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    Cannes 16: LOVING von Jeff Nichols (Wettbewerb)

    Von Michael Sennhauser | 16. Mai 2016 - 12:20

    Loving von Jeff Nichols (1)

    Richard (Joel Edgerton) und Mildred (8uth Negga) Loving wrden verhaftet. Weil sie geheiratet haben. © frenetic

    Jeff Nichols (Take Shelter, Grand Prix de la Semaine de la Critique, Cannes 2011) war eben noch im Februar mit Midnight Special im Wettbewerb der Berlinale, nun ist er im Rennen um die goldene Palme. Und da ist er gar nicht schlecht aufgestellt mit einem Film, der alles ein wenig anders macht.

    Cannes_Balken_2016

    Mildred und Richard Loving werden in Virginia 1958 wenige Tage nach ihrer Heirat in Washington DC verhaftet. Die Ehe zwischen Schwarzen und Weissen ist gegen die Gesetze des Staates. Jeff Nichols‘ Film nimmt eine Geschichte auf, die schliesslich zu einer Verfassungsänderung in den USA führte.

    Auf den ersten Blick ist Nichols‘ Loving ein konventioneller Film über die letzten irren Blüten der offiziellen Segregation in den USA, eine weitere «Fallstudie» über institutionellen Rassismus in den USA. Aber Nichols unterläuft sehr subtil die Erwartungen des Publikums, immer und immer wieder – bis er sie dann auch wieder augenzwinkernd übererfüllt, wenn es niemand erwartet.

    Das beginnt schon bei der Besetzung. Joel Edgerton, der den weissen Maurer Richard Loving spielt, sieht aus wie der klassische Redneck-Rassist im US-Film: Bullig, fleischig, mit ultrakurzen blonden Haaren, ein Mann, dem man nicht vor die Fäuste geraten möchte.

    Loving von Jeff Nichols (3)

    Seine geliebte Mildred (Ruth Negga, die Schauspielerin heisst wirklich so…) dagegen ist eine feine, vorsichtige und intelligente junge Frau. Über ihre leicht nervöse Ankündigung, sie sei schwanger, ist er vorbehaltslos begeistert. Heimlich kauft er ein Stück Land zwischen dem Haus seiner Mutter und dem Haus von Mildreds Familie und macht Mildred einen Heiratsantrag.

    Geheiratet wird ebenfalls heimlich mit Mildreds Vater als Trauzeugen im nahegelegenen Washington DC.

    Joel lebt mit seinen schwarzen Freunden und Nachbarn in aller Selbstverständlichkeit, schraubt mit ihnen an ihren Hotrods und schlägt beim eingangs gezeigten Dragster-Rennen die weissen Rivalen, ohne sich darüber allzu viele Gedanken zu machen.

    Die Marriage-License aus Washington wird eingerahmt und übers gemeinsame Bett gehängt im Haus von Mildreds Familie. Das nützt allerdings gar nichts, als mitten in der Nacht die Polizei stürmt und die beiden aus dem Bett heraus verhaftet: Im Staat Virginia ist ihre Ehe illegal.

    Vor Gericht erwirkt ihr Anwalt einen Deal: Die einjährige Gefängnisstrafe, welche beiden droht, wird ausgesetzt, falls sie sich schuldig bekennen. Dafür dürfen sie während 25 Jahren den State of Virginia nicht mehr gemeinsam betreten.

    Und als ob das alles nicht schon bitter genug wäre, fragt sich Richard, und mit ihm das Publikum, wer die Liebenden denn überhaupt an die Polizei verraten hat. Spuren legt Nichols einige, bewusst nicht sehr subtil. Es könnten Nachbarn sein, oder die Renn-Rivalen. Aber auch Mildreds Schwester, ihre Mutter, die das alles mit Sorge sieht. Oder gar Richards eigene Mutter, die Hebamme des Ortes.

    Gefilmt ist das alles in satten Herbst- und Sommerfarben, die späten 50er Jahre werden von der aufwändigen Ausstattung perfekt rekonstruiert, von den Autos bis zur Maurer-Technik, Richards Lunchbox und seinem Werkzeug.

    In Washington DC, wo das Paar bei einer Tante von Mildred unterkommt, wächst die kleine Familie bald auf fünf Köpfe an, Richard hat genügend Arbeit, aber Mildred vermisst das Land und die Wiesen.

    Am 28. August 1963 überträgt das Fernsehen live den grossen Marsch nach Washington und die Rede von Martin Luther King. Und Mildreds Tante schlägt ihr vor, sie solle Robert Kennedy einen Brief schreiben, und ihren Fall schildern. Das führt schlieslich dazu, dass sich ein Civil-Rights-Lawyer bei ihr meldet und erklärt, das Council for United Civil Rights Leadership (CUCRL) würde für alle Kosten aufkommen, sollten sich Mildred und Richard entschliessen, den State of Virgina zu verklagen. Beiden ist klar, dass es dabei nicht in erster Linie um sie und ihre Familie geht, sondern um einen Präzendenzfall, den die Organisation bis vor den Supreme Court bringen möchte.

    Jeff Nichols hält die Spannung, indem er einzelne Figuren wie die Anwälte nie eindeutig zeichnet. Vor allem aber, indem er eine subtile Spannung zwischen Mildred und Richard legt: Er will seine Familie schützen, sie möchte Gerechtigkeit.

    Um so spannender darum die Sequenz, welche dazu führt, dass die Lovings heimlich wieder in die alte Nachbarschaft in Virginia zügeln, weil es Mildred in der Stadt für ihre Kinder einfach nicht mehr sicher genug ist. Da spielt Nichols über eine ausgedehnte Sequenz virtuos mit allen Klischees der Alltagsspannung.

    Im Gegensatz dazu verzichtet er auf die grossen Gerichtsszenen, die jeder andere Film zum Thema genüsslich ausgespielt hätte.

    Darstellerpreise wären verdient: Edgerton und Negga © frenetic

    Darstellerpreise wären verdient: Edgerton und Negga © frenetic

    Loving ist ein Schauspielerfilm, das Leben kommt aus den Gesichtern der Darsteller. Joel Edgerton und Ruth Negga sind grossartig, und Michael Shannon, der in keinem Jeff Nichols Film fehlen darf, hat einen kurzen, aber extrem pointierten Auftritt als LIFE-Fotograf.

     

    Topics: Film, Filmbesprechung, Filmfestival, Regisseur/in, Schauspieler/in | Kein Kommentar »

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