuch macht spürbar, dass sein Engagement auf Kosten seiner eigenen Familie geht, aber das ist mehr oder weniger die einzige Trübung der Figur. Kein Vergleich zu Spielbergs Oskar Schindler, der wenigstens in den ersten Minuten des Films als Profiteuer und kühler Geschäftsmann gezeigt wurde.

    Der zunächst Böse: Polizeiinspektor Robert Frei (Max Simonischek) © Disney Schweiz

    Der zunächst Böse: Polizeiinspektor Robert Frei (Max Simonischek) © Disney Schweiz

    Dass die Gut-Böse-Rollen einigermassen klar verteilt sind, klarer jedenfalls, als sie die historische Faktenlage vorgibt, macht den Film leichter konsumierbar und weniger interessant. Einigermassen ärgerlich sind dagegen die dokumentarischen Einschübe, welche fast wochenschaumässig didaktisch wirken. Aber letztlich läuft jede direkte Kritik an „Akte Grüninger“ auf die unendliche Debatte zum Unterschied zwischen Fernsehfilm und Kinofilm hinaus.

    Die Kontrahenten: Robert Frei (Max Simonischek), Paul Grüninger (Stefan Kurt) © Disney Schweiz

    Die Kontrahenten: Robert Frei (Max Simonischek), Paul Grüninger (Stefan Kurt) © Disney Schweiz

    Als eigenständigen Autorenfilm kann man Akte Grüninger nicht bezeichnen, im Vergleich etwa zu Markus Imhoofs Das Boot ist voll, mit dem sich der Filmemacher noch 1981 dem Vorwurf der „Nestbeschmutzung“ ausgesetzt hatte, ist dieser Film mehrheitsfähig und konsensgetrimmt, ein Medienprodukt, das auf dem Weg seiner Entstehung einem Kiesel gleich schön rundgeschliffen wurde.

    Im sauberen Schweizer Spiegel: Paul Grüninger (Stefan Kurt) © Disney Schweiz

    Im sauberen Schweizer Spiegel: Paul Grüninger (Stefan Kurt) © Disney Schweiz

    Für die 49. Solothurner Filmtage aber ist Akte Grüninger ein Glücksfall: Ein Film, der schon im Vorfeld zu reden und zu schreiben gab, ein Film, der sein Publikum nicht kalt lassen wird und der den bei der Eröffnung anwesenden Politikern die Chance bietet, nicht nur filmästhetische Gemeinplätze zu diktieren, sondern allenfalls auch den einen oder anderen politisch relevanten Satz darüber, wie voll oder wie aufnahmefähig denn das Boot heute sei.

    Der eher wirklich böse Chef der Fremdenpolizei Heinrich Rothmund (Robert Hunger-Bühler)  © Disney Schweiz

    Der eher wirklich böse Chef der Fremdenpolizei Heinrich Rothmund (Robert Hunger-Bühler) © Disney Schweiz

    26minütiges Reflexe-Gespräch vom Morgen nach der Premiere, aus Solothurn mit Regisseur Gsponer, Hauptdarsteller Stefan Kurt, Michel Sennhauser und Eric Facon:

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    Topics: CH Film, Film, Filmbesprechung, Filmfestival | Kommentare deaktiviert für SFT 14: AKTE GRÜNINGER von Alain Gsponer

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