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    Diagonale 15: VON JETZT AN KEIN ZURÜCK von Christian Frosch

    Von Michael Sennhauser | 19. März 2015 - 11:09

    Victoria Schulz © Jost Hering Filme / Prisma Film

    Victoria Schulz © Jost Hering Filme / Prisma Film

    Eben hat uns Victoria Schulz als geistig behinderte Dora im Film von Stina Werenfels überzeugt. Da braucht es einen kleinen geistigen Sprung, um sie als 68er-Rebellin im neuen Film von Christian Frosch zu erkennen. Aber dann gilt der Titel: Von jetzt an kein Zurück. Die Frau ist stark!

    Rosemarie möchte lieber Ruby heissen, dabei findet sie die Rolling Stones eigentlich jenseits. Ihre Helden sind die deutschen Prä-Punker The Monks, der Rebell ihres Herzens der junge Nachbar Martin (Anton Spieker) und studieren möchte sie auch.

    Anton Spieker, Victoria Schulz © Jost Hering Filme / Prisma Film

    Anton Spieker, Victoria Schulz © Jost Hering Filme / Prisma Film

    Ihr harter Vater, ein hoffnungsloser Wirtschaftswunder-Malocher und Ex-Feldwebel der Wehrmacht (Ben Becker) ist allerdings ein Pantoffel-Despot wie aus dem Bilderbuch und hält nichts von Bildung, schon gar nicht für Mädchen. Arbeiten soll Rosemarie, lange Röcke tragen und Jungfrau bleiben bis zur Hochzeit. Rosemaries Mutter und die kleine Schwester zittern vor ihm so ist es dann vor allem die rebellische ältere Tochter, welche immer wieder mal ein blaues Auge trägt.

    Ursula Ofner, Ben Becker © Jost Hering Filme / Prisma Film

    Ursula Ofner, Ben Becker © Jost Hering Filme / Prisma Film

    Das sieht man allerdings nicht in Farbe, denn Christian Frosch hat seinen Film in Schwarzweiss gedreht, eine programmatische Entscheidung, welche direkt an die Titelmontage von muffigen schwarzweissen Familienfotos aus den frühen 60er Jahren anschliesst. Zu denen ein Freddy-Quinn-Double dessen infam idiotischen Anti-Hippie-Schlager «Wir – Protestsong eines Erwachsenen» zum Besten gibt – bis die Montage mit einem Freeze auf das Pressebild vom getöteten Benno Ohnesorg endet.

    © Jost Hering Filme / Prisma Film

    © Jost Hering Filme / Prisma Film

    Damit ist der gesellschaftliche Bogen angedeutet, den Christian Frosch mit seinem Film nachzeichnen möchte. Die Erschiessung von Ohnesorg durch die Polizei an einer West-Berliner Anti-Schah-Demo 1967 gilt als Auftakt für die Radikalisierung der Studentenbewegung und als Startschuss für die Aktivierung der RAF-Terroristen.

    Von jetzt an kein Zurück ist allerdings nicht zu vergleichen mit Filmen wie Markus Imhoofs Die Reise von 1986 oder Andres Veiels Spielfilm Wer wenn nicht wir von 2011 zu vergleichen. Christian Frosch erzählt eine Romeo-und-Julia-Geschichte im Genre-Gewand zweier Anstalts-Filme.

    Denn Rosemarie und Martin fallen beide dem staatlich-kirchlichen Verwahrungssystem zum Opfer. Nachdem ihr Vater Rosemaries Jungfräulichkeit persönlich inspiziert und ihr dabei ein weiteres blaues Auge verpasst hat, reisst sie aus, zusammen mit Martin, der wegen Aufsässigkeit von der Schule suspendiert worden ist. Auf der Vespa eines Freundes fahren sie zu einem Konzert der Monks und wollen dann in Belrin untertauchen. Ein Sturz auf nächtlicher Strasse macht dem Traum ein Ende und für beide folgt die Einweisung in eine Erziehungsanstalt.

     Im Beichtstuhl: Victoria Schulz © Jost Hering Filme / Prisma Film

    Im Beichtstuhl: Victoria Schulz © Jost Hering Filme / Prisma Film

    Rosemarie landet bei den barmherzigen Schwestern, welche ihrem Namen jede nur erdenkliche Unehre machen, und Martin in einer eigentlichen Zuchtanstalt für Jugendliche. An beiden Orten herrscht Gewalt und und Willkür und Christian Frosch lässt wenig aus dabei. Einzig den sexuellen Missbrauch dämpft er im Vergleich zu einschlägigen Genre-Filmen ziemlich ab. Nach eigenem Bekunden, weil die Realität ohnehin noch viel härter gewesen sei und er seine Glaubwürdigkeit nicht verspielen wollte.

    Rosemaries Eltern: Ursula Ofner, Ben Becker © Jost Hering Filme / Prisma Film

    Rosemaries Eltern: Ursula Ofner, Ben Becker © Jost Hering Filme / Prisma Film

    Auf die ausgesprochen schwarzweiss gezeichnete parallele Anstalts-Radikalisierung der beiden jungen Menschen folgt dann leider eine in Farbe gedrehte Coda zehn Jahre später, ungeschickt durchwoben von einzelnen Rückblenden und komplexen Zeitsprüngen, welche zeigt, wie Martin folgerichtig zum terroristischen Gesellschafts-Gegner wird während Rosemarie sich selber verrät und anpasst.

    Rosemarie (Victoria Schulz) zehn Jahre später © Jost Hering Filme / Prisma Film

    Rosemarie (Victoria Schulz) zehn Jahre später © Jost Hering Filme / Prisma Film

    Zu dem Zeitpunkt hat man allerdings längst begriffen, wie der Film gemeint ist – eben so wie man mit der Hälfte der Anstalts-Schrecken wohl auch bedient gewesen wäre. Damit bleibt Von jetzt an kein Zurück weit hinter seiner vielversprechenden ersten halben Stunde zurück. Die ist nämlich ziemlich grossartig, wechselt zwischen satirischer Montage mit den jeweiligen Vätern als Verrätern vor dem Jugendrichter und lebenspraller jugendlicher Aufmüpfigkeit bei Rosemarie/Ruby und Martin, der in der Schule Rimbaud zitiert und die Lehrer mit seiner Intelligenz provoziert.

    © Jost Hering Filme / Prisma Film

    © Jost Hering Filme / Prisma Film

    In dieser ersten halben Stunde erinnert der Film an andere Rückblicke, etwa der Blick auf die Dresdner Jugend von 1961 in Der rote Kakadu (2006) von Dominik Graf oder Andreas Dresens Als wir träumten (2015). Aber Frosch kann die Energie nicht halten, verliert sich in der Anstalts-Aufzählung von Greueln und schliesslich völlig im letzten Teil.

    Victoria Schulz © Jost Hering Filme / Prisma Film

    Victoria Schulz © Jost Hering Filme / Prisma Film

    Was bleibt, sind das Spiel und die Ausstrahlung von Victoria Schulz und von Anton Spieker. Sein rebellischer Martin ist dabei ein vergleichsweise simpel zu spielender Charakter, während Rosemarie/Ruby in ihrer Vielschichtigkeit zwischen Aufmüpfigkeit und katholischer Unterwerfung eine komplexe Herausfoderung darstellt – welche Victoria Schulz mit erstaunlicher Verve meistert. Die junge Schauspielerin wird sich in den nächsten Monaten ihre Rollen wohl aussuchen können – und müssen.

    In Deutschland läuft Von jetzt an kein Zurück seit Anfang März, in Österreich soll er im Juni ins Kino kommen. Ob sich ein Schweizer Verleih dafür finden wird, ist fraglich.

    Topics: Film, Filmbesprechung, Filmfestival, Regisseur/in | Kommentare deaktiviert für Diagonale 15: VON JETZT AN KEIN ZURÜCK von Christian Frosch

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