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    Berlinale 16: SOY NERO von Rafi Pitts (Wettbewerb)

    Von Michael Sennhauser | 16. Februar 2016 - 17:01

    Johnny Ortiz in 'Soy Nero'

    Johnny Ortiz in ‚Soy Nero‘

    Der neue Film des Exil-Iraners Rafi Pitts (Shekarchi – The Hunter, Berlinale 2010) ist entweder besonders raffiniert. Oder aber besonders einfach. Die Entscheidung für das eine oder andere fällt schwer.

    Berlinale_Balken_2016

    Nero ist Mexikaner, aber in Los Angeles aufgewachsen, als Sohn eines illegalen Immigranten, der in einem namenlosen Grab mit anderen Immigranten liegt. Nero wurde abgeschoben, deportiert, zurück nach Mexiko. Und nun versucht er immer wieder, den Grenzzaun zu überwinden.

    Johnny Ortiz, Veronica Ruthie Sigel, Michael Harney

    Johnny Ortiz, Veronica Ruthie Sigel, Michael Harney

    Nero will zu seinem Bruder, der in Beverly Hills als Automechaniker arbeitet. Und er will zur Armee, als Greencard-Soldat, um sich so die amerikanische Staatsbürgerschaft zu verdienen.

    Die Einreise geling. Beim Autostopp nimmt ihn in ein Amerikaner mit, der seine kleine Tochter auf dem Rücksitz hat. Nach ein paar Kilometern fordert er Nero auf, das Handschuhfach zu öffnen. Und da drin liegt eine Pistole. Der Amerikaner erweist sich als liebenswürdiger Spinner, ein Verschwörungstheoretiker, der behauptet, die Windkraftanlagen in der kalifornischen Wüste seien gasbetrieben und würden in Wirklichkeit die Erde auf Kurs halten.

    Problematisch wird das erst, als zwei Polizisten den Mann an einer Tankstelle kontrollieren. Nero verschwindet rechtzeitig.

    Die flirrende Spannung, welche Pitts in diesen Szenen im Auto erzeugt spielen mit den Klischees des Genrekinos. Ob der Autofahrer nun ein Psychopath mit mörderischen Absichten ist, oder ein getarnter Polizist: Es sind die Vermutungen, die beim Publikum geschürt werden.

    Nach dem gleichen Prinzip funktioniert das Treffen mit Neros Bruder. Der empfängt Nero mit einer heissen Freundin im Luxus einer riesigen Villa in Beverly Hills, mit Pool und Proberaum und vielen ausgestopften Tieren. Wie er sich das Anwesen leisten kann, will er nicht sagen. Nero fragt ihn, was auch das Publikum als erstes vermutet: Handelst Du mit Drogen?

    Johnny Ortiz 2 Soy Nero

    Der latente Rassismus des Genrekinos wird auf diese Weise massiv ausgespielt, weit über jede Handlungs- und Dialog-Logik hinaus. Und wenn sich dann schliesslich herausstellt, wie die Dinge tatsächlich stehen, fühlt man sich als Zuschauer doppelt ertappt. Und etwas gegängelt.

    Johnny Ortiz 3 Soy Nero

    Denn nun sind wir und Nero bereit für den letzten Teil des Films. Der Junge geht tatsächlich zur Armee und findet sich schon bald wieder als Teil einer Strassensperre in mittleren Osten, mit schwarzen und weissen Kollegen, die wiederum keinen Hehl aus ihren rassistischen Vorurteilen machen. Bis die erste Autobombe hochgeht, die ersten Raketen einschlagen.

    Aml Ameen

    Aml Ameen

    Wie schon bei Shekarchi, jenem Film, der die Sniper-Figur aus dem Genre-Kino an den Rand einer iranischen Stadt verlegte, spielt Pitts gezielt mit den Elementen und Versatzstücken des Unterhaltungskinos.

    Darrel Britt-Gibson

    Darrel Britt-Gibson

    Dieses Mal steht im Zentrum allerdings die kaum bekannte Tatsache, dass die US-Army offensichtlich gezielt und systematisch illegale Immigranten rekrutiert, nach dem System der französischen Fremdenlegion, aber ohne deren Apartheid.

    Gewidmet ist der Film von Rafi Pitts im Abspann all jenen Greencard-Soldaten, welche nach ihrem Einsatz dann doch deportiert und des Landes verwiesen wurden, unter welchen Vorwänden auch immer.

    Soy Nero ist ein Film, der einen immer wieder auflaufen lässt, der mit Vorstellungen spielt und die Erwartungen nach langer Verzögerung perfiderweise auch erfüllt. Das fasziniert und irritiert, aber das verärgert auch. Die Wut, die er erzeugt, ist keine saubere. Aber vielleicht ist gerade dies die grosse Raffinesse dieses Films.

    Rafi Pitts

    Rafi Pitts

    Topics: Filmbesprechung, Filmfestival, Regisseur/in | Kommentare deaktiviert für Berlinale 16: SOY NERO von Rafi Pitts (Wettbewerb)

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