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    Locarno 14: ALIVE von Jungbum Park

    Von Michael Sennhauser | 13. August 2014 - 16:30

    Heatbit Shin als Hana mit Jungbum Park

    Heatbit Shin als Hana mit Jungbum Park

    Am Leben sind die Figuren in diesem koreanischen Drama. Aber zu mehr reicht es nie. Vor allem der vom Filmemacher selber gespielte Jungchul fragt sich dauernd, warum er nichts, aber auch gar nichts haben kann.

    Jungchul arbeitet härter als alle anderen, er ist smarter, er versucht, sein nach einer Flut halb eingestürztes Haus zu reparieren und er kümmert sich schliesslich um seinen etwas einfachen Freund Myunghoon, um seine dem Wahnsinn nahe Schwester Sooyun und um deren uneheliche Tochter Hana. Dazu verdingt er sich in der Soya-Manufaktur bei deren Patron Sooyun als Köchin angestellt ist.

    Alive 3

    Eine halbverrückte Frau, ein aufmerksames, einsames Kind, ein gutherziger, aufrechter Simpel und ein Mann, der alles versucht, um das Überleben zu sichern für sich und die Menschen um ihn herum. Dazu ein Patron und seine Tochter, die kurz vor der Hochzeit steht: Das Personal und die dramatische Anlage des Films wirkt wie eine Geschichte aus vorindustrieller Zeit, beinahe gotthelfig, spielt aber klar im heutigen Korea.

    Die Schwiegermutter der Patronstochter richtet den Jungen eine Luxuswohnung ein, der Brautvater muss den neueseten Ultra HD Fernseher beisteuern, und allen ist klar, das die ohnehin verschuldete Soyaverarbeitungs-Manufaktur keine Rückschläge verträgt unter diesen Umständen.

    Alive 4

    Es ist eine seltsame Aufstellung, die Jungbum Park da durchspielt. Jungchul verdrängt gezielt mit schnelleren, jüngeren Arbeitern die alteingesessenen, der Patron beschleunigt den Fermentierungsvorgang der Soyakuchen, indem er sie noch feucht einlagern lässt und Sooyun ist dann schliesslich schuld daran, dass sie faulen, weil sie ein Fenster offen lässt – um die Temperatur im improvisierten BRutkasten für ein paar Hühnereier zu regeln.

    Immer sind es moralische Zwickmühlen für Jungchul einerseits, die schmerzvolle Unzurechnungsfähigeit seiner in wahllose sexuelle Begegnungen flüchtenden Schwester andererseits und die herzensgute Aufrichtigkeit von Freund Myunghoon, welche ins Disaster führen. Und die kleine Hana leidet aufmerksam mit.

    Neben dem Dog-Eat-Dog-Aspekt dieses Blickes auf die Arbeitswelt verblüfft dann immer wieder der Schwenk ins Zeitgenössische. Der Film wirkt tatsächlich wie eine üersteigerte Gotthelf-Geschichte mit Fernsehüberwachung durch den Arbeitgeber. Zum Beispiel.

    Alive 5

    Gefilmt, montiert und erzählt ist das alles realtiv konventionell, hin und wieder aber mit offenbar gezielt wackeliger Handkamera und mit extrem aufdringlichem Direktton in einzelnen wenigen Einstellungen. Wäre da nicht hin und wieder fast schon aufdringlich symbolhafte Dialoge, müsste man annehmen, dass dieser Film sich wohl im koreanischen Kontext besser erschliesst, über die sichtbare Ebene hinausgeht.

    Aber wenn die Inhaberin einer Papageien-Show der kleinen Hana erklärt, sie dürfe einen der Vögel heute niht füttern, weil der in der Show nur gehorche, wenn er Hunger habe, dann gibt es nichts zu interpretieren. Und solche Momente häufen sich. Manchmal sind sie auch rührend wirksam. So in einer Ladenszene, in der der warmherzige, moralisch unanfechtbare Simpel Myunghoon seinem Freund erklärt, er sei sich wohl nicht im klaren darüber, dass er ihm helfen könnte – und der ihn im Gegenzug auffordert, ihm doch in diesem Fall eine grosse Rübe aus dem Laden zu stehlen. Was Myunghoon natürlich nicht fertig bringt.

    Jungbum Park ist Jungchul in Alive

    Im Hinblick auf diese Figur zumindest, diesen Myunghoon, ergibt sich eine gewisse Verwandschaft zum russischen Wettbewerbsbeitrag hier in Locarno. Durak – The Fool von Yuriy Bykov versucht sich ebenfalls an dieser Dostojewski-Figur des Gerechten unter all den dekadenten Sündern, diesem Myschkin, der in seinem Anstand und seiner Rechtschaffenheit der Welt einfach nicht gewachsen ist.

    Aber als Fazit für einen dreistündigen Film ist das dann doch etwas dünn, die Erkenntnis, dass nicht nur Anständige, Verrückte und Kinder keine Chance haben in dieser bösen Welt, sondern auch jene nicht, die bereit sind, notfalls andere auszubooten.

    (67. Filmfestival Locarno, Concorso internazionale)

    Jungbum Park

    Jungbum Park

    Topics: Film, Filmbesprechung, Filmfestival, Regisseur/in | Kommentare deaktiviert für Locarno 14: ALIVE von Jungbum Park

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