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    Marcel Gislers «Electroboy» – ein fragiler Avantgardist

    Von Michael Sennhauser | 24. November 2014 - 14:18

    'Electroboy' Florian Burkhardt © Vinca Film

    ‚Electroboy‘ Florian Burkhardt © Vinca Film

    Der junge Schweizer Florian Burkhardt raste auf der Bugwelle des Zeitgeistes durch die 90er-Jahre. Er erfand sich immer wieder neu, als Filmstar, als Fotomodell, als Internet-Pionier und schliesslich als Party-Designer «Electroboy». Marcel Gislers Dokumentarfilm rekonstruiert seine vielen Häutungen – in Reflexe gibt er Auskunft über den Prozess.

    Gislers (Rosie) erster Dokumentarfilm ist weit mehr als nur die Nachzeichnung von Zusammenhängen. Electroboy geht über das Dokumentarische hinaus, bekennt sich klar dazu, dass der Akt des Filmens, des Fragens nie passiv bleiben kann, nie ohne Auswirkungen auf die Gefilmten und Befragten. Im Gespräch erzählt Marcel Gisler unter anderem, wie es dazu kam, dass er nicht nur die Vergangenheit seines schillernden Protagonisten untersuchte, sondern als Filmemacher schliesslich aktiv in sein Leben eingriff.

    Hören:

    Saugen: Reflexe vom 24. Nov. 2014 (Rechtsklick für Download)

    Topics: Autor / Drehbuchautorin, CH Film, Dokumentarfilm, podcast, Regisseur/in | 1 Kommentar »

    1 Kommentar

    1. «Electroboy» (Marcel Gisler, Schweiz 2014)
      Semaine de la Critique

      Was zeichnet Hochstapler aus? – Sie täuschen nicht nur Opfer, sie parodieren auch das System! – Denn geschriebene Gesetze funktionieren nur dank den ungeschriebenen! Diese machen den sozialen Kitt aus, das ‚Comme il faut’. Wer sich an die ungeschriebenen hält, kommt mit den geschriebenen kaum je in Konflikt. ‚Erfolg’ definiert sich meist durch den Pfad der Tugend entlang dem Wertekanon. Der gängige Intelligenzbegriff orientiert sich am Erfolg. Das ergibt einen Kreislauf des Gehorsams, was die Intelligenz begrenzt. Vielleicht müsste man sie am Beispiel der Hochstapler neu definieren: Nicht nur als Fähigkeit zur Analyse des Gegebenen, zur agilen Opportunität, sondern auch zu Missbrauch und Parodie. So geschehen schon im Fall des Hauptmann von Köpenick, Schuhmacher Voigt, der sich 1906 als Offizier ausgab, am helllichten Tag die Stadtkasse plünderte.

      Heute wiegt Ruhm viel mehr als Geld, das in der Schweiz genug vorhanden ist. Ruhm ist die Währung des Medienzeitalters. Also träumte Florian Burckhardt, geboren 1974 in Basel, nach Abitur und Primarlehrerdiplom von ‚Hollywood’, während er auf dem Snowboard hohe ‚Flips’ stand und ‚Lines’ zog. 1993 war das Pionierzeitalter der ‚Rider’, die auch eine neue Ästhetik begründeten, einen Life Style in ‚Sack’-Kleidung mit hippem Layout in Szenemagazinen. Worin die Buch-staben der Titel genauso über Doppelseiten sprangen wie sich waghalsige Snowboarder in die Tiefe stürzen. Als Gründer von Independent und Freelancer bei Board Generation mit der höchsten deutschen Auflage, im Rückenwind eines neuen Werbemarkts, brachte er sein Selbstbewusstsein in die Startlöcher. Es brauchte nur noch einen hübschen Anzug, Brillantine im Haar, einen zudienenden Kumpel, und los ging der neue ‚Rodolfo Valentino’ aus der kleinen Schweiz in die Schwulenszene von L. A. Mit einem One-Way-Ticket, wird schon. Hinein in den Molloch, der Millionen Träume verschlingt und wieder ausspuckt. Er erfand sich eine Curriculum, das niemand in Zweifel zog, noch überprüfte, da in USA die Schweiz zum Verwechseln fern ist mit Schweden. Er gab sich im Rausch seines Spiegelbilds als Star aus und wurde auch einer. Nicht im Filmgeschäft, aber auf dem Laufsteg für Dolce & Gabbana, Prada und Gucci, von L. A. nach Mailand, London und Tokio: Swiss ‚Wonderboy’ und Dorian Gray. Atemberaubend auf der hohen Leiter, bis zum Sturz, der immer kommt. Früher oder später. Bei ihm später. Er umschifft diesen mit plötzlichen Kehrtwendungen, lässt Verehrer, nicht Verehrerinnen, mit Tränen in der Leere stehen, während er die seine mit neuen Höhenflügen aushebelt, als gäbe es kein Gesetz der Schwerkraft: Wieder in Zürich und in Berlin organisiert er riesige Parties, klotzt 5 CDs mit Elektropop, definiert selber, was wer, wenn nicht er ansagt, und Tausende hippen mit – er wird «Electroboy», brandet sich selbst als Label. Zieht nahtlos bei R.O.S.A.S. ein, der Pionier- und Top-Werbeagentur für crossmediale visuelle Kommunikation, tüftelt auf dem vergoldeten Stuhl an bunten Filmchen für die Webseiten grauer Mäuse, sprich Marketingleiter namhafter Konzerne, die auf der neuesten ‚Wave’ der Jugend mitsurfen wollen zu besseren börsenkotierten Bilanzen. Aber jede rollende Welle hat ein Ende, ufert leise aus, versickert im Kies…

      Als wäre nichts gewesen. Und doch war da vieles: Fotos, Interviews, Erstaunen und gebrochene Herzen. Und immer wieder die knappen, beissend intelligenten Einsichten eines genialen Hochstaplers, warum alles so kam, wie es unmöglich schien. Heute ist Florian Burckhardt nur noch ein Schatten seiner selbst, wenn er sich je war, oder nur ein Spieler jetzt ohne Karten, lebt er isoliert, lichtscheu und multiparanoid mit seinem Hund in einer mittleren deutschen Stadt – im Grauen.

      Der Dokumentarfilm Electroboy hätte den Preis der ‚Semaine de la Critique’ mehr als verdient – und ging doch leer aus. Nicht nur, weil ein Hochstapler, der zumindest zeitweilig reüssiert, den Verhältnissen gnadenlos den Spiegel vorhält, sondern auch, weil in diesem ‚Cinema vérité’ ein Stück reale Therapie stattfindet:
      Wir werden Zeuge des Treffens einer Familie, zerrüttet seit dem frühen Unfall-tod des Bruders, am Steuer der Vater mit übersetzter Geschwindigkeit – als Anfang vom Ende. Und sehen real life zu, wie aus dem vermeintlichen Ende wieder ein Anfang wird. Das ist viel authentischer als das bereits besprochene Porträt Cure (Sabine Gisiger) über Verdienste eines etablierten Therapeuten in USA. (aus: Locarno zum Letzten, Andy Aguirre Eglin, kulturkritik.ch)

      Kommentar by Andy Aguirre Eglin — 24. November 2014 @ 23:05

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