Locarno 18: MENOCCHIO von Alberto Fasulo (Wettbewerb)

Marcello Martini in der Titelrolle © Nefertiti Film

Im aktuellen Italien die Geschichte eines Mannes zu erzählen, der für seine freie Rede und kirchenkritischen Gedanken 1599 auf Anordnung des Papstes auf dem Scheiterhaufen verbrannt wurde, das ist kein einfaches Unterfangen.

Menocchio hiess eigentlich Domenico Scandella. Er war Müller in Montereale, einem Dorf im Friaul. Wie viele andere Freidenker und kritische Geister geriet auch Scandella in die inquisitorische Repressionsmaschine der Gegenreformation.

Allerdings sind Menocchios Prozesse relativ gut dokumentiert. Und seine Geschichte wurde von Carlo Ginzburg mit seinem Buch «Der Käse und die Würmer» 1976 aufgearbeitet und bekannt gemacht.

Nun basiert Alberto Fasulos Film aber nicht auf Ginzburgs Arbeit, im Gegenteil. In einem Begleittext zum Film erklärt Fasulo, sich von Ginzburg abzusetzen und sich auf seine eigene Lektüre der Prozessakten abzustützen, sei ein wichtiger Schritt für ihn gewesen.

Im Kern des Geschichte stecke ein Dreieck, erklärt Fasulo. Die Dynamik zwischen dem Machtapparat der Kirche, dem Individuum des Müllers, und der Menschen um ihn herum.

Nun ist das Narrativ um die korrupten, machtversessenen Eliten, den unerschrockenen Einzelnen, der die Wahrheit ausspricht, und die unterdrückten manipulierten Massen nicht mehr so einfach besetzt, seit sich populistische, reaktionäre und revolutionäre Bewegungen der gleichen Argumentationsketten bedienen.

Alberto Fasula versucht, sich Menocchio über historisch akkuraten Realismus anzunähern. Menocchio ist ein Kostümfilm, in dem vor allem viel geredet wird. Ein Thesenfilm, ein Gerichtsfilm, und zwischendurch auch etwas Volkstheater im härenen Hemd.

Marcello Martini © Nefertiti Film

Am eindrücklichsten und verführerischsten wirkt das immer dann, wenn die Kamera auf dem verwitterten, ernsthaften Gesicht von Marcello Martini in der Titelrolle ruht. So kennt man den aufrechten Helden, sei er nun Wilhelm Tell oder Atticus Finch in To Kill a Mockingbird.

Dazu passt auch die Kinotradition, den Gegenspielern physische Hässlichkeit zu verpassen. Der Prälat ist fett und bucklig, der Inquisitor hat schlechte Zähne. Natürlich gibt es auch unter diesen Figuren die eine oder andere mit Zweifeln und Verständnis für Scandella.

© Nefertiti Film

Aber interessant wird der Film fast nur dann, wenn die Auswirkungen des kirchlichen Terrors auf die Dorfgemeinschaft spürbar werden. Und zwar nicht in den Szenen der direkten Unterdrückung und der grummelnden Anpassung, sondern dort, wo die kirchliche Dogmatik, das Glaubenssystem, bereitwillig übernommen wird.

© Nefertiti Film

Grotesk bis komisch dagegen jene Szenen, in denen die Priester die Dorfgemeinschaft in Zwangsarbeit zum Bau einer neuen Kirche antreiben. Keifende Priester, welche schwitzende Männer triezen, beim Fällen und Entasten eines Baumes. Überschneidende Hauruck-Rufe beim Aufrichten eines rohen Kreuzes, alles mit historisch akkurater Ausstattung, so dass man sich zuweilen in Monty Pythons Life of Brian wähnt.

Fasula gelingt die eine oder andere wirklich schöne, berührende Sequenz. Meist dann, wenn die bewegte Kamera fast abstrakte Bilder von Wänden oder Kerkern oder Kanälen in Venedig einfängt. Oder wenn Menocchio auf einem Boot transportiert wird und am Ufer hinter den hohen Grashalmen ein singender Junge läuft, winkt und weiter rennt.

© Nefertiti Film

Und natürlich in jener Höllenvision während des Transportes zur öffentlichen Abschwörung, als die Dorfgemeinschaft in dämonischen Masken um Menocchio herum tanzt und ihn verhöhnt.

© Nefertiti Film

Aber zu oft bleibt das Kostümfilm mit langen Reden. Und wie so oft, wenn Wahrheit und Redefreiheit verhandelt werden sollen, bleibt am Ende ein Abbild von Machtsystemen, Machtmissbrauch und Auflehnung, das jede Partei auch wieder für sich reklamieren kann.

Wahrscheinlich ist der historisch-materialistische Ansatz von Ginzburg, der Versuch die gesellschaftlichen und wirtschaftlichen Umstände zur Erklärung der machtpolitischen Positionen hinzuzuziehen, eben doch fruchtbarer als die abstrakte Verhandlung von Ideen in einem Film voller konkreter Kostüm- und Ausstattungsanforderungen.