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    Locarno 15: DER STAAT GEGEN FRITZ BAUER von Lars Kraume (Piazza Grande)

    Von Michael Sennhauser | 7. August 2015 - 21:30

    Burghart Klaußner und Ronald Zehrfeld © Look Now

    Burghart Klaußner und Ronald Zehrfeld © Look Now

    Letztes Jahr erzählte der deutsche Spielfilm Im Labyrinth des Schweigens von den Schwierigkeiten, auf die der hessische Generalstaatsanwalt Fritz Bauer ab Ende der Fünfziger Jahre zu überwinden hatte, bis sich Deutschland endlich über die Frankfurter Auschwitzprozesse mit seiner Nazivergangenheit und ihren Verbrechen auseinandersetzte.

    Nun hat der junge Deutsche Filmemacher Lars Kraume die gleiche Geschichte wieder aufgenommen. Sein Film spielt allerdings ein paar Jahre früher und dreht sich um Bauers vergebliche Versuche, den Organisator der Vernichtungstransporte, Adolf Eichmann, aufzuspüren und in Deutschland vor Gericht zu bringen. Schliesslich bringt er den israelischen Geheimdienst Mossad dazu, Eichmann aus Südamerika nach Israel zu entführen.

    Mit dem grossartigen Burghart Klaußner als Bauer und dem ebenso grossartigen Ronald Zehrfeld als seinem Verbündeten hat er zwei schauspielerische Trümpfe, welche das etwas sehr saftig ausgeschmückte Drehbuch und den etwas theatralischen Spielfilmverlauf beinahe wettmachen.

    Burghart Klaußner © Look Now

    Burghart Klaußner © Look Now

    Die durchaus gekonnt fiktionalisierte Geschichtslektion für die Nachgeborenen erlaubt sich einige dramaturgische Freiheiten. Die grösste davon ist der Einfall, Fritz Bauers erst kürzlich via dänische Polizeiakten verbriefte Homosexualität als zusätzliches dramatisches Element zu nutzen – und dies erst noch indirekt.

    Denn Bauer und sein von Zehrfehld gespielter Mitstreiter wissen genau, dass die Kontaktaufnahme mit dem Mossad verfassungstechnisch einem Landesverrat gleich kommt. Es bleibt ihnen allerdings nichts anderes übrig, denn die deutsche Justiz und insbesondere die Sicherheitsdienste sind von Altnazis durchsetzt, einer von Adenauers wichtigsten Mitarbeitern ist einer von denen, und selbst die Amerikaner sind mittlerweile mehr an der Stabilität der Bundesrepublik im kalten Krieg interessiert, als an der Weiterführung der «Entnazifizierung».

    Jörg Schüttauf, Sebastian Blomberg © Look Now

    Jörg Schüttauf, Sebastian Blomberg © Look Now

    Der Geheimdienstboss weiss um Fritz Bauers lange zurückliegende Festnahme in Dänemark und wäre durchaus bereit, die Geschichte zu nutzen um den lästigen Aufklärer aus dem Amt zu hebeln. Aber Bauer ist zu smart und hat vor allem seither konsequent auf das Ausleben seiner Sexualität verzichtet, zugunsten seiner Arbeit.

    Lilith Stangenberg © Look Now

    Lilith Stangenberg © Look Now

    Bauer hat auch gemerkt, dass sein junger Staatsanwalt Karl Angermann seine Neigung teilt und sich schwer tut damit. Er hat ihn gewarnt, sich erpressbar zu machen. Aber Angermann ist dermassen unglücklich mit seiner Frau und dermassen fasziniert von einem jungen Transvestiten in einem Nachtklub, dass er eben schliesslich doch zum Hebel wird, mit dem Bauers Gegner ihn zu Fall zu bringen versuchen.

    Der Staat gegen Fritz Bauer ist eben so wie Im Labyrinth des Schweigens als wirkungsvolles Publikumskino aufgezogen. Die sorgfältige Ausstattung, die andauernd rauchenden Männer, die Einblicke ins zeitgenössische Fernsehen und in die Mechanismen der Adenauerschen Bundesrepublik sind faszinierend und funktionieren als Retro-Aufklärung recht gut. Geschichte als «Story», als vereinfachte, linearisierte Abfolge von Ereignissen, Folgen und Reaktionen, das ist das Privileg und gleichzeitig die Achillesferse historisierender Spielfilme. Denn ohne ein gewisses Mass an moralischer Eindeutigkeit verliert diese Erzähltechnik ihren Motor.

    Aber der Anker und das Highlight ist ganz klar Burghart Klaußner. Er bringt den leicht bellenden Tonfall des echten Bauer, so wie er in einer Originalaufnahme zu Beginn des Films zu sehen und zu hören ist, wunderbar zum Schwingen. Der Mann, der Morddrohungen erhält und keinen Vorwurf mehr scheut, als den, einfach ein «rachsüchtiger Jude» zu sein wird in der Darstellung Klaußners zu einem fassbaren Menschen und zu einem nachvollziehbaren, aufrechten Helden der Zivilcourage.

    Der Film kommt Anfang Oktober in die Deutschschweizer Kinos. Und Lars Kraume kam heute bei uns in der Locarno-Live-Sendung (Download MP3 mit Rechtsklick) ausführlich zu Wort:

     

    Regisseur Lars Kraume © Look Now

    Regisseur Lars Kraume © Look Now

    Topics: Film, Filmbesprechung, Filmfestival, podcast, Regisseur/in | 1 Kommentar »

    1 Kommentar

    1. Danke Lars Kraume. Wir haben verstanden. Auch wenn unserere Generation die bald die Verantwortung übernimmt, müde ist und vor Pazifismus nichts, aber gar nichts mehr hören will. So war es auch in den 30 er Jahren, jedoch wegen der schwierigen Weltlage. Meine Nachbarn aus dem Jura alle etwa 25 haben frenetisch geklatscht.nach dem Film. Wir sind gewarnt, wenn ich an IRAN und Pardies Film denke.

      Kommentar by Meng Ernesto — 9. August 2015 @ 10:04

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