SFT 18: OUT OF PARADISE von Batbayar Chogsom

Dorj (Bayarsaikhan Bayartsengel) und seine Frau Suren (Enerel Tumen) leben traditionell nomadisch in einer Jurte in der mongolischen Steppe. Die nächsten Nachbarn sind meist weit entfernt, ein Fahrzeug mit Fahrer muss erst gefunden und aufgeboten werden.

Und Dorj ist alles andere als freundlich zu Ganbaa (Bayanmunkh Purevjav), der sich einverstanden erklärt hat, mit den beiden in die Stadt zu fahren. Nötig ist das, weil die hochschwangere Suren nicht noch eine Fehlgeburt riskieren darf, wie ihr der Arzt erklärt hat.

Eine zeitgenössische Stadt – Land Geschichte erzählt der 1974 in der Mongolei geborene, in der Schweiz lebende Batbayar Chogsom in seinem Erstlingsfilm.

Es ist eine ebenso vertraute wie fremdartige Erzählung, welche der studierte Sozialwissenschaftler Chogsom mit einer bestechenden Mischung aus Unschuld und Chuzpe auf die Leinwand bringt, in leuchtenden Bildern von Simon Bitterli.

Da ist einerseits der Kontrast zwischen dem nomadisch ursprünglichen Leben in der Steppe und dem Überlebenskampf in der grossen Stadt, exemplarisch illustriert an den «Landeiern» Doj und Suren und ihren eventuellen Gegenspielern in Ulaanbaatar.

Das erinnert an Filme und Geschichten, wie sie im westlichen Kino vor achtzig bis hundert Jahren üblich waren, und dann später allenfalls noch im stereotypen Heimatfilm-Genre.

Da ist aber im Gegensatz dazu die wenigstens teilweise überraschend unerwartete Zeichnung der «Städter». Allen voran der desillusionierte Taxifahrer Jack (Adiyabaatar Rina), der mit seiner betagten Mutter (Oyun-Erdene Jamiyan) in einem schlecht gewarteten Hochhaus lebt, und sich mit dem Hauswart/Vermieter streitet, weil der Lift dauernd ausfällt und die Mutter die vielen Treppen kaum noch alleine schafft.

Vor allem aber streitet er sich resigniert mit seiner Mutter, die ihn nicht in Ruhe seine Bücher lesen lässt und ihn dauernd zu einer Heirat zu überreden versucht. Jack ist aber im Nebenjob auch noch der Zuhälter der schönen Saraa (Erdenetsetseg Tsend-Ayush), deren Freier er zwischendurch auch mit Gewalt ausnimmt.

Auf eben diese Saraa trifft Dorj, nachdem er vergeblich versucht hat, die goldenen Ohrringe seiner Frau zu verpfänden, um ihre Spitalbehandlung bezahlen zu können. Wider Erwarten erweist sich Saraa als gute Seele, die ihm zum Sieg und Geldpreis in einem Karaoke-Wettbewerb verhilft. Worauf dann allerdings bald Jack wieder auftaucht…

Im Kern ist das tatsächlich die alte Geschichte der verlorenen Landeier in der bösen Grossstadt. Aber Batbayar Chogsom hebt den kleinen Standard-Plot an allen Ecken und Enden weit über die Erwartungen hinaus.

Er zeichnet seine Figuren in ein soziales Umfeld hinein und in ökonomische Verhältnisse, die keinen Zweifel daran lassen, wie hart und unsicher das tägliche Leben in dieser Mongolei sein kann. Er gibt vor allem seinen Männerfiguren einen Hintergrund und eine Mehrschichtigkeit, die neugierig macht und immer wieder überrascht.

Dass die Frauen etwas eindimensionaler wirken, moralisch geerdeter, und vor allem im Fall der grossherzigen Prostituierten Saraa etwas gar klischiert ausfallen, mag auch damit zu tun haben, dass die Schauspielerinnen ihren Rollen weniger abgewinnen können als die Schauspieler – oder umgekehrt.

Was aber wirklich hängen bleibt nach diesem Film, ist das Bild der heutigen Mongolei. Die Steppen mit ihren Jurten und den Menschen, denen das traditionelle Leben immer mehr entgleitet. Und die Stadt Ulaanbaatar, der sich die Kamera mit der gleichen Neugier und dem gleichen Staunen annähert, wie es uns als Touristen wohl passieren würde.

In Ulaanbaatar wohnt offenbar rund die Hälfte der gesamten Einwohnerschaft der Mongolei, rund 1.35 Millionen Menschen. Was wir aber zu sehen bekommen, ist eine weit gestreute Siedlung, an deren Rändern sich hunderte von Jurten in die Peripherie schmiegen, sesshaft gewordene Gebilde, die wirken wie Pilze.

Out of Paradise ist ein Film der Kontraste, dem es dann doch gelingt, ein ganzes Bild zu zeichnen. Letztlich sind es vielleicht gerade die einfachen, altbekannten dramatischen Umstände, die simple Überlebensdynamik, welche die Brücke schlagen vom Vertrauten zum Fremden, von dem, was wir kennen, und dem, was der Filmemacher uns an Wissen und Erfahrung voraus hat.

Den gleichen Kontrast erzielt die Produktion übrigens auch über die Verbindung von erstklassigem Handwerk auf fast allen Ebenen mit der leichten Naivität des Drehbuchs und dem zurückhaltenden Schauspiel. Musik, Sounddesign, Schnitt und vor allem die Kameraarbeit leisten alle eine Professionalisierung, welche die dramaturgische Bewegung vom «einfachen» Landleben zur «Komplexität» der Stadt zu einer Kreisbewegung schliesst.

Das macht diesen Film zu einem sanft symbiotischen Erlebnis, mit dem seltsamen Effekt, dass man ihn erst mal leicht beiseite wischt. Und dann merkt, dass er doch stärker in der Erinnerung bleibt, als man erwartet hätte.

  • SRF hat diesen Film koproduziert.
  • Premiere an den 53. Solothurner Filmtagen am 27. Januar 2018.
  • Zweite Vorführung am Montag, 29. Januar 2018 um 15.15 Uhr in der Reithalle. Nominiert für den Publikumspreis.
  • Kinostart: Noch offen
Regisseur Batbayar Chogsom © Hesse Film