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    Berlinale 15: VICTORIA von Sebastian Schipper

    Von Michael Sennhauser | 7. Februar 2015 - 22:00

    Victoria Frederick Lau Franz Rogowski Laia Costa André M. Hennicke  © Senator

    Frederick Lau, Franz Rogowski, Laia Costa, André M. Hennicke © Senator

    Die junge Spanierin Victoria (Laia Costa) trifft in einem Berliner Untergrundclub vier Jungs in ihrem Alter. Gemeinsam trinken sie Bier, steigen auf ein Hochhausdach, blödeln in den Strassen herum und überfallen dann im Morgengrauen eine Bank.

    Hundertvierzig mehrheitlich atemlose Grossstadtminuten in einem einzigen Take: Das ist eine filmische Eigernordwand. Sebastian Schipper (Absolute Giganten) hat sie mit seinem Team bezwungen.

    Laia Costa als Victoria © Senator

    Laia Costa als Victoria © Senator

    Ohne die Kamera ein einziges Mal abzusetzen, folgt Schipper seinen Protagonisten in Echtzeit durch die Nacht. Meist ist der Blick auf Schulterhöhe einer der Figuren. Das wirkt nie gezwungen, die Perspektiven sind in etwa jene, die man in einem konventionellen Spielfilm erwarten würde. Und genau das ist auch die Krux dieses bewundernswert verrückten Versuches: Der Film gewinnt nichts.

    Victoria Laia Costa Frederick Lau Franz Rogowski  © Senator

    Laia Costa, Frederick Lau, Franz Rogowski © Senator

    Oder zumindest: Der Zuschauer gewinnt nichts dabei. Vielleicht ist die Intensität der Szenen höher, vielleicht haben die offenbar drei Durchgänge, welche das ganze Team mit den Schauspielern unternommen hat bis es klappte, den fiebrigen Realismus erhöht. Aber die meisten Kinozuschauer sähen sich ausserstande, in einer konventionellen Filmszene die Schnitte zu benennen. Wir sind es dermassen gewohnt, fragmentierte Szenenfolgen zu einem narrativen Ganzen zu formen im Kopf, dass ein Schnitt allenfalls auffällt, wenn er einen abrupten unmotivierten Ortswechel vornimmt.

    Victoria Frederick Lau Laia Costa © Senator

    ‚Victoria‘: Frederick Lau, Laia Costa © Senator

    Oder anders gesagt: Dort, wo Victoria als filmische Erzählung packt und mitreisst (und das tut der Film immer wieder), ist die Illusion, dabei zu sein stärker als jeder analytische Blick. Und in jenen Szenen, wo der Blick und die Gedanken abschweifen, weil das Geschehen mehr Stimmung sucht als das treibende Vorwärts, etwa die Tanzszenen im Club, da wird einem der forcierte, gewissermassen blinzelfreie Dauerblick sogar lästig.

    Laia Costa Frederick Lau Franz Rogowski © Senator

    Laia Costa, Frederick Lau, Franz Rogowski © Senator

    So lässt sich sagen, dass allenfalls die chronologische Dramaturgie bei der Drehbuchentwicklung von dem Konzept profitiert hat. Vielleicht auch die Schauspieler, die wie bei einer Theatervorstellung für hundertvierzig pausenlose Minuten in ihren Figuren und deren Geschichte drin bleiben. Und das wäre ja schon viel.

    Wenn man sich aber den logistischen Aufwand vorstellt, der nötig war, um alle diese Berliner Drehorte vom Club über die Strasse, das Hochhaus mit Lift und Dach, das Café, eine Tiefgarage, eine Bank, einen Strassenzug, wieder den Club, eine Wohnsiedlung, ein Treppenhaus, eine Wohnung etc. bis schliesslich zum grossen Hotel für die genau getimeten 140 Minuten freizuhalten und gleichzeitig mit Dutzenden von Nebendarstellern zu bestücken, dann rechtfertigt das Resultat den Aufwand nicht – bei aller Bewunderung für die grandiose Sportlichkeit.

    Frederick Lau Max Mauff Burak Yigit Franz Rogowski Laia Costa © Senator

    Frederick Lau, Max Mauff, Burak Yigit, Franz Rogowski, Laia Costa © Senator

    Als filmisches Erlebnis ist Victoria durchaus Godards A bout de souffle verpflichtet. Schipper schafft es auch, das Gefühl endloser Unsterblichkeit einer solchen jugendlich inspirierten Nacht zu vermitteln, die schiere, unverwundbare Lebenslust der jungen Frau und der vier jungen Männer. Und den Absturz im Morgengrauen. Der Film ist randvoll mit starken Momenten, die Darsteller reissen einen mit.

    Frederick Lau Laia Costa © Senator

    Frederick Lau und Laia Costa © Senator

    Mit ein paar Ausnahmen: Eine Sequenz in einer Tiefgarage wo die Jungen von einem comicartigen Gangsterboss und seinen bewaffneten Kerlen auf den Bankraub eingefuchst werden, atmet mehr den Geist von Miami Vice als von Berlin. Und die grosse Schiesserei zwischen der Polizei und den verbliebenen Vieren im Vorhof einer Wohnsiedlung wirkt exzessiv.

    Victoria ist ein bewundernswert konsequent durchgezogenes Experiment und ein Beispiel für die von immer mehr Filmemachern gesuchte künstliche Reduktion der digitalen Produktionsfreiheit. Was Lars von Trier und seine Dogma-Kollegen 1995 mit einem rigide reduktiven Regelwerk zu bewerkstelligen suchten, auferlegen sich innovative Filmemacher nun mit anderen bewussten Verzichten auf die Bequemlichkeit der eingespielten filmischen Konventionen.

    Im Falle von Victoria könnte man allerdings sagen: Das Experiment ist zu gut gelungen, Schipper und seine Mitstreiter haben die selbstgewählten Zusatzschwierigkeiten so bravourös gemeistert, dass das Resultat im Kino schon wieder weitgehend den gewohnten Konventionen entspricht.

    Regisseur Sebastian Schipper © Senator

    Regisseur Sebastian Schipper © Senator

    Topics: Filmbesprechung, Filmfestival, Regisseur/in | Kommentare deaktiviert für Berlinale 15: VICTORIA von Sebastian Schipper

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