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    Locarno 16: PAULA von Christian Schwochow (Piazza Grande)

    Von Michael Sennhauser | 7. August 2016 - 21:30

    Otto Modersohn (Albrecht Abraham Schuch) und Paula (Carla Juri) © filmcoopi

    Otto Modersohn (Albrecht Abraham Schuch) und Paula (Carla Juri) © filmcoopi

    Die erste Einstellung zeigt ein hochformatiges Bild von hinten, gehalten von zwei Händen. Die Frau, die dahinter auf dem Sofa sitzt, klappt das Bild wie eine Zugbrücke herunter und nimmt dabei eine väterliche Standpauke entgegen.

    Pardobalken2016

    Sie ist ein fröhliches Biest, diese Paula Becker. Eine junge Frau mit Ambitionen jenseits der bürgerlichen Laufbahn, die sich ihr Vater für die 24jährige Tochter gewünscht hätte. Paula will malen, und nicht etwa Aquarelle mit Wiesenblumen, sondern richtig, und wild, in Worpswede, der kleinen Künstlerkolonie im Teufelsmoor bei Bremen.

    Als Paula im Sommer 1900 in Worpswede eintrifft, ist die Künstlergemeinschaft schon elf Jahre alt. Männer wie Fritz Mackensen oder Otto Modersohn, anerkannte, erfolgreiche Künstler, verdienen sich etwas dazu, indem sie jungen Damen gegen deren Langeweile das dekorative Pinseln beibringen. Dass eine Frau ernsthaft malen könnte, das hält insbesondere Mackensen für absurd.

    Paula Modersohn-Becker war eine der ersten eigenständigen Malerinnen der anbrechenden Moderne, die einzige, an die mit einem eigenen Museum erinnert wird und vielleicht die einzige, die sich schon zu Lebzeiten den Respekt der aufgeschlosseneren männlichen Kollegen erarbeitet hat. Ihre auf jeden Naturalismus verzichtenden Bilder erschreckten die postromantischen Akademiemaler, und es wäre ein Leichtes gewesen, den vielen Filmen über zu Lebzeiten verkannte Künstler eine weitere romantisierende Geniekult-Blüte hinzuzufügen.

    Zum Glück haben Christian Schwochow und seine Drehbuchautoren Stefan Kolditz und Stephan Suschke klar entschieden, dass der ungewöhnlichen Frau auch ein ungewöhnlicher Film gebührt.

    © filmcoopi

    © filmcoopi

    In Carla Juri haben sie die Schauspielerin gefunden, welche von der ersten Einstellung an anders wirkt. Ihre Paula reagiert auf Zweifel an ihrer Eigenständigkeit nicht mit Trotz oder Wut, sondern mit entschlossener Fröhlichkeit. Sie ist verspielt und zielsicher, sie weiss genau, was sie will.

    Carla Juris Paula ist Pipi Langstrumpf, Ronja Räubertochter, ein spitzbübischer Kobold.

    Ihrer Freundin Clara Westhoff erklärt sie, sie werde bestimmt jung sterben, ihr Leben solle ein einziges Fest sein, und ihr Ziel sei es, bis zu ihrem Tod drei gute Bilder gemalt zu haben.

    Carla Juri gibt der Frau eine Ausstrahlung, die packt und irritiert. Ihr Charme ist furchtlos und offen, da ist keine Spur jenes Harmoniebedürfnisses oder gar der Unterwürfigkeit, welche die Männer erwarten.

    Schwochows Film fährt alles auf, was ein Künstlerfilm bieten kann. Er zeigt die Entstehung von Bildern, die man kennt, er stellt romantische Nebelwiesen nach, kadriert die Moorlandschaft, lässt Mackensen den Macker machen. Aber Schwochow tut das mit spielerischem Ernst, mit eingebautem Grinsen, mit leisem Spott manchmal. So, wie Paula malt: Mit heftigen Pinselschlägen, absoluter Entschlossenheit auf der Leinwand und gleichzeitiger Verspieltheit in der Situation.

    Wenn Paula und der früh verwitwete Modersohn, den sie schliesslich heiratet, um als Malerin in Worpswede bleiben zu können, nebeneinander Modersohns kleine Tochter malen, knallt Paula ihren Pinsel zielgenau auf die Leinwand, nur um in der gleichen Bewegung unbemerkt auszuholen und noch schnell Modersohns Ohrläppchen blau anzumalen.

    Der genialische junge Dichter Rainer Maria Rilke (Joel Basman), den die Künstler eingeladen haben, ist denn auch stärker beeindruckt von Paula als sie von ihm. Der empfindsame Poet im seltsamen Russenlook inklusive Fellmütze erkennt ihr Talent, hält sich dann aber doch lieber an Paulas Freundin Clara Westhoff, die mehr Talent zum Schmachten hat und weniger spöttisch mit seiner Dichterseele umgeht.

    Aber der unterdessen mit Clara verheiratete Rilke ist es dann auch, der Paula fünf Jahre später aus ihrer unglücklichen, unvollzogenen Ehe nach Paris holt. Clara ist von ihm getrennt, arbeitet als Assistentin für Rodin und führt Paula in die Akademie- und Künstlerszene ein.

    Paula (Carla Juri) kommt in Paris an © filmcoopi

    Paula (Carla Juri) kommt in Paris an © filmcoopi

    Mit Paulas Ankunft in Paris wird der Film wieder zur Spielwiese für Schwochow und die Möglichkeiten des Kinos. Die Strassenszenen bei ihrer Ankunft wirken wie hochverdichtete Toulouse-Lautrec-Backdrops, in einer Bar stossen die zwei Freundinnen auf die von Rodin in den Wahnsinn getriebene Camille Claudel, und schliesslich führt Paulas lokaler Lover die mittlerweile etwas verzweifelte, weil mittellose Malerin in eine Ausstellung mit Cézanne-Bildern, wo sie sich endlich verstanden fühlt.

    Paula Modersohn-Becker (Carla Juri) und Clara Rilke-Westhoff (Roxane Duran) in Paris © filmcoopi

    Paula Modersohn-Becker (Carla Juri) und Clara Rilke-Westhoff (Roxane Duran) in Paris © filmcoopi

    Das ist zwar durchgepeitschte Kunstgeschichte, wirkt aber nicht angestrengt, sondern einmal mehr fröhlich verspielt, ein spöttisches, liebevolles Orgeln auf der Traditions-Klaviatur des Künstlerfilms.

    Überhaupt ist das die grosse Stärke von Paula: Der Film ist romantisch, ohne zu romantisieren. Er ist dramatisch ohne Drama, er bringt Szene für Szene mit Lust, Zuversicht und einem selbstironischen Lächeln. Carla Juri lässt ihre Paula manchmal unvermittelt kippen, einmal sogar richtig ins bösartige, ganz überraschend.

    Paula (Carla Juri) hält Rilke (Joel Basman) sein Porträt vor © filmcoopi

    Paula (Carla Juri) hält Rilke (Joel Basman) sein Porträt vor © filmcoopi

    Und Joel Basmans Rilke oszilliert sehr überzeugend zwischen dem dichtenden Profi beim Sponsorensurfen und dem klarsichtigen, ebenso auf Ehrlichkeit wie auf Wirkung bedachten Kunstverständigen mit der richtigen Mischung aus Fin-de-siècle-Ennui und Transzendenz.

    Und manchmal ist der Witz auch sehr direkt und augenzwinkernd selbstbewusst. Wenn dieser Rilke seiner längst von ihm getrennt lebenden Frau Clara statt des versprochenen Geldes aus der Brieftasche das Original seines «Panthers» zusteckt und die bloss wütend den Titel liest, dann spiegelt diese Miniatur in Sekunden das Kerndrama des Films. Und der Kunst.

    Regisseur Christian Schwochow © filmcoopi

    Regisseur Christian Schwochow © filmcoopi

    Kinostart Deutschschweiz: 22. Dezember 2016

    Topics: Film, Filmbesprechung, Filmfestival, Regisseur/in | Kein Kommentar »

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