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    Berlinale 16: FUOCOAMMARE von Gianfranco Rosi (Wettbewerb)

    Von Michael Sennhauser | 21. Februar 2016 - 08:27

    Gianfranco Rosi mit dem goldenen Bären der 66. Berlinale

    Gianfranco Rosi mit dem goldenen Bären der 66. Berlinale

    Nein, eine grosse Überraschung ist der goldene Bär für diesen Dokumentarhybriden nicht. Indem er einen politischen Standpunkt mit Kunst kombiniere, stehe der Film Fuocoammare von Gianfranco Rosi für alles, was die Berlinale ausmache, sagte Jurypräsidentin Meryl Streep in ihrer Laudatio.

    Berlinale_Balken_2016

    Und dazu gehört auch der Umstand, dass für die meisten regulären Berlinale-Gänger schon vor dem Festival klar war, dass Rosis Film am Ende einen der wichtigeren Preise würde mitnehmen können.

    Seit Rosi mit seinem Sacro GRA 2013 den goldenen Löwen von Venedig gewonnen hat, kennt man seine sorgfältig inszenatorisch-beobachtende Methode. Der Film über die gigantische Ringstrasse um Rom, und damit über einen massiven Teil seiner Heimat Italien, setzte auf eine anthropologisch anmutende stille Beobachtung von Menschen und ihren Umständen. Und auf beziehungsreich suggestive Montage.

    Samuele Pucillo

    Samuele Pucillo

    Fuocoammare nutzt fast die gleiche Methode. Anderthalb Jahre hat Rosi auf der Insel Lampedusa gelebt und gefilmt. Interessiert hat ihn die Beziehung der Inselbewohner zu den Tausenden von Flüchtlingen, die über die Jahre immer zahlreicher versucht haben, die Insel von Afrika aus zu erreichen, das Lebensgefühl der Insulaner, die sich, anders als das restliche Europa, kaum je abschätzig oder abwehrend verhalten haben.

    Warum das so sei, habe er sich immer wieder gefragt, erklärte Rosi bei der Preisverleihung am Samstagabend im Berlinale-Palast. Der Insel-Arzt, einer der Protagonisten seines Films, habe es so erklärt: Lampedusa sei bevölkert von Fischern, und Fischer würden immer alles akzeptieren, was vom Meer her komme… und vielleicht sei es genau das, was die Welt von Lampedusa lernen könne.

    Das solche Sätze im Film selber nicht fallen, gehört zu seinen grossen Stärken. Der Arzt erzählt freimütig von seinen Einsätzen, wie hart es ist, wenn im Bauch eines der elenden Schiffswracks dutzende von Leichen liegen, wenn er chemische Brandwunden behandeln müsse, die entstehen, wenn Treibstoff sich mit Meerwasser mischt und die Flüchtlinge tagelang in dieser Brühe ausharren müssen.

    Rosi begleitet das Rettungsschiff und den Helikopter zu Schönwetter-Einsätzen, welche schreckliche Szenen zu Tage fördern. Und eine Ahnung davon entstehen lassen, um wie viel schrecklicher das alles ablaufen würde bei stürmischer See.

    Gleichzeitig ist klar, dass unter solchen Umständen kein Rettungsleiter einen einsamen Filmemacher mit seiner Kamera- und Tonausrüstung mit aufs Meer nehmen würde.

    Denn Rosi hat alles selber gefilmt, hat ohne Crew gearbeitet. Dabei ist er vor allem einem seiner Protagonisten sehr nahe gekommen. Der Schuljunge Samuele Pucillo steht für die Insel und ihre Unvoreingenommenheit.

    Samuele streift auf der Insel umher, übt mit der Steinschleuder und mit seinem Freund. Sie ahmen mit den Armen halbautomatische Schusswaffen nach. Samuele geht mit einem Fischer aufs Boot, es mag sein Onkel sein, oder sein Vater. Samuele muss sich übergeben. Der Mann rät ihm beim Abendessen, sich hin und wieder auf den hölzernen Pier zu stellen und sich langsam an die Bewegungen des Meeres zu gewöhnen.

    Samuele muss zu Arzt, der feststellt, dass er ein „träges“ Auge habe. Er bekommt eine Brille und eine Abdeckung für das gute Auge, um das träge zu trainieren.

    Die symbolischen Beziehungen ergeben sich ganz von selbst in diesem Film. Die Aufnahmen sind dokumentarisch, auch wenn manche Szenen ganz klar inszeniert sind, aus dem Alltag der Protagonisten heraus.

    Die wenigen Bilder von Flüchtlingsschiffen, von Geretteten und von Toten, von einem Verprügelten, der offenbar die anderen Flüchtlinge gegen sich aufgebracht hat – ein Schlepper? -, von einem Fussballspiel im Auffanglager, sie wirken alle um so stärker, da sie so beiläufig im Film sind.

    Samuele lebt auf Lampedusa, der Arzt lebt da, der einsame Radiomann, der Musikwünsche erfüllt, das alte Ehepaar, bei dem der Mann irgendwann im Verlauf der anderthalb Jahre verstorben ist, zu erkennen am Lichtlein auf seinem Nachttisch, während die Frau sorgfältig das nur noch zur Hälfte benutzte Bett macht am Morgen.

    Fuocoamare Samuele Pucillo

    Fuocoammare ist kein larmoyanter Film, kein lauter Aufruf, keine Anklage, sondern einfach eine ruhige Betrachtung dessen, was ist. Allenfalls führen die symbolträchtigeren Momente in der Montage dazu, dass man als Zuschauer der Illusion verfällt, da nehme einfach die Natur und das Leben seinen Lauf.

    Aber eigentlich ist gerade diese Ruhe eine der grossen Stärken dieses Films. Rosis Methode der Beobachtung, der sorgfältigen Nachinszenierung und der leise bezugsschaffenden Montage könnte fast überall und zu fast jedem Thema funktionieren. Und sie ist das pure Gegenteil all dessen, was uns im News-Alltag abstumpft, erschreckt, gefühllos macht.

    Regisseur Gianfranco Rosi

    Regisseur Gianfranco Rosi

    Topics: awards, Filmbesprechung, Filmfestival, Regisseur/in | Kein Kommentar »

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