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    Locarno 15: TIKKUN von Avishai Sivan (Wettbewerb)

    Von Michael Sennhauser | 11. August 2015 - 14:00

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    Ein Film, der einem eine ohnehin schon fremde Welt noch fremder werden lässt – der leistet in der Tat Ungewöhnliches. Dem israelischen Filmemacher Avishai Sivan ist noch mehr gelungen: Ein Film der zugleich fasziniert und abstösst.

    Heim-Aaron ist der Sohn eines ultra-orthodoxen koscheren Metzgers und strenggläubiger Jeschiwa-Student. Er fastet sogar ausserhalb der Fastenzeit, was ihn allerdings dermassen schwächt, dass er unter der Dusche zusammenbricht.

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    Die Sanitäter wollen ihn für tot erklären, aber sein Vater gibt nicht auf und schliesslich gelingt ihm die Reanimation. Als Heim-Aaron allerdings aus dem Spital zurückkommt, beginnt sich die Ausschliesslichkeit seines Glaubens aufzulösen.

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    Sivan erzählt in strengen Schwarzweissbildern, die sogar dann schön sind, wenn gleich in der ersten Sequenz des Films die Schächtung und Schlachtung einer Kuh gezeigt wird. Was den Film so erschütternd macht, ist (neben ein paar schockierend unerwarteten Momenten), die Aussichtslosigkeit von Heim-Aarons Entwicklung: Er wird nie ankommen in der Welt ausserhalb der seinen. Die aber hat er schon mit den ersten Fehltritten verloren.

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    Auf der einfachsten Ebene erschliesst sich durchaus, was dieser Film zu erzählen sucht: Die Welt seiner ultra-orthodoxen Protagonisten ist so abgeschieden und isoliert, dass das Individuum nur in ihr existieren kann. Heim-Aarons Expeditionen ins Draussen, sein halbzufälliger Bordell-Besuch, seine nächtlichen Autostopp-Eskapaden ans Meer, die führen ihn nicht in die Welt der anderen, bloss aus seiner eigenen hinaus.

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    Dazu passt auch die erstaunliche Sprachlosigkeit. Der Vater und der Sohn reden kaum miteinander, der einzige, mit dem Heim-Aaron direkt kommuniziert, ist sein kleiner Bruder. Die Leere der Sprachlosigkeit vor allem zwischen Vater und Sohn füllt Sivan unter anderem mit Alpträumen des Vaters, die fast nahtlos in solche des Sohnes übergehen.

    Der Vater macht sich die Lebensrettung an seinem Sohn bald zu Vorwurf, im Traum taucht ein Krokodil aus der Kloschüssel auf und erklärt ihm, er habe den Willen Gottes missachtet. Und bald sieht sich der fromme Metzger mit dem Schlachtmesser im Zimmer des Sohnes.

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    Schliesslich wird der Vater tatsächlich zum Auslöser des Unfalltodes des Sohnes, indem er mitten in der Nacht ein paar Kühe aus dem Schlachthof treibt, in den Nebel der Strasse. Und in einer Szene, die noch vor ein paar Jahren hier in Locarno zu einem kleinen Skandal hätte führen können, streckt Heim-Aaron fast am Schluss die Hand aus nach dem origine du monde – schockierenderweise bei einer unfalltoten Frau. Als sie ihn eine halbe Stunde früher als Anhalter mitgenommen hatte, traute er sich nicht, mit ihr auch nur zu reden. Dabei verkörpert sie den einzigen Hoffnungsschimmer im Film, als sie erzählt, ihr eigener Freund habe sich von der Jeschiwa und seiner Gemeinde losgesagt und den schmerzvollen, unumkehrbaren Weg in die andere, ihre, Welt ohne Religion geschafft.

    Tikkun ist einer jener Filme, bei denen man sich fragt, für wen sie gemacht sein könnten. Aber letztlich ist das eine überflüssige Frage, jedenfalls immer dann, wenn man nach dem Filmerlebnis die dafür aufgewendete Zeit nicht zurückhaben möchte. Und das trifft zumindest für mich auch bei Tikkun zu. Der Film hat mich ein wenig erschüttert und ziemlich ratlos gemacht. Aber wie sich jetzt zeigt, auch aufgeregt und angeregt.

    Regisseur Avishai Sivan

    Regisseur Avishai Sivan

    Topics: Film, Filmbesprechung, Filmfestival, Regisseur/in | 1 Kommentar »

    1 Kommentar

    1. Film ist laut Aussage vom Regisseur aus Usbekistan A. Visan im Forum vor allem für Ihn und seine Zerrissenheit gedreht worden. Schock Film wo noch mehr Menschen Juden hassen lassen wird ist in Bearbeitung laut Avisai Aussagen Unnötig den Versuch zu starten, in der immer säkulareren Welt eine Antwort zu erhalten. Wenn man den Medien Hype angefangen vom Tages Anzeiger ZH, beobachtet, kommt mir nur in den Sinn : Einer muss Schuld sein. Wenn es Mea Sharim Juden nicht gäbe oder Charedim in Russland zum Beispiel, wäre das Judentum ausgestorben heute. Dass Christen eine Kopie des Judentums sind vergessen viele Stündeler. Dass Abraham Vater der Jüdischen Welt sowie mit Ismael auch deren der Muslimen, ist Fakt. Forum Gespräch wurde sehr schlecht geleitet.

      Kommentar by Meng Ernesto — 14. August 2015 @ 10:30

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