Locarno 18: RAY AND LIZ von Richard Billingham (Wettbewerb)

Liz und Ray mit Jason und Richard © Luxbox

Ray schenkt sich sein Glas immer voll, bis knapp unter den Rand. Auch mit zitternden Händen, auch wenn er dreimal ansetzen muss, um die Plastikflasche mit dem billigen Heimgebräu leer zu kriegen.

Früher hat er auch die Teetasse für seine Frau Liz genau so knapp unter den Rand gefüllt. Ihre zwei Süsswürfel hatten allerdings doch noch Platz.

Ella Smith, Justin Salinger © Luxbox

Richard Billingham ist als Fotograf berühmt geworden, mit Bildern von seinen Eltern. Nun filmt er mit der gleichen Präzision, dem gleichen messerscharfen, ungefärbten Blick, wie es war, in Birmingham, in einer verwahrlosten Sozialwohnung mit verwahrlosten, überforderten Eltern, einem Bruder und einer eben so «disfunktionalen» Verwandtschaft.

Der «Kitchen Sink Realism» ist eine urbritische Erfindung. Ken Loach hat ihn mit seinem Drehbuchautor Paul Laverty zur sozialromantischen Kampfkunst weiter entwickelt; Filme wie Trainspotting oder selbst die frühen Gangster-Geschichten von Guy Ritchie haben ihn zu eigenständigen, karikierend hyperrealistischen Grotesken verfremdet.

Dass nun ausgerechnet ein Fotograf dem Genre zurück auf die Füsse hilft, hat wohl schon seine Richtigkeit.

Ella Smith (Liz) © Luxbox

Bilingham hat keine politische Agenda wie Loach. Er macht sich weder zum Anwalt der kleinen Leute, noch zum Komplizen. Und schon gar nicht macht er sich über sie lustig. Sein tätowierter Fleischberg von einer Mutter, sein duckmäuserischer Alkoholikervater, die verschreckten Hunde in der Wohnung mit den Schnecken, den Fliegen, den Kaninchen, dem Aquarium, den scheusslichen Kitschbildern und dem ganzen Dreck – das alles rekonstruiert Billingham aus der Erinnerung.

Ray: Justin Salinger © Luxbox

Dabei sind es die präzisen Details, welche den Realismus schärfen. Jene Kleinigkeiten, die einem in einer Fotografie erst mit der Zeit auffallen und dann um so stärker hervorstechen.

Die halb heruntergerissenen Tapeten, der verdreckte Herd, das alles ist Ausstattung. Aber die Gesten der Figuren, ihre Blicke, ihre Ticks und ihre heimliche Verzweiflung, die machen diesen Film nicht nur realistisch, sondern auch staunenswert unangenehm.

Drei Episoden und eine Art Rahmenhandlung genügen Billingham, um die Geschichte seiner Herkunft und Prägung in 108 Minuten auszubreiten.

Zu Beginn treffen wir auf Ray in seinem völlig heruntergekommenen, verdreckten Schafzimmer. Ray geht nicht mehr aus dem Haus, er geht allenfalls noch zur Toilette. Die übrige Zeit schläft er und trinkt in regelmässigen Abständen die Plastikflaschen mit Alkohol leer, die ihm der erwachsene Sohn vorbeibringt.

Einmal im Monat kommt Liz vorbei, für sie hat er den Rest seines Sozialgeldes bereit, für ihre kurzen Auftritte scheint er am Leben zu bleiben.

Uncle Sal – a bit soft in the head, he is © Luxbox

In drei Rückblenden erzählt Billingham zunächst eine besonders grausame Episode voller zerstörerischer Bösartigkeit, welche Liz unter den Tisch wischt und die Ray nie ganz begreift, auch wenn sie vor allem auf Kosten seines geistig behinderten Bruders geht.

Schliesslich bleibt der etwas älter gewordene kleine Jason eine Nacht lang draussen, erfriert fast und löst damit die Sozialmaschinerie aus. Er wird fremdplatziert. Und die erschütterndste, beiläufigste Szene des ganzen Films hängt an dieser Episode: Der halbwüchsige Richard fragt den hinausgehenden Sozialarbeiter, ob er nicht auch zu Pflegeeltern könne. Worauf der abwinkt und sagt: «Du bist bald erwachsen. Halte durch und hilf dir selber.»

Young Jason © Luxbox

Billingham schildert mit vordergründig völlig neutraler Präzision ein Sozialsystem, das Familien wie der seinen keine Hilfe bringt, aber knapp ihr Überleben sichert. Ray und Liz sind überfordert, verloren. Ihre Söhne richten sich ein, schlagen sich durch.

Aber anders als bei Ken Loach zeigt der Film keine weiteren Mechanismen, keine Profiteure, bloss Symptome in einer zerfallenden Welt, die stets den Hauch eines Anscheins aufrecht erhält, aber fault und vegetiert.

Für Ray ist Liz der einzige Brennpunkt. Auch als sie schon lange nicht mehr bei ihm ist. Für Liz ist schon lange alles zuviel. Und wer es nicht rechtzeitig raus schafft, der muss sich damit abfinden. Oder in den Flur pissen, wie der Hund, um den sich niemand kümmert.

Nein, das ist kein angenehmer Film. Aber ein präziser, klarsichtiger. Und in seiner Verdichtung ist er dokumentarischer und effizienter, als es ein Dokumentarfilm je sein könnte.

Ella Smith © Luxbox