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    Berlinale 15: EVERYTHING WILL BE FINE von Wim Wenders

    Von Michael Sennhauser | 10. Februar 2015 - 21:00

    Charlotte Gainsbourg James Franco

    Charlotte Gainsbourg, James Franco © NEUE ROAD MOVIES GmbH, photograph by Donata Wenders

    Man kann tatsächlich eine intime, persönliche Geschichte in 3D erzählen, ohne sie zum Spektakel zu machen. Wim Wenders hat seine Erfahrungen aus zwei Dokumentarfilmen in diesen sehr schön anzuschauenden Spielfilm eingebracht.

    James Franco spielt den kanadischen Romanautor Tomas Eldan, dem an einem Winterabend auf einer verschneiten Nebenstrasse ein Kind unters Auto schlittelt. Er weiss, dass ihn keine Schuld am Tod des kleinen Jungen trifft, und auch die von Charlotte Gainsbourg gespielte Mutter gibt ihm keine Schuld. Eher schon sieht sie die Schuld bei sich. Oder bei William Faulkner, weil dessen Lektüre sie an dem Abend so fesselte, dass sie ihre Buben zu lange draussen unbeaufsichtigt liess.

    James Franco Rachel McAdams

    James Franco, Rachel McAdams © NEUE ROAD MOVIES GmbH, photograph by Donata Wenders

    Aber Tomas‘ ohnehin von Schreibblockade und Beziehungsverwelkung mit seiner Freundin Sara (Rachel McAdams) geprägtes Leben gerät aus der Bahn, er unternimmt einen halbherzigen Suizidversuch. Schliesslich rappelt er sich auf, schreibt endlich seinen dritten Roman und wird damit erfolgreich. Fortan fühlt er sich auch darum schuldig, weil das tragische Ereignis seine schriftstellerischen Qualitäten erst so richtig iniziiert hat.

    Alice Coeurjoly Tremblay James Franco © NEUE ROAD MOVIES GmbH photograph by Donata Wenders

    Alice Coeurjoly-Tremblay, James Franco © NEUE ROAD MOVIES GmbH, photograph by Donata Wenders

    Das ist eine Geschichte, deren Reiz für Wim Wenders klar ersichtlich ist. Der Künstler, der nicht nur sein Leben, sondern auch die Leben seiner Nächsten in seine Kunst einbringt und sich dabei immer wieder fragen muss, ob er dies tut, anstatt zu leben, oder um zu leben. Und ob das so auch statthaft sei.

    Lilah Fitzgerald James Franco

    Lilah Fitzgerald, James Franco © NEUE ROAD MOVIES GmbH, photograph by Donata Wenders

    Geschrieben hat das Bjørn Olaf Johannessen (Nowhere Man). Johannessen war schon Wenders‘ Autor bei der fürs Fernsehen produzierten Architekturserie Cathedrals of Culture, zu der Wim Wenders seinen 3D-Film über die Berliner Philharmonie beigetragen hat. Und zusammen mit Benoît Debie an der Kamera und Joséphine Derobe als „Director of Stereography“ findet Wenders viele packende, schöne und vielsagende Einstellungen in 3D, die beweisen, dass man mit dieser artifiziellen Tiefe auf der Leinwand tatsächlich einen Mehrwert schaffen kann.

    Die Blickführung mittels Schärfenebenen, jene Momente, in denen das Bild vorgibt, was man scharf sehen kann und was nur verschwommen, die gibt es schon sehr lange. Aber bei konventionellen 3D Filmen werden solche Sequenzen weitgehend vermieden, weil man dem Publikum ja stets die ganze Tiefe des Raumes bieten und die Illusion der Blickfreiheit möchte.

    Wenn Wenders nun in 3D solche klassische Einstellungen wagt, in denen ein Gesicht im Vordergrund scharf ist, der Hintergrund aber nicht, dann erhöht das den Eindruck von Künstlichkeit, er führt vor, was meine Aufmerksamkeit bekommen soll. Zugleich aber verdienen diese Einstellungen mein Vertrauen. Der Regisseur ist der Erzähler, ich überlasse mich seiner Geschichte – warum soll ich nicht seinem Blick vertrauen? Das erzeugt eine ganz neue Intimität auf der Leinwand.

    Dafür hält sich Wenders bei der Erzähldramaturgie weitgehend zurück. Die Dinge geschehen chronologisch über zwölf Jahre hinweg, Zwischentitel verkünden: „Vier Jahre später“, Tomas Entwicklung und schliessliche Läuterung wird in einzelnen, zum Teil recht kurzen Episoden geschildert.

    Marie-Josée Croze

    Marie-Josée Croze © NEUE ROAD MOVIES GmbH, photograph by Donata Wenders

    Dabei fällt auf, dass die Frauen, allesamt sehr schön, von sehr präsenten Schauspielerinnen mit sofortiger Ausstrahlung verkörpert werden, auch wenn sie, mit Ausnahme der von Charlotte Gainsbourg gespielten Kate, Funktionen bleiben. Die Männer dagegen sind fast schon bühnenhafte Karikaturen, sowohl der von Patrick Bauchau gespielte unglücklich verbitterte Vater von Tomas wie auch sein von Peter Stormare mit gewohntem Wolfsgrinsen verkörperte Verleger. Und die Hauptfigur Tomas schliesslich gerät mit James Francos drei Gesichtsausdrücken zur Chiffre des verschlossenen Mannes.

    James Franco

    James Franco © NEUE ROAD MOVIES GmbH, photograph by Donata Wenders

    Everything Will Be Fine ist ein kleiner Film, eine Novelle, fast schon eine sorgfältig gestaltete Miniatur. Was am stärksten in der Erinnerung nachwirkt sind die Bilder, die überraschenden Momente in 3D, etwa wenn eine geringfügige seitliche Kamerabewegung in einem Raum den Eindruck erweckt, die Welt im Fenster im Hintergrund habe sich in Bewegung gesetzt wie ein anfahrender Zug.

    Und eben so stark wirkt die Musik von Alexandre Desplat, welche überall dort emotional nachlegt, wo das Gesicht von James Franco zur reinen Projektionsfläche wird.

    Alles in allem sind es nicht mehr die grossen Gesten und die grossen Gefühle, welche Wenders hier zu interessieren scheinen. Sondern das, was übrigbleibt, wenn die Kämpfe ausgestanden sind, die Schuld akzeptiert. Das ist sympathisch. Everything Will Be Fine ist sympathisch.

    James Franco Wim Wenders

    James Franco und Regisseur Wim Wenders © NEUE ROAD MOVIES GmbH, photograph by Donata Wenders

    Topics: Filmbesprechung, Filmfestival, Regisseur/in | 1 Kommentar »

    1 Kommentar

    1. hallo. weiß jemand zufällig den Namen bzw den Architekt des späteren Hauses? LG

      Kommentar by pauline — 5. April 2015 @ 21:46

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