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    NIFFF 15: POLDER von Julian M. Grünthal und Samuel Schwarz

    Von Michael Sennhauser | 7. Juli 2015 - 11:01

    © Dschoint Ventschr

    © Dschoint Ventschr

    NEUROO-X heisst der IT und Gamekonzern, der in Polder die Welt dominiert. Der visionäre Gründer Marcus (Christoph Bach) ist verschwunden oder tot, versucht aber aus der von ihm geschaffenen virtuellen Welt heraus seine Witwe Ryuko (Nina Fog) mit den nötigen Informationen zu versorgen, um der skrupellosen Konzernführung das Weltdominationshandwerk zu legen.

    Dazu hat Marcus nicht nur in der virtuellen Welt «Clues» hinterlegt, sondern auch in der realen. Zettel, Rätsel, Aufzeichnungen. Ryuko muss den Passwortschutz des aus einleuchtenden Gründen «Klotz» genannten Uralt-Laptop von Marcus knacken. Gelingt ihr das nicht, wird der Konzern ein neues Interface auf den Markt bringen, das den Menschen endgültig die Unterscheidung von Game und Realität verunmöglichen wird.

    Gefangen im Game waren schon die Helden von Tron. Und die platonische Vorstellung, dass unsere Realität eine Simulation sein könnte, hat The Matrix popularisiert. Längst haben unzählige Filme versucht, diesen Grenzbereich zwischen Fiktion und Realität fassbar zu machen – im Prinzip ist jede Geistergeschichte seit Beginn der Menschheit zwischen Welten angesiedelt.

    Polder geht auf zwei Parallel-Projekte zurück. 2009 konzipierte Samuel Schwarz die Idee für einen Film und parallel entwarf das von ihm mitgegründete Theaterkollektiv 400asa ein Entwicklungsprojekt für Alternate Reality Games mit Schauspielern, einer App, Performances und Zuschauerbeteiligung.

    Schliesslich stellte sich heraus, dass die zwei Projekte eigentlich eines sein musste, die AR-Veranstaltungen, die dann mit Hilfe unter anderem des Migros-Kulturprozentes 2013 mit viel Aufwand an diversen Orten der Schweiz stattfanden, waren zugleich Test- und Entwicklungslabor für Figuren und Situation des künftigen Films. Das gesamte Projekt heisst übrigens «Der Polder», der Film nun bloss noch Polder.

    Ein Polder – oder «Koog» in Norddeutschland – ist ein von einem Deich geschütztes Landstück unter dem Wasserspiegel des angrenzenden Gewässers. Gemäss John Clutes Fantasy-Enzyklopädie ist ein Polder eine Enklave verstärkter Realität, welche klar von der allenfalls feindseligen Umgebung abgegrenzt ist.

    Polder Screenshot

    Es ist einerseits diese Entwicklungsituation, welche Polder von vielen ähnlich gelagerten Filmen unterscheidet. Die gleichzeitige Entwicklung vieler diverser Elemente zusammen mit den «Usern» über einen längeren Zeitraum hinweg widerspricht allen gängigen Förder- und Finanzierungsprinzipien, welche noch immer in Stationen (Drehbuchentwicklung, Drehbuchförderung, Projektentwicklung, Projektfinanzierung, Auswertung etc.) abläuft. Während die Game-Industrie sich längst von diesem Modell gelöst hat. Finanziert werden muss alles von Anfang an, Konzepte dürfen sich weiterentwickeln, Ziele können sich verändern.

    Andererseits sind die Polder-Macher uns, ihrem Publikum, auch mit dem Film den kleinen, aber entscheidenden Schritt voraus, den es braucht, um zu überraschen. Der Film beginnt nur milde verwirrend und entpuppt sich dann sehr schnell als klassisches, fast linear erzähltes «Click & Point Adventure». Ryuko muss Dinge finden und Rätsel lösen, Ausflüge in virtuelle Zonen, in den sich auch Marcus tummelt wechseln ab mit der aktuellen Erzählzeit und Rückblenden in die Startup-Zeit des Unternehmens.

    Die Ästhetik des Films und der Gamewelt trägt dem allgemeinen Retro-Trend Rechnung. Das hilft nicht nur beim Erzeugen von Vertrautheit mit Aspekten dieser Welten, sondern nimmt dem Ganzen auch noch seinen Science-Fiction-Charakter. Zwischen Japan-Chic und augenzwinkernder Swissness ist so nicht nur ausstatterisch eine riesige Spielwiese entstanden.

    Aber das alleine würde ja nicht ausreichen. Darum wechselt der Film nach ziemlich genau einer Stunde die Realitätsebene auf erwartbare, aber doch verblüffend konsequent durchdachte Weise. Und am Ende noch einmal, schockartig und düster. Mehr soll hier nicht verraten werden.

    Polder soll Anfang 2016 ins Kino kommen. Damit nehmen die Produzenten und Macher ein gewisses Risiko in Kauf. Es wäre ja nicht das erste Mal, dass ähnlich gelagerte Kinoproduktionen plötzlich gehäuft auftauchen. Aber Polder ist so schön clever und vor allem so schön gemacht, dass es schon eine echte Singularität bräuchte, um den Film obsolet zu machen.

    Topics: CH Film, Film, Filmbesprechung, Filmfestival, Regisseur/in | Kommentare deaktiviert für NIFFF 15: POLDER von Julian M. Grünthal und Samuel Schwarz

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