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    Venedig 14: EN DUVA SATT PÅ EN GREN OCH FUNDERADE PÅ TILLVARON (A Pigeon Sat on a Branch Reflecting on Existence) von Roy Andersson

    Von Brigitte Häring | 2. September 2014 - 21:30

    © Roy Andersson Filmproduktion AB

    © Roy Andersson Filmproduktion AB

    Die Taube im Titel dieses wunderbaren Films denkt darüber nach, dass sie kein Geld hat. Davon handelt ein Gedicht, das ein kleines behindertes Mädchen am Vorführabend der Schule aufsagen möchte. Sie habe es selber gemacht, erklärt sie dem Lehrer.

    Der Schwede Roy Andersson macht ein skurriles Kino der grotesken Überzeichnung. Seine Filme sind nicht laut und schrill – sie bestehen aus ruhigen Bildern, als Standbilder beginnen die Szenen, als Tableaux Vivants mit bleichen Menschen in farblos beige-grauen Umgebungen. Manchmal erinnern diese Bilder an die Bühnenstücke Christoph Marthalers.

    Der Film, den Roy Andersson hier im Wettbewerb von Venedig hat, En duva satt på en gren och funderade på tillvaron ist nach Songs from the Second Floor (2000) und You, the Living (2007)der dritte Teil seiner Trilogie über das menschliche Wesen. Und dieser dritte Teil beginnt erst einmal mit dem Tod. Mit drei Toden, um genau zu sein. Die sind in Zwischentiteln als „Treffen mit dem Tod Nr. 1“ und so weiter angekündigt. Drei Alltagstode, denen in der Folge keine Beachtung mehr geschenkt wird.

    © Roy Andersson Filmproduktion AB

    © Roy Andersson Filmproduktion AB

    Die Welt, in der Anderssons Film spielt (man erfährt im Film einmal, dass wir in Göteborg sind) ist seltsam zeitlos und unbewegt. Die Menschen stehen oder sitzen da, in Bilder platziert, die man alle als Kunstfotografien in eine Kunstausstellung hängen könnte. Die Dialoge klingen wie absurdes Theater und drehen sich dennoch immer nur um Menschliches-Allzumenschliches.

    © Roy Andersson Filmproduktion AB

    © Roy Andersson Filmproduktion AB

    Im Zentrum des Films stehen zwei Durchschnittstypen, die mit ihren Vertreterkoffern durch dieses Anderssonsche Universum irren. Sie verkaufen Scherzartikel, Vampirzähne, Lachsäcke und eine Maske mit Namen „Der Onkel mit nur einem Zahn“. Sie wollen, so sagen sie immer und immer wieder, etwas Spass ins Leben der Menschen bringen.

    Überhaupt wird in diesem Film fast alles, das gesagt (oder gesungen) wird, mehrmals wiederholt, wortwörtlich. In unzähligen Telefongesprächen wird immer nur ein Satz gesagt: „Ich bin froh, dass es dir gut geht“. Gerade diese immer wieder formelhafte Bemerkung zum menschlichen Befinden wirkt unglaublich entseelt und menschenfremd.

    Aber dieses derart grotesk und absurd inszenierte Kinotheater, das Andersson macht, diese Tableaus, die dann plötzlich zu leben beginnen, sind, so seltsam starr sie sind, auch unglaublich mehrschichtig. In jeder Szene geht es um menschliche Dramen, um Liebe, Freundschaft, aber auch um Selbstzweifel, um Pessimismus, ums Altwerden. Der Film ist ein einziges Kaleidoskop des menschlichen Wesens. Das sagt auch der letzte Zwischentitel: „Homo Sapiens“ heisst er – natürlich stellt Andersson das „sapiens“ des „homo“ mit seinem Film immer wieder in Frage. Menschlich, ja – aber weise?

    © Roy Andersson Filmproduktion AB

    © Roy Andersson Filmproduktion AB

    Auch bildlich ist der Film mehrschichtig: Immer passiert im Hintergrund etwas hinter einer Scheibe, hinter einem Fenster, das mindestens so wichtig (oder so seltsam) ist wie die Handlung im Vordergrund.

    Man wundert sich dann schon gar nicht mehr, wenn plötzlich in einer Stadtrandbar die gesamte Armee von König Karl XII vorbeimarschiert und der König selber in der Bar ein Mineralwasser trinkt. (Das war der König, der mit seinen Kriegen Anfang 18. Jahrhundert die Vormacht Schwedens für immer verspielte).

    Für das skurrile Kino des Roy Andersson haben die Leute hier in Venedig eine Vorliebe – an mehreren Stellen gab es (sonst seltenen) Szenenapplaus. Das Gedicht übrigens, das von der Taube, die über Geld nachdenkt, bekommen wir nicht zu hören. Dafür aber sind wir mit einer wunderbaren Filmperle aus Schweden beschenkt worden.

    Regisseur Roy Andersson

    Regisseur Roy Andersson

    Topics: Film, Filmbesprechung, Filmfestival, Regisseur/in | 1 Kommentar »

    1 Kommentar

    1. So interessant der Film hier beschrieben wird: meine Kinder (Alter 16, 14 und 12) waren drin und erklärten den Film übereinstimmend zum mit Abstand allerschlechtesten Film, den sie je gesehen hätten.

      Dazu mein Sohne: „Der Film hat den Effekt, dass man sich richtig gut fühlt, wenn man aus dem Kino kommt. Es ist so erleichternd, nicht mehr diese total deprimierenden Film zu gucken. Alles ist grau in grau, alles ist trostlos, die Menschen Reden, als hätten sie sie nicht mehr alle“

      Also vielleicht FSK-18?

      Kommentar by Friendly — 4. Februar 2015 @ 12:28

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