Cannes 18: BLACKKKLANSMAN von Spike Lee (Wettbewerb)

Adam Driver und John David Washington © Focus Features

Der seit langem wildeste Spike-Lee-Joint ist knapp über zwei Stunden lang und totally fo’real. Die Geschichte des afro-amerikanischen Polizeidetektivs, der den Ku-Klux-Klan infiltiert hat, und beinahe zum Präsidenten der lokalen Vereinigung wurde, basiert angeblich auf Fakten.

Denzel Washingtons Sohn John David Washington spielt diesen Ron Stallworth, den ersten schwarzen Polizeidetektiv seiner Einheit, und bald schon Partner von Adam Drivers Flip, dem jüdischen Polizisten der Intelligence-Einheit.Stallworths erster Undercovereinsatz bringt ihn allerdings zu einem Vortrag eines Black-Panther-Mitglieds, den die lokale Vereinigung der afroamerikanischen Studentinnen und Studenten eingeladen hat. Und da verguckt sich der Undercover-Brother ausgerechnet in die Präsidentin des Vereins, Patrice (mit Pam-Grier-würdigem Afro und Nickelbrille: Laura Harrier).

Spike Lee fährt schweres Kinogeschütz auf. Stilistisch ist das ein rasendes Potpourri von 60ies Mainstream über Blaxploitation bis zu Dokufiktion und am Ende gar Dokumentarfilm. Wie oft bei Lee, eine Geschichtslektion in einzelnen, höchst unterschiedlich verabreichten Dosen, aber jede einzelne eingängig und überzeugend.

Die Rede des Black-Panther-Aktivisten wird in voller Länge inszeniert, mit nachdenklichen schwarzen Gesichtern im Publikum und einer begeisterten Reaktion des Polizisten – welche seine mithörenden weissen Kollegen draussen im Auto gleich auch noch mitnimmt.

Und dann kommt der goldene Moment, in dem Stallworth telefonisch mit dem lokalen Klan-Präsidenten Kontakt aufnimmt und zur Verblüffung seiner weissen Kollegen im Grossraum so überzeugend einen Nigger-hassenden weissen Frusthaufen mimt, dass er postwendend an die nächste Versammlung eingeladen wird. Worauf er natürlich ein Problem hat.

Ein Problem, das gelöst wird. Wie fast alles in diesem ausufernden, energiereichen, witzigen und wütenden Film, mit Chuzpe und Nonchalance und einer gehörigen Portion Jive-Talk – mal ernsthaft, mal parodistisch.

Spätestens als Stallworth den nationalen Klan-Chef David Duke (Topher Grace in einer verbissen grossartigen Nummer, deren Grossartigkeit am Ende des Films mit den letztjährigen Aufnahmen des echten David Duke bei seiner Trump-Interpretation bestätigt wird), ist auch klar, dass Spike Lee nicht die geringste Absicht hat, die fiktive Vergangenheit von der aktuellen Gegenwart zu trennen.

Die Klansmänner speien mit ihren schrillen Hasstönen auch immer wieder Trump-Parolen von MAGA bis «America First». Und meistens ist das so komisch wie beängstigend.

Über weite Strecken ist BlacKkKlansman eine Komödie mit ernstem Hintergrund, hin und wieder kippt das aber in die umgekehrte Konstellation.

Ein Kabinettstück ist eine Sequenz, in der sich Stallworth seiner radikalen Freundin gegenüber als Polizist zu outen versucht, indem er mit ihr die verschiedenen Spielarten der Blaxploitation diskutiert. Pam Griers Foxy Brown lässt sie als empowerment fantasy gelten. Bei der Wahl zwischen Shaft und Superfly entscheidet sie sich lieber für den Privatdetektiv als für den Zuhälter, was Stallworth verständlicherweise ermutigend findet.

Gegen Schluss des Film setzt Spike Lee auf eine dramatisch hochgepumpte Parallelstruktur. Während am einen Ende der Stadt David Duke eine neue Klan-Taufe durchführt und dann mit der Originalversion von Birth of a Nation von 1915 (der Film trug ursprünglich den Titel The Clansman) den Haufen zur Ekstase bringt, erzählt im Versammlungshaus der Studentinnen und Studenten Harry Belafonte die Geschichte eines Lynchmordes. Ein durchaus doppelbödiger dramaturgischer Kniff mit durchschlagender Emotionalisierung auch beim Kinopublikum.

Und als schliesslich alles vorüber ist, die Mission ein Erfolg, und die Order, das ganze unter den Teppich zu kehren bei der Polizei ebenfalls erfolgt ist, lässt Lee wie in seinen besten Zeiten von Do the Right Thing wieder die Realität über dokumentarische Bilder aus dem letzten Jahr bis hin zu Trump und seiner infamen Rede von den «schlechten und guten Leuten auf beiden Seiten» die letzten Zweifel ausräumen.

BlacKkKlansman ist ein dicht bepackter Wurf von einem Film, nicht immer aus einem Guss, aber mitreissend, witzig, lehrreich und schliesslich auch wütend und aufwühlend. Wenn er im kommenden August in den USA ins Kino kommt, wird er heftig zu reden geben. Vielleicht nicht so heftig wie seinerzeit Do the Right Thing, dessen Kinoauswertung im Sommer aus Angst vor Rassenunruhen beinahe gestoppt worden wäre, aber sicher deutlich und mit massiven Angriffen von rechts. Und ganz sicher ohne Privatvorführung im weissen Haus.

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