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    Locarno 16: INIMI CICATRIZATE (Scarred Hearts) von Radu Jude (Wettbewerb)

    Von Michael Sennhauser | 7. August 2016 - 16:30

    Lucian Teodor Rus, Alexandru Dabija, Serban Pavlu

    Lucian Teodor Rus, Alexandru Dabija, Serban Pavlu

    Ein junger Mann mit Knochentuberkulose wird von seinem Vater in ein Sanatorium gebracht. Da lebt er, unter anderen Leidenden, jahrelang. Die Patienten werden eingegipst, amputiert, punktiert, auf die Terasse an die Meerluft geschoben. Sie leben miteinander, durcheinander. Und immer wieder mal stirbt einer oder ein von ihnen.

    Pardobalken2016

    Dieser Zauberberg der vernarbten Herzen spielt in Rumänien. Im Film heisst der schwer kranke junge Mann Emanuel. Wie er in Wirklichkeit hiess, darüber gehen die Meinungen auseinander.

    INIMI CICATRIZATE (4)

    Das Buch, auf dem der Film basiert, wurde von M. Blecher geschrieben, allgemein nimmt man an, das M. stehe für Max. Auf seinem Grabstein im jüdischen Friedhof, der vor dem Abspann zu sehen ist, steht ebenfalls nur «M. Blecher, 1909-1938».

    Als Autor erreichte der jahrelang sterbenskranke Blecher schon zu Lebzeiten eine gewisse Bekanntheit. Aber nach seinem Tod ging die Erinnerung an ihn und seine Schriften in den Wirren des Nationalsozialismus und des späteren Kommunismus unter, bis «Vernarbte Herzen» 1970 in Rumänien neu aufgelegt wurde.

    Radu Jude setzt kurze Passagen aus dem Buch wie Zwischentitel vor schwarzem Hintergrund in seinen Film. Das Bildformat ist das klassische 4 zu 3, zusätzlich noch verfremdet mit runden Ecken wie bei Super 8. Ausstattung und Kostüme, die Architektur des Sanatoriums, die zum Teil absurd und grotesk anmutenden Gerätschaften dagegen wirken historisch akkurat, die Schauspieler geben ihren Figuren den zeitgemässen Look mit fast schon geisterhafter Präzision.

    Und natürlich ist das kein Zauberberg, auch wenn sich der Vergleich aufdrängt. Da sind viele Männer und Frauen, die meisten jung und gebildet (das Sanatorium ist ein teurer Ort) in einem gnadenlosen Schicksal vereinigt, zwischen von Zweckoptimismus strotzenden Ärzten, abgebrühtem Personal, und schwankend zwischen Fatalismus, morbidem Lebenshunger, erotischer Verzweiflung und ergebenem Abwarten.

    Lucian Teodor Rus, Ivana Mladenovic

    Lucian Teodor Rus, Ivana Mladenovic

    Emanuel findet sogar seine Madama Chauchat in der schönen jungen Solange, welche geheilt wurde, nun aber fast täglich im Sanatorium auftaucht, weil der Ort zur Gewohnheit wird, zum Lebensmittelpunkt, zu einer Droge, wie einer der Männer sagt.

    Aber wo Thomas Manns «Zauberberg» vor allem die gesellschaftsmetaphorische Komponente betont, und dies über alle Altersstufen und Lebensentwürfe hinweg, herrscht bei Blecher ein gefasst kühler, analytischer Ton vor.

    INIMI CICATRIZATE (3)

    Das Spiel von Hoffnung und Verzweiflung, der körperliche Zerfall, die Schmerzen und das Leiden sind allgegenwärtig. Und im Hintergrund bestimmt der in Rumänien allgegenwärtige Antisemitismus das Denken und das Sein von Emanuel, und Hitlers apokalyptische Vision für Europa, die auch auf einzelne der anderen Patienten übergreift.

    Radu Jude grenzt seinen Film einmal sogar ganz wörtlich ab von Thomas Mann, wenn Emanuel klagt, Lungentuberkulose hätte doch wenigstens etwas würdevolles, genialisches, das wäre ein Sterben in Schönheit. Nicht aber die Knochentuberkulose mit ihren Versteifungen, Amputationen, Reduktionen, der ist ästhetisch nichts abzugewinnen.

    Emanuel ist ein Dichter und ein Philosoph, und die Menschen, mit denen er im Sanatorium Austausch pflegt, tragen alle auch gedanklich zu einem schwebenden, mitunter befreiten, oft verzweifelten Denken bei. Es sind intellektuelle, politische Diskurse, die da geführt werden, und darum scheint auch viel mehr von Rumänien in diesem Sanatorium auf, als man zunächst für möglich halten würde.

    Mit 141 Minuten ist der Film von Radu Jude ein gewichtiger Brocken und doch unendlich kurz im Vergleich zum endlos scheinenden Leiden, welches das kurze Leben seines Protagonisten bestimmt. Die Wirkung ist stark, die Gedankengänge, welche angestossen werden, wirken nach und der Film ist viel mehr ein Ideen- und Verknüpfungsspiel, als ein Echo der Gefühle.

    Unter den Preisträgern des diesjährigen Festivals wird Inimi Cicatrizate mit Sicherheit auftauchen. Radu Jude hat den bereits erstaunlich vielen Facetten des andauernden rumänischen Filmwunders eine weitere hinzugefügt, eine, die bleiben wird.

    Regisseur Radu Jude

    Regisseur Radu Jude

    Topics: Film, Filmbesprechung, Filmfestival, Regisseur/in | Kein Kommentar »

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