Filmpodcast Nr. 387: Omar, Bildrausch, Kinoeintritte, Cannes-Gewinner

'Omar' von Hany Abu-Assad © Cineworx
‚Omar‘ von Hany Abu-Assad © Cineworx

Kino im Kopf mit Brigitte Häring. In der Rolle heute blickt Michael Sennhauser noch einmal aufs Festival von Cannes zurück und ich voraus aufs kleine Bildrausch Filmfest von Basel. Hannes Nüsseler und Antonia Moser haben unterschiedliche Blicke auf den Film Omar geworfen, und Romana Costa hat sich mit den dramatisch sinkenden Besucherzahlen in den Schweizer Kinos befasst. Und ich habe noch Kurztipps und eine Tonspur für Sie.

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Die Unverpassbaren, Woche 22 – 2014

Violette Leduc (Emmanuelle Devos) © Xenix
Violette Leduc (Emmanuelle Devos) © Xenix

Erst diese fünf Filme sehen, dann alle anderen.

  1. Violette von Martin Provost. Unsentimental und ungeschönt erzählt Martin Provost aus dem Leben der eben so rabiaten wie begabten Autorin Violette Leduc, protégée secrète der Simone de Beauvoir. Das etwas andere literarische Kino aus Frankreich.
  2. Omar von Hany Abu-Assad. Hauptsächlich mit Laiendarstellern besetzter Politthriller des Paradise Now-Regisseurs. Atemlos schnell und erschütternd unversöhnlich.
  3. Wakolda von Lucía Puenzo. Subtil und vielschichtig erzählt die Argentinierin, wie sich 1960 der flüchtige Nazi-Doktor Mengele unter falschem Namen an eine Familie in Bariloche heranmacht. Eine packende und intelligent personalisierte Fiktionalisierung.
  4. Snowpiercer von Bong Joon-ho. Eiszeit statt globaler Erwärmung. Ein Zug nach Nirgendwo rast durch die menschengemachte Katastrophe, im Zug eine negative Gesellschaftsutopie. Eigenwillige Comic-Verfilmung mit schmalem Budget und grossem Selbstvertrauen aus Südkorea
  5. Los insólitos peces-gato von Claudia Sainte-Luce. Eine einsame junge Frau trifft auf eine lebenslustige Todkranke. Die mexianische Regisseurin hat ein Stück eigener Biographie zu einem starken Spielfilm verarbeitet.

Morgen im Filmpodcast mehr zu Bildrausch Basel, Omar und den sinkenden Schweizer Kinobesucherzahlen. Und der Rückblick auf die Cannes-Palmen.

Cannes 14: Palmarès mit Kompromissen

Palmen

Das 67. Filmfestival von Cannes ist vorbei und der Hauptpreis, die goldene Palme, ging an den uneingeschränkten Favoriten: Winter Sleep.

Drei und eine Viertelstunde lang ist der Film vom türkischen Meisterregisseur Nuri Bilge Ceylan. Und keine einzige dieser 196 Minuten ist überflüssig. In grossartigen Bildern und ausgedehnten, vom russischen Theaterklassiker Anton Tschechow inspirierten Dialogen verhandelt ein ehemaliger Schauspieler und jetziger Dorfkönig in der Felsenlandschaft von Kappadokien das Leben mit seiner Umgebung, seiner schönen jungen Frau und seiner skeptischen Schwester. Seine Welt ist im Umbruch, so wie die aktuelle Türkei. Entsprechend hat der Regisseur seinen Preis in Cannes denn auch jenen Menschen gewidmet, die in den türkischen Protesten des vergangenen Jahres ihr Leben verloren haben.

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Cannes 14: LEVIATHAN von Andrey Zvyagintsev

LEVIATHAN von Andrey Zvyagintsev

Eine mächtige und zeitlose Geschichte ist die Geschichte von Hiob. Und mächtig erzählt auch der Russe Zvyagintsev einmal mehr aus seiner Heimat – bloss nicht zeitlos. Denn im Heute findet sein Hiob das bodenlose Unglück. Und wir unser Russlandbild bestätigt.

Kolja heisst der rechtschaffene Mann (warum heissen sie immer Kolja?), der sich auf dem Land seiner Väter ein Haus gebaut hat und eine Autowerkstatt. Der da lebt, mit seiner schönen jungen zweiten Frau und seinem Sohn von der ersten, die verstorben ist. „Cannes 14: LEVIATHAN von Andrey Zvyagintsev“ weiterlesen

Cannes 14: Bilanzrunde
mit Anke Leweke und Katja Nicodemus

Wegen der Europa-Wahlen vom 25. Mai dauert das diesjährige Festival einen Tag weniger als üblich. Die Preise werden am Samstag, 24. Mai verliehen. Einen Tag davor ziehen wir Bilanz mit Anke Leweke und Katja Nicodemus.

In der Jury unter dem Vorsitz der Neuseeländerin Jane Campion (und bisher einzigen Regie-Palmen-Gewinnerin in 66 Jahren) dominierten für einmal die Frauen (es waren fünf, Männer waren viermal vertreten). Im Wettbewerb dagegen standen nach wie vor zwei Frauen einer Phalanx von 16 arrivierten Männern gegenüber. Wie aber steht um die Kirche des Kinos und das Bordell der Bilder in Cannes? Was ht es mit den Ritualen auf sich, wer sind die Priester, wer die Zuhälter und wo stehen die Journalisten dazwischen?

Unsere bewährte Reflexerunde aus Cannes-Veteranen stellt sich jedes Jahr ähnliche Fragen und findet immer wieder neue Antworten: Cannes bewegt sich eben doch.

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Saugen: Reflexe Freitag, 23. Mai 2014 (Rechtsklick für Download)

Filmpodcast Nr. 386: 67. Filmfestival de Cannes

Die Palmen werden angeliefert in Cannes © sennhauser
Die Palmen werden angeliefert in Cannes © sennhauser

Kino im Kopf mit Brigitte Häring. Und mit Michael Sennhauser aus Cannes: In der Rolle diese Woche sind ausschliesslich Beiträge vom Filmfestival an der Côte d’Azur. Oder fast ausschliesslich, denn Kurztipps und eine Rätsel-Tonspur gibt es wie immer auch zu hören.

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Cannes 14: JIMMY’S HALL von Ken Loach

Jimmy s Hall von Kench Loach 3
Father Sheridan (Jim Norton) mit Getreuen der Kirchgemeinde

Man hätte dem 77jährigen Ken Loach einen spektakuläreren letzten Film gewünscht als diese brave Weiterführung der bekannten Themen von Solidarität und Unterdrückung. Loach hat die Sehkraft eines Auges offenbar bereits verloren, und das zweite könne sich jederzeit verabschieden.

Vielleicht hat es ja auch damit zu tun, dass er sich mit seinem langjährigen Drehbuchautor Paul Laverty noch einmal nach Irland begeben hat, in das Land und in die Zeit, in der sein palme d’or-Gewinner The Wind that Shakes the Barley von 2006 angesiedelt war. „Cannes 14: JIMMY’S HALL von Ken Loach“ weiterlesen

Cannes 14:
THE SEARCH von Michel Hazanavicius

Abdul-Khalim Mamatsuiev und Bérénice Bejo
Abdul-Khalim Mamatsuiev und Bérénice Bejo

Ausgerechnet eine Schweizer Filmproduktion von 1948 hat sich Michel Hazanavicius nach seinem Erfolg mit The Artist zur Vorlage genommen, um zu beweisen, dass er auch anders kann als lustig.

Der von der Zürcher Praesens-Film von Lazar Wechsler produzierte The Search (auf Deutsch Die Gezeichneten) folgte einem von Montgomery Clift gespielten GI, der im Nachkriegs-Berlin einem stumen tschechischen Jungen bei der Suche nach seiner Mutter hilft. Regie führte damals Fred Zinneman und der Film brachte der Schweizer Firma einen Oscar ein.

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THE SEARCH von Michel Hazanavicius“
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Cannes 14: DEUX JOURS, UNE NUIT von Jean-Pierre und Luc Dardenne

Baptiste Sornin, Catherine Salée, Marion Cotillard
Baptiste Sornin, Catherine Salée, Marion Cotillard

Präzise wie ein Uhrwerk bringen die Frères Dardenne alle drei Jahre einen neuen Film an die Croisette. Mit Rosetta gewannen sie 1999 ihre erste goldene Palme, mit L’enfant 2005 die zweite und mit ihrem jüngsten Werk haben sie haben sie nun ganz real die Chance, als erste überhaupt in Cannes eine dritte Palme abzuholen.

Deux jours, une nuit ist in jeder Beziehung ein Dardenne-Film: Dokumentarisch präzise, dramaturgisch auf das absolute Minimum reduziert, durchs Band weg perfekt besetzt mit Laien und mit Profis, angesiedelt mitten im harten Leben der arbeitenden Mehrheit. Aber etwas ist anders: Zum ersten Mal haben die Dardenne-Brüder hier so etwas wie ein High Concept Movie versucht, einen jener Filme, deren Grundkonflikt sich in einem Satz beschreiben lässt – oder gar in einem Titel wie Snakes on a Plane oder ConAir. „Cannes 14: DEUX JOURS, UNE NUIT von Jean-Pierre und Luc Dardenne“ weiterlesen

Cannes 14: FUTATSUME NO MADO – Still the Water – von Naomi Kawase

Jun Yoshinaga und Nijiro Murakami
Jun Yoshinaga und Nijiro Murakami

Es ist die letzte Einstellung von Still the Water, welche diesen grossartigen Film für unverdienten Spott exponiert: Die Teenager Kaito und Kyoko, welche sich zuvor auf jeweils eigene Weise mit ihren Müttern auseinandersetzen mussten, sind erwachsen geworden. Sie hatten den Sex, welchen der empörte Kaito seiner Freundin zuvor trotzig verweigert hat, und sie schwimmen im Meer, von dem Kaito zuvor nichts wissen wollte.

Dass die Bilder den Kitsch von The Blue Lagoon mit Brooke Shields evozieren, ist unglücklich, denn Naomi Kawases jüngster Film ist wie immer das pure Gegenteil davon. Niemand hat in den letzten Jahren feinere und zurückhaltendere Bilder gefunden für die Zyklen von Leben und Sterben, Lieben und Hassen, Eifersucht und Hoffnung, als die Japanerin. „Cannes 14: FUTATSUME NO MADO – Still the Water – von Naomi Kawase“ weiterlesen