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    Cannes 14: WINTER SLEEP – Kis Uykusu – von Nuri Bilge Ceylan

    Von Michael Sennhauser | 16. Mai 2014 - 22:37

    Winter Sleep (4)

    Mit drei Stunden und sechzehn Minuten hat uns der türkische Meister in Cannes dieses Jahr am meisten Sitzvermögen abverlangt. Aber das Sitzen und Schauen lohnt sich. Der Film erinnert an Bergmann, ein wenig an Lars von Trier und vor allem klar an Nuri Bilge Ceylan.

    Dabei ist Winter Sleep für Ceylans Verhältnisse ein überraschend redseliger Film. Andauernd wird Moral verhandelt, Gerechtigkeit und richtiges Handeln. Und andauernd passiert das Gegenteil. Im Zentrum steht die Geschichte eines reichen älteren Mannes und seiner eben so schönen wie unglücklichen jungen Fau.

    Aydin war Schauspieler, erfolgreich und 25 Jahre auf der Bühne, ohne je in einer Soap mitgespielt zu haben, wie er stolz erzählt. Jetzt aber führt er ein Hotel in einer dieser Felsenstädte in Zentralanatolien, verwaltet die vom Vater geerbten Häuser und ist nicht nur der reichste Mann im Dorf, sondern, wie er selber sagt, der König in seinem kleinen Reich.

    Sein Verwalter Hidayet macht die grobe Arbeit, treibt die Mieten ein und hetzt auch schon mal zusammen mit dem Anwalt die Pfändungsbeamten auf säumige Mieter. Ohne das Wissen, aber mit Billigung und im Auftrag des Chefs.

    Melisa Sözen (Nihal)

    Melisa Sözen (Nihal)

    Und Aydins wunderschöne junge Frau Nihal hat sich mit ihrem Mann arrangiert. Man lässt sich in Ruhe, sie organisiert mit dem Lehrer einen Spendenkreis um lecke Schuldächer zu flicken – alles nähme seinen Lauf, käme nicht der Winter und würde die Menschen noch enger aufeinander treiben.

    Nicht nur Aydin wird immer gereizter, auch seine frisch geschiedene Schwester, die ebenfalls im Hotel wohnt, der stets betrunkene Bruder des Dorfgeistlichen und vor allem dessen kleiner Sohn, der Aydin die öffentliche Demütigung seines Vaters druch Pfänder und Polizei nicht verzeiht.

    Winter Sleep (1)

    Nuri Bilge Ceylan ist ein Meister des Tableaus, und schon die ersten Einstellungen des Films sind wieder von einer drückenden Schönheit. Und das hält er durch, auch in Räumen und auch während der endlosen, oft rhetorischen Gesprächsschleifen. Er zeigt Räume und darin Gesichter in Spiegeln, Menschen von Hinten und im Schatten, mit verschränkten Armen und verschränkten Herzen, und mittendrin Aydin, noch nicht wirklich alt, aber längst nicht mehr jung, erstarrt und stur, verloren, verliebt und zynisch – und immer wieder feige.

    Winter Sleep (3)

    Bergmans Szenen einer Ehe sind nie weit, im Leiden der schönen Nihal spiegeln sich Lars von Triers Opferfrauen, ein Pferd wird gefangen und schliesslich wieder freigelassen. Hase erschossen, viel Alkohol getrunken. Es schneit, Japaner kommen ins Hotel und ein Motocross-Reisender, der Aydin sein fortgeschrittenes Alter spüren lässt.

    Man kann diesen Film wörtlich nehmen oder metaphorisch, man kann sich darin als Mann wiedererkennen in der ganzen Ratlosigkeit, die uns das Leben bringt. Man kann mit der Frau mitfühlen, mit dem Kind und seiner Familie.

    Man kann sich der exotischen, rauhen Schönheit des winterlichen Anatolien ergeben oder den Film als Abgesang auf den Kapitalismus und die bürgerliche Kultur überinterpretieren: Alles macht er möglich und ist dabei tatsächlich keine Minute zu lang.

    Winter Sleep ist wieder einmal einer jener Filme, deren grausame Schönheit lange genug nachwirkt, um sie zu einem Teil des eigenen Lebens zu machen. Das werden nicht alle mögen und können. Aber wer will, Cannes.

    Nuri Bilge Ceylan

    Nuri Bilge Ceylan

    Topics: Film, Filmbesprechung, Filmfestival | 1 Kommentar »

    1 Kommentar

    1. Danke, da läuft einem das Wasser im Munde zusammen wie dahinschmelzender Schnee.

      Cannes kaum erwarten, den zu sehen…

      Kommentar by PeeWee — 18. Mai 2014 @ 19:00

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