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    SFT 14: TRAUMLAND von Petra Volpe

    Von Michael Sennhauser | 25. Januar 2014 - 14:53

    Traumland © Filmcoopi

    Traumland © Filmcoopi

    Dieser Film ist so etwas wie das Gegenstück zu Men Lareidas Viktoria – A Tale of Greed and Grace, der ebenfalls gestern in Solothurn gezeigt wurde. Er ist aber auch eine Art Antwort auf Christoph Schaubs Happy New Year von 2008. Traumland spielt am Tag von Heiligabend in Zürich und folgt den Schicksalen von einzelnen Menschen und ihren Angehörigen. Vier von ihnen haben im Verlauf des Tages zu tun mit einer jungen Prostituierten aus Bulgarien, und alle verraten sie und sich irgendwann direkt oder indirekt.

    Da ist die von Ursina Lardi gespielte Frau eines Kunden von Mia, die erst ihren Mann zur Rede stellt und später bei der jungen Frau in Erfahrung zu bringen sucht, was genau den Mann angezogen haben könnte. Ein anderer Kunde wird von André Jung gepielt. Er lädt Mia aus lauter Einsamkeit gegen Bezahlung zum Essen zu sich nach Hause ein und verleugnet sie dann absolut erbärmlich, als sich wenigstens ein Teil seiner Familie doch noch am Tisch einfindet.

    Bettina Stucky wiederum ist die Sozialarbeiterin, welche Mia in der Anlaufstelle zu helfen versucht und Marisa Paredes die spanische Dame im Mietshaus, welche ihre eigene Einsamkeit gegen die junge Frau richtet und ihr ohne es zu ahnen den letzten Fluchtweg zerstört.

    Bettina Stucky © Filmcoopi

    Bettina Stucky © Filmcoopi

    Traumland ist ein extrem konsequenter Film, die Einsamkeit und das Elend der Figuren kontrastiert mit ihren Situationen, die Kamera löst die nächtlichen Lichter der Stadt immer wieder in farbige Unschärfen auf und im Hintergrund taucht des öfteren der Prime Tower auf wie das böse allmächtige Auge von Mordor im Lord of the Rings.

    Dabei ist Traumland das Gegenteil eines Fantasyfilms. Selten wurde die urban gezeichnete Vereinzelung konsequenter und drastischer ins Bild gerückt. Die Gestaltung ist nicht nur bei der Kameraarbeit geprägt von kaltem Urban Chic, sondern auch in einzelnen Wohnungen, vor allem bei der schwangeren Mutter mit dem fremdgehenden Mann.

    Die Verlorenheit und Hoffnungslosigkeit der meisten Protagonisten wird im übrigen noch betont durch die zum Teil bewusst komische Montage und einzelne messerscharf überzeichnete Familienszenen am Esstisch. Wenn etwa der Sohn der schwangeren Frau seinen Kopf auf den Bauch der Mutter legt und diese lächelnd fragt: „Strampelt es?“ Strampelt nach dem nächsten Schnitt André Jung auf einem Hometrainer. Bloss erweckt die Einstellung zunächst den Eindruck, seinem rhythmischen Keuchen liege eine ganz andere Tätigkeit zugrunde.

    Wenn der Schwiegervater am Esstisch Schopenhauer zitiert mit dem Ausspruch, die Prostituierten seien die Opfer auf dem Altar der Monogamie, dann tönt das so satt pervers wie die Versuche seiner Frau, die Schwiegertochter damit zu trösten, dass die Männer halt so seien – ohne dass am Tisch konkret angesprochen worden wäre, was denn eigentlich passiert ist.

    Traumland ist gestalterisch und dramaturgisch beklemmend konsequent, so sehr, dass man im Kinosaal unwillkürlich eine Schutzhaltung aufzubauen versucht. So viel Niedertracht, Dummheit, Verlorenheit und so viel ungebremster Egoismus ohne Ziel und Zweck, das tut weh. Der Strassenstrich wird mit gnadenloser Härte inszeniert; hier ist ganz klar eine Frau am Werk, deren Blick und Perspektive nichts zur Diskussion stellen, sondern knallhart konstatieren. Das ist ein extremer Kontrast zum austarierten, abwägenden Blick auf die Prostitution, wie er in Men Lareidas Viktoria aufscheint.

    Marisa Paredes © Filmcoopi

    Marisa Paredes © Filmcoopi

    Wenn die alte Spanierin in der Kirche voller Selbstgerechtigkeit und Selbstmitleid eine Kerze anzündet, dann wird man dieses Bild eben so wenig los wie jenes vom Ende von Mia, welches zu den verstörendsten und härtesten dieses Zürcher Traumlandes überhaupt zählt.

    Es bleibt einmal mehr die Frage, wie weit die Wirkung eines Filmes reicht, gegen dessen Ansturm man sich unwillkürlich zu wehren beginnt. Und die lässt sich erst mit einem Abstand von ein paar Tagen beantworten. Was aber jetzt schon klar ist: Petra Volpe ist hier ein eindrücklicher Beweis filmischen Könnens gelungen, mit einem hochkarätigen Schauspielerensemble von dem andere noch lange nur träumen dürften.

    Filmemacherin Petra Volpe copy Filmcoopi

    Filmemacherin Petra Volpe © Filmcoopi

    Topics: CH Film, Filmbesprechung, Filmfestival, Regisseur/in | 2 Kommentare »

    2 Comments

    1. Danke, für diesen wunderbahren , beklemmenden Film, was wir gestern in Stuttgart sehen dürften. ich arbeite 30 jahren is Frauenhaus, und begleite ungarische prostituierten, wenn nötig ist. Selbst Ungarin.
      Werde alles dafür tun, das wir diese Film bei uns in EZEF aufkaufen kann in Stuttgart. DANKE!!!!

      Kommentar by kinga v. Gyökössy-Rudersdorf — 25. November 2014 @ 22:21

    2. Vielen Dank für dass Sie im Film waren und vielen Dank für die Komplimente! Wir freuen uns über jede Zuschauerin, den der Film erreicht! Herzlich petra volpe

      Kommentar by Petra Volpe — 25. November 2014 @ 23:58

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