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    Berlinale 16: SMRT U SARAJEVU (Death in Sarajevo) von Danis Tanović (Wettbewerb)

    Von Michael Sennhauser | 15. Februar 2016 - 16:30

    Aleksandar Seksan, Izudin Bajrovic © Margo Cinema & SCCA pro.ba

    Aleksandar Seksan, Izudin Bajrovic © Margo Cinema & SCCA pro.ba

    Hundert Jahre nach dem Attentat von Sarajevo, jenem Anschlag, der als Auftakt für den ersten Weltkrieg gilt, wurde am 28. Juni 2014 in der Stadt ein Theaterstück des französischen Philosophen Bernard-Henri Lévy uraufgeführt: Hotel Europa heisst es.

    Berlinale_Balken_2016

    An diesem 28. Juni 2014 spielt der Film von Danis Tanović, der 2013 hier an der Berlinale mit seinem radikalen Schrotthändler-Film An Episode in the Life of an Iron Picker verblüfft hat. Schauplatz des Films ist das Hotel Europa in Sarajevo. Und dieses Hotel leidet an vielem von dem, was Europa schon immer zu schaffen machte.

    Der französische Schauspieler Jacques Weber spielt sich selber als Hauptdarsteller im Stück von Lévy, das heisst, der Star wird vom Hoteldirektor persönlich in die Präsidentensuite geführt, wo er noch einmal seinen Text durchgeht. Dabei steht er unter Beobachtung, weil die Polizeibeamten, welche die Sicherheit für den europäischen Anlass garantieren sollen, etwas nicht ganz verstanden und die Suite gleich unter Kamerabeobachtung gestellt haben.

    Der Beamte im Monitor-Raum hat allerdings andere Probleme: Seine Frau ruft dauernd an, weil sie eine neue Couch kaufen möchte. Dabei sind sie pleite und der Mann zieht sich in seiner Verzweiflung lieber von Zeit zu Zeit eine Linie in die Nase.

    Pleite ist auch das Hotel, die Bank, deren Chef im Variété im Keller am zocken ist, droht dem Hotelmanager den Kredit zu entziehen. Und der hat darum seinen Angestellten seit zwei Monaten keinen Lohn mehr zahlen können.

    Darum organisieren die auch einen Streik ausgerechnet an dem Tag, an dem die Fernsehkameras da sein werden. Auf dem Dach des Gebäudes sind sie schon, interviewen Historiker und andere Fachleute zum Anschlag von 1914 und zur Frage, ob Gavrilo Princip ein Freiheitsheld, ein Attentäter, ein Mörder oder ein Terrorist gewesen sei. Sein Nachkomme, der ebenfalls Gavrilo Princip heisst, ist klar für Freiheitsheld. Die Fernsehjournalistin, die das Interview führt, ist klar dagegen.

    Snežana Vidovic © Margo Cinema & SCCA pro.ba

    Snežana Vidovic © Margo Cinema & SCCA pro.ba

    Derweil sorgen in der Tiefgarage die Schläger des Casinobetreibers im Auftrag des Hotelmanagers dafür, dass der Anführer der Streikenden sich das noch mal überlegt. Was bloss dazu führt, dass das Personal die Leiterin der Wäscherei zur Streikführerin erklärt, sehr zum Horror ihrer Tochter, der Chefin der Rezeption und rechten Hand des Direktors.

    Es ist eine eben so unterhaltsame wie didaktische Variation auf das Menschen-im-Hotel-Genre, welche Tanović hier mit aller Konsequenz durchzieht. Insbesondere die Fernseh-Interviews auf dem Dach transportieren Unmengen an Informationen, historischen Zusammenhängen und Diskussionen, während unten im Hotel das Schicksals der Menschen seinen Lauf nimmt.

    Die Banker und die Zocker regeln die Dinge mit Gewalt, die Belegschaft ist mit ihrem Streik viel zu spät, die Polizei versagt auf der ganzen Linie im Dienst der Macht und der Hoteldirektor, dessen Pakt mit den Mächtigen ihn auch nicht mehr retten kann, entlädt seinen Frust via sexuelle Erniedrigung jener Angestellten, die am längsten loyal geblieben ist.

    Es passiert noch einiges mehr und etliche der Pointen und Episoden sind schon für sich genommen bitterböse. Das ganze Pandämonium wird aber auch filmisch recht schön aufgerührt, Tanović nutzt den riesigen Hotelkomplex um in immer neuen Bewegungen durch Räume, über Treppen und Gänge ein Gegengewicht zu schaffen zu den vielen in reiner Rede transportierten Zusammenhänge.

    Man erkennt Europa und seine wechelsvolle Geschichte wieder in diesem Film, Austerität und Bankenkrise, Koalitionsmanagement und Risikokaskaden: Alles ist da, zusammen mit der bitteren Erkenntnis einer Journalistin, dass es kein „wir“ mehr gebe, bloss noch nationalistische Idioten und der Kampf aller gegen alle unten, mit einer kleinen skrupellosen Gruppe, die oben das gleiche veranstaltet.

    Was sich in dem Film überhaupt nicht spiegelt, ist die aktuelle „Flüchtlingskrise“. Dieses Hotel Europa braucht sie nicht, hat sie nie gebraucht diese Krise, diese Europäer hier können sich das Leben auch ganz alleine schwer bis unmöglich machen.

    Tod in Sarajevo ist ein böser Film, ein Rundumschlag, der häufig trifft und wenig auslässt. Manchmal ist das ein wenig anstrengend, manchmal bleibt einem – zum Glück – das Lachen im Hals stecken, und manchmal beschleicht einen das Gefühl, dass manche Dinge wohl tatsächlich komplizierter sind.

    Aber insgesamt ist das ein anregender, smarter und streitlustiger Film. Und auf sehr seltsame, biestige Weise ein Komplementär zu Wes Andersons The Grand Budapest Hotel, der vor zwei Jahren hier in Berlin zu sehen war.

    Danis Tanovic © Almin Zrno

    Danis Tanovic © Almin Zrno

    Topics: Filmbesprechung, Filmfestival, Regisseur/in | Kommentare deaktiviert für Berlinale 16: SMRT U SARAJEVU (Death in Sarajevo) von Danis Tanović (Wettbewerb)

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