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    Cannes 17: OKJA von Bong Joon Ho

    Von Michael Sennhauser | 19. Mai 2017 - 11:52

    Tilda Swinton als Lucy Mirando und An Seo Hyun als Mija © Netflix

    Heidi und die Supersau wäre ein möglicher Titel für diesen enttäuschenden Multihybrid-Film, zumindest für seinen idyllisch-dramatischen ersten Teil.

    Die kleine Mija ist zehn Jahre ihres Lebens zusammen mit dem riesigen Super-Pig Okja bei ihrem Alpöhi in Südkorea aufgewachsen. Das CGI-Tier, mehr Nilpferd als Schwein, ist Mijas bester Freund. Die beiden tollen im Wald umher und Okja rettet Mija auch schon mal das Leben am Berghang, Lassie lässt grüssen.

    An Seo Hyun als Mija mit Titelschwein Okja © Netflix

    Okja ist allerdings eines von 26 weltweit verteilten Promotieren, welche die New Yorker Mirando-Company als neue Fleischlieferanten für die Menschheit gezüchtet haben will. Und nun kommt der Tag, an dem sich Mija von ihrer Freundin trennen soll, weil die als schönste Supersau in New York zur Lancierung der neuen Fleischproduktion prämiert werden soll.

    Auftritt der Oeko-Terroristen von ALF, der Animal Liberation Front, geführt von Paul Dano und bestückt unter anderem mit Steven Yeun (Glenn von Walking Dead) und Lily Collins. Das führt zu einigen spektakulären Lastwagen- und Shopping Mall Stunts mit dem riesigen CGI-Tier und bleibt im komischen Tonfall immer irgendwo auf Supernasen- oder Jackie-Chan-Niveau.

    Bis zu diesem Zeitpunkt ist Okja ein überdrehter Kinderfilm, eingestimmt durch einen völlig überdrehten Auftritt der stets unverwechselbaren Tilda Swinton als CEO der Mirando-Company. Aber mit den Szenen in New York kippt die Stimmung, Okja wird in einem Labor gestestet, misshandelt und von einem Super-Eber vergewaltigt, während die ALF-Leute das alles filmen mit einer Kamera, die sie ihr unters flappige Ohr geklebt haben.

    Jake Gyllenhaal ist der kieksende Fernsehtierarzt Dr. Johnny Wilcox © Netflix

    Hier ist diese Netflix-Produktion längst nicht mehr kindertauglich, wird dadurch aber weder unterhaltsamer noch konsistenter im Ton. Die Kaspereien der exzellenten Darsteller mögen dem asiatischen Markt geschuldet sein und funktionieren in Südkorea garantiert besser als beim eher konsternierten Autorenfilm-Publikum in Cannes.

    Vollends aus den Schienen springt der Film dann allerdings, wenn Bong Joon Ho die riesige Schlachtanlage für die riesigen Superpigs als eigentlichen Schweine-Holocaust inszeniert, komplett mit hohen Elektrozäunen und einer an KZ-Anlagen erinnernden endlosen Einpferchung.

    Der resultierende Horror mag einen für Minuten zum temporären Vegetarier machen, dann aber überwiegt der Degout über den geschmacklosen, pietätlosen Einsatz bekannter Bildmotive.

    An Seo Hyun als Mija © Netflix

    Und der wird dann gleich noch einmal aufgeheizt mit dem seltsam angeklebten Happy-End, zurück bei Korea-Alpöhi mit Okja, Mija und einem geretteten und adoptieren Frischling.

    Das ist eine teure und auf verschiedene Märkte abzielende Grossproduktion mit internationaler Besetzung und erstklassiger Computer-Grafik. Aber selbst Tilda Swinton als ihr eigener böser Zwilling kann die Kiste für ein nur halbwegs anspruchsvolles Publikum nicht retten.

    Wenn dieser Film der Anlass war für die Netflix-Kontroverse des Festivals mit den französischen Filmverleihern und Kinobetreibern, dann kann man nur noch sagen: Tant de bruit pour une omelette? Aber vielleicht erweisen sich ja Noah Baumbachs Meyerowitz-Stories, der zweite Netflix-Film im Wettbewerb, am Sonntag als publikumstauglicher und damit als würdigerer Stein des Anstosses.

    Topics: Film, Filmbesprechung, Filmfestival, Regisseur/in, Schauspieler/in | Kein Kommentar »

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