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    Cannes 17: 120 BATTEMENTS PAR MINUTE von Robin Campillo

    Von Michael Sennhauser | 20. Mai 2017 - 15:29

    Adèle Haenel © filmcoopi

    Robin Campillo, Filmemacher und Drehbuchautor (unter anderem für Entre les murs oder Foxfire von Laurent Cantet), ist der Aids-Selbsthilfe- und Protestbewegung Act Up! Paris erst 1992 beigetreten, zehn Jahre nach dem Ausbruch der Epidemie.

    Aber was er mit seinem Film rekonstruiert, ist der Geist und das Lebensgefühl dieser Frauen und Männer, die sich auf dem Höhepunkt des Sterbens vom Staat, den Institutionen und der Pharmaindustrie verraten und aufgegeben fühlten.

    In einer der ersten Szene wird eine Gruppe von Neulingen bei der wöchentlichen Versammlung eingeführt und bekommt unter anderem den Hinweis: Wir sind keine medizinische Selbsthilfegruppe, dafür gibt es andere. Unsere Arbeit ist politischer und ziviler Protest, Medienarbeit, Aktionen.

    Und mit einer solchen Aktion, schön fragmentiert, beginnt der Film. Ein Gruppe von Aktivisten unter der Führung von Sophie (Adèle Haenel) wartet mit Hupen und Beuteln voller Kunstblut darauf, den Auftritt eines staatlichen Gesundheitsbeauftragten zu unterbrechen.

    Die Debattenversammlung von Act Up Paris © filmcoopi

    Bevor man erfährt, wie das abgelaufen ist, fordert Sophie bei der abendlichen Versammlung das Wort, um zu diskutieren, was schiefgelaufen sei. Und in die darauf folgende disziplinierte Diskussion schneidet Campillo die Szenen von der Aktion.

    Das ist typisch für diesen Film, der seine Energie und seinen Fluss vor allem aus Gesprächen schöpft. Ganz ähnlich wie sich bei Entre les murs das Bild der Schule aus einer Abfolge von Beobachtungen und Interaktionen langsam zusammenfügte, ergibt sich die Idee und die Einsicht in die Arbeitsweise und Probleme der Act-Up-Mitglieder ganz allmählich.

    Arnaud Vallois © filmcoopi

    Im gleichen Zug wird der Film auch persönlicher, folgt einzelnen Figuren und ihren Schicksalen, und auch hier wieder hauptsächlich über die Dialoge.

    Der Rhythmus der 142 Minuten ist eine sanfte Wellenbewegung zwischen rekonstruierten Aktionen, Debatten und Momenten der Zweisamkeit. Einer der ersten der geplanten Überfälle gilt der Niederlassung eines Pharmakonzerns, dem Act Up! vorwirft, Forschungsresultate ein ganzes Jahr bis zu einem Aids-Kongress in Berlin zurück zu halten, aus reiner Profitgier.

    «Wir sterben hier, wir haben keine Zeit zu warten!» – «Mitterand, assassin!» ist eine der Parolen, die anlässlich der von Act Up! Aufgepeppten Gay Parade skandiert werden. Und schliesslich führen die Aktivisten auch noch das erste Love-Mobile ein, den ersten Lastwagen mit Lautsprecher-Türmen, um mit Musik den tristen «Zug der Zombies», wie sie die traditionelle Parade spöttisch bezeichnen, fröhlicher und wirkungsvoller zu machen.

    Nahuel Pérez Biscayart in ‚120 battements par minute‘ © filmcoopi

    120 battements par minute ist in erster Linie beeindruckend, weil er professionalisierte Strukturen und Debatten-Kultur vorführt. Die Redezeit an den abendlichen Veranstaltungen ist begrenzt, diskutiert wird nur im Plenum und nicht im Gang oder in der Pause. Applaus wird durch Fingerschnippen signalisiert, damit die Rede nicht unterbrochen wird, eben so Ablehnung durch leises Zischen. Das Wort wird erteilt, Argumente fordern Gegenargumente, und wenn man sich nicht einig wird, sucht man doch einen Beschluss im Plenum.

    Dieser Teil, die Organisation selbst, ist neben den persönlichen Schicksalen das Zeitloseste an diesem Film. Es ist verblüffend zu sehen, wie angesichts der Angst und der Verzweiflung und der Wut sich eine solche Bewegung diszipliniert und demokratisch und effizient zugleich organisieren kann.

    Als Inszenierung fasziniert der Film mit seinem organischen Ineinanderfliessen von Gruppen- und Dialogszenen, rhytmisch unterbrochen und ergänzt durch Actionsequenzen, Polizeieinsätzen, Paraden und Demonstrationen.

    Und schliesslich erlaubt sich Campillo ein einziges grandioses Bild als Utopie im letzten Viertel. Nachdem die Debatte die unmöglicheren Aktionen für die nächste Gay Parade verworfen hat, etwa das blutrote Färben der Seine, oder dem grossen Obelisken in Paris ein Riesenkondom überzuziehen, macht der Film wenigsten die eine Vision quasi als Fiebertraum einer der Figuren real. Blutrot schängelt sich die Seine im Morgendämmer durch die Landschaft, ein Anblick, der haften bleibt.

    120 battements par minute hat, dank Campillo und Cantet, formal schon ein paar Vorgänger zuviel gehabt, um revolutionär zu wirken. Aber was der Film aus jener Zeit in den Achtzigern ins Heute rettet, das bleibt haften und verändert die Wahrnehmung. Und die Vorstellung von Solidarität.

    Topics: Film, Filmbesprechung, Filmfestival, Regisseur/in, Schauspieler/in | Kein Kommentar »

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