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    NIFFF 16: UNDER THE SHADOW von Babak Anvari

    Von Michael Sennhauser | 6. Juli 2016 - 11:59

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    Der Iran-Irak-Krieg ist 1988 auf seinem Höhepunkt, Raketen erreichen Teheran. Wer kann, verlässt die Stadt. Shideh allerdings bleibt mit ihrer Tochter Dorsa im Appartement im Hochhaus. Zunächst aus Stolz und Wut. Dann, weil irgend etwas die zwei Frauen nicht mehr weglassen will.

    Die kleine Dorsa ist überzeugt, die bedrohliche Präsenz sei ein Djin, ebenso die Nachbarin. Shideh ist empört über den Aberglauben, bis sie mitten in der Nacht neben ihrem Mann aufwacht. Dabei ist der als Arzt an einem Fronteinsatz.

    Mit einfachsten Mitteln schafft Babak Anvari eine zunehmend bedrohliche Atmosphäre vor dem ohnehin bedrohlichen Szenario jederzeitiger Bomben- und Raketenangriffe. Was allerdings die wahre Bedrohung ist, das macht der Film schon in den ersten Minuten klar.

    Shideh (Narges Rashidi) ersucht um Bewilligung, ihr vor dem Krieg abgebrochenes Medizinstudium wieder aufzunehmen. Aber die wird ihr verweigert. Als Studentin hatte sie sich in der Begeisterung der iranischen Revolution auf die Seite einer radikalen linken Gruppe geschlagen. Nun wird sie im Gottesstaat nie wieder studieren dürfen.

    Shidehs Mann ist Arzt, er hat das Studium abgeschlossen, während sie als junge Mutter zuhause blieb. Dabei hatte ihre Mutter stets davon geträumt, die Tochter als Ärztin zu sehen. Nun ist sie vor einem halben Jahr gestorben.

    Shideh fühlt sich gefangen. Sie, die zuhause mit Jane-Fonda-Videos Aerobic macht (das Jahr ist 1988) muss ihrer kleinen Tochter das versprechen abnehmen, niemandem zu sagen, dass im Haushalt ein Videorekorder steht. Shideh hast den Kopftuchzwang, die Bigotterie, die stete Vorsicht, den Nachbarn gegenüber nicht zuviel preiszugeben.

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    Das alles wäre Stoff genug für eines jener iranischen Filmdramen, denen man atemlos folgt. Aber Anvari geht weiter. Da ist der traumatisierte junge Cousin der Nachbarskinder, der kein Wort mehr redet, seit er seine Eltern bei einem Angriff sterben sah. Ausgerechnet von ihm will die kleine Dorsa eine Warnung vor den Djinns erhalten haben, zusammen mit einem magischen Ball aus Katzenhaar, der ihr Schutz bieten soll.

    Den Djinn hält ihre Mutter für Unsinn, den Katzenhaarball wirft sie weg. Auch die Warnung, dass diese Windgeister jemanden nie mehr loslassen, wenn sie erst einmal an einen persönlichen Gegenstand  gekommen sind, schlägt Shideh in den Wind.

    Bis Dorsa ihre Puppe nicht mehr findet.

    Es ist lange her, seit ich im Kino Zuschauer erlebt habe, die vor Schreck aufschreien. Under the Shadow schafft das gleich mehrfach, ohne Special Effects, ohne Eindeutigkeiten, mit einer Dramaturgie, welche die Bedrohung steigert und steigert, während gleichzeitig immer weniger Menschen in dem Haus sind, bis sich Shideh und ihre Tochter vollkommen alleine wiederfinden.

    Under the Shadow ist ein Film über Unterdrückung, Aberglaube, Religionsterror, patriarchale Überheblichkeit und Kriegsterror. Und zugleich ist das Genrekino vom Besten.

    Wenn dieser Film hier am NIFFF am Samstag keinen Preis gewinnt, dann ist die Jury blind. Oder besessen.

    Topics: Film, Filmbesprechung, Filmfestival | Kein Kommentar »

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