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    SFT 17: DOUBLE PEINE von Léa Pool

    Von Michael Sennhauser | 20. Januar 2017 - 15:14

    ‚Double peine‘ von Léa Pool © Catpics AG

    Wenn Mütter ins Gefängnis kommen, werden ihre Kinder mitbestraft. Das kann sehr unterschiedlich aussehen, aber für die Kinder gilt immer, dass sie unter etwas leiden müssen, das sie nicht verschuldet haben.

    Die Kanada-Schweizerin Léa Pool hat an vier verschiedenen Orten der Welt solche Kinder und ihre Mütter besucht. In Nepal, im Québéc, in Bolivien und in den USA. Ihr Dokumentarfilm zeigt verschiedene Systeme, aber überall den gleichen Schmerz.

    In Nepal trifft sie auf Indira Rana Magar, eine Heimleiterin der Prisoner’s Assistance, einer NGO, die an verschiedenen Stanorten im Land Heime für Kinder inhaftierter Eltern unterhält. Insgesamt werden so rund 460 Kinder betreut.

    Den Mädchen und Jungen bei Indira Rana Magar scheint es gut zu gehen, vor der Kamera sind sie fröhlich und friedlich. Die unermüdliche Heimleiterin berichtet allerdings von den typischen Schwierigkeiten dieser Kinder. Die einen seien depressiv, die anderen aggressiv. Es gebe Tendenzen, Dinge zu horten und andere nicht zu teilen, alles, um sich wenigstens an einer Stelle etwas verlässliches zu sichern.

    ‚Double peine‘ von Léa Pool © Catpics AG

    Denn was die Kinder hinter sich haben, wird auch klar, wenn Pool die Heimleiterin in ein Gefängnis in Kathmandu begleitet. Einerseits besuchen hier Heimkinder ihre Mütter. Andererseits schliesst Magar mit anderen Müttern die Verträge ab, die sie braucht, um ihre Kinder aus dem Gefängnis mitzunehmen, ihnen Schule und ein Leben in relativer Freiheit zu ermöglichen. Die Abschiede sind nicht nur für die teilweise sehr kleinen Kinder schwer, da sie kaum verstehen, was ihnen geschieht. Sie sind noch viel schwerer für ihre Mütter, die im Gefängnis ihr Liebstes aufgeben, mit dem klaren Wunsch, dass es wenigstens den Kindern besser gehen solle.

    Auf diese Situation bezieht sich auch eine Sozialarbeiterin in Bolivien, wenn sie erklärt, diese Kinder hätten oft keine Ahnung davon, dass es ein anderes Leben gebe. Viele werden in Boliviens Gefängnissen geboren, oder kommen mit ihren Müttern als Babies da hin. Sie bleiben bei ihren Müttern, bis sie sieben Jahre alt sind, dann müssen sie in externe Heime, wenn keine Verwandten da sind, die sie aufnehmen können. Um sie darauf vorzubereiten, gibt es schon vorher Tagesheime, aus denen die Kinder Abends wieder ins Gefängnis zurücktransportiert werden.

    Léa Pool kontrastiert die Verhältnisse in Nepal und Bolivien mit jenen in Quebec und den USA, die auf den ersten Blick humaner geregelt und kindgerechter wirken. Beim dranbleiben zeigt sich aber auch hier, dass die Kinder unter den gleichen Problemen leiden wie in anderen Ländern.

    ‚Double peine‘ von Léa Pool © Catpics AG

    Über den Film verteilt hat Léa Pool eine siebenteilige Kinderrechts-Charta, welche in San Francisco formuliert worden ist. Darin stehen Sätze wie: «Ich habe ein Recht auf Unterstützung während der Haftzeit meiner Eltern», oder auch: «Ich habe das Recht mit meinen Eltern zu reden, sie zu sehen und sie zu berühren.»

    Die wenigsten dieser Forderungen werden in der Realität umgesetzt.

    Pools Dokumentarfilm lässt Mütter und Kinder zu Wort kommen. Bei den Kindern wirkt es oft so, als ob sie sich ihre Sätze sorgfältig zurecht gelegt hätten – was wohl auch zutrifft. Nicht für die Kamera, nicht für die Filmerin, sondern für sich selber. Kleine, sorgfältig gebaute Überzeugungssysteme, die ihnen helfen, mit der harschen Realität klar zu kommen.

    Das ist jedes Mal erschütternd. Ob nun die neunjährige Kanadierin Karolyne-Joanny sehr ernsthaft erklärt, sie sei «très fachée» mit ihrer Mutter, sehr sauer, weil sie immer wieder klaue und darum ins Gefängnis müsse. Aber sie liebe sie auch und freue sich auf das Wiedersehen. Und die Gefühle seien eben gleichzeitig in ihr. Oder ob ein viel kleineres Mädchen in Bolivien die Trennung von ihrem Vater damit erklärt, dass ein anderes, gemeines Mädchen ihn hereingelegt habe, indem sie sich auf ihn gelegt hätte, als er schlief: Ein Erklärungssystem brauchen sie beide.

    nächste Vorführung in Solothurn am 24. Januar

    Dokumentarfilm, 103′, 2017
    Regie/Buch: Léa Pool
    Produktion: Catpics AG, Alfi Sinniger
    Ausführende Produzentin: Sarah Born
    In Koproduktion mit: Cinémaginaire, Denise Robert, Kanada & SRF

    Topics: Autor / Drehbuchautorin, CH Film, Dokumentarfilm, Film, Filmbesprechung, Filmfestival, Regisseur/in, Schauspieler/in | Kein Kommentar »

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