Locarno 18: LE VENT TOURNE von Bettina Oberli (Piazza Grande)

Mélanie Thierry, Pierre Deladonchamps © filmcoopi

«C’est compliqué» meint Pauline, als Galina, das Ferienmädchen aus Russland, sie fragt, ob sie verliebt sei. «Non, c’est simple» widerspricht Galina. «You are in love – or you are not».

Die drei Sätze bringen jedes Melodram auf den Punkt, jede Dreiecksgeschichte, jeden umgepflügten Lebensentwurf.

Bettina Oberli erzählt hier die älteste Geschichte des melodramatischen Kinos, so satt und unaufhaltsam, so bekannt und neu variiert, wie man es nach weit über hundert Jahren Erzählkino eben tun kann.

Mélanie Thierry, Pierre Deladonchamps © filmcoopi

Pauline (Mélanie Thierry) und Alex (Pierre Deladonchamps) haben sich auf ihrem kleinen Hof im Jura eingerichtet und träumen von einem Leben in natürlicher Autonomie. Auch wenn Paulines Schwester Mara, die örtliche Tierärztin, massive Probleme sieht: Alex will seine Kühe ohne Antibiotika und chemische Hilfsmittel durchbringen.

Und er will den Hof mit einer Windturbine völlig autonom machen. Den Aufbau der riesigen Turbine überwacht der Ingenieur Samuel (Nuno Lopes), der schon beim ersten Besuch auf dem Hof zu schnell fährt und eines der kleinen Wollschweine tötet.

Anastasia Shevtsova, Pierre Deladonchamps, Mélanie Thierry © filmcoopi

Natürlich dauert es kaum zehn Minuten, bis klar ist, wohin sich die Geschichte bewegen muss: «C’est compliqué.» – «Non, c’est simple.» Je einfacher die Geschichte, je klarer die Konstellation der Figuren, desto mehr Spielraum entsteht beim Erzählen, beim Aufladen, beim Umsetzen in Bilder.

Zusammen mit ihrem Kameramann und Lebenspartner Stéphane Kuthy hat Bettina Oberli eine Meisterschaft für diese Bilder entwickelt. Einige kennt man schon, etwa die Waldrandbilder aus ihrer Tannöd-Verfilmung von 2009. Andere sind neu, wie die Windturbine als mehrdeutige Chiffre der Veränderung und der Störung, oder der so einfache wie bedeutungsschwangere Einfall, eine Western-ähnliche Autofahrt im dichten Nebel am Creux du Van enden zu lassen.

Mélanie Thierry © filmcoopi

Da befinden sich Pauline, Galina und Samuel plötzlich hilflos im undurchsichtigen Weiss, im Wissen darum, dass der nächste Schritt in den Abgrund führen könnte. Und suchen sich gegenseitig. Holzhammersymbolik, klar. Aber schön.

Mélanie Thierry © filmcoopi

Fünfzehn Jahre sind Pauline und Alex zusammen. Der Wind, der die Autonomie bringen soll, tut das auch, er dreht, die Geschichte dreht.

In den Vorspann stellt Bettina Oberli ein Zitat von Rebecca West, aus Black Lamb and Green Falcon:

Only part of us is sane: only part of us loves pleasure and the longer day of happiness, wants to live to our nineties and die in peace, in a house that we built, that shall shelter those who come after us. The other half of us is nearly mad. It prefers the disagreeable to the agreeable, loves pain and its darker night despair, and wants to die in a catastrophe that will set back life to its beginnings and leave nothing of our house save its blackened foundations.

Nur ein Teil von uns sei bei Verstand und arbeite für die eigene Zukunft und die der Nachkommen. Die andere Hälfte sei beinahe verrückt, suche den Schmerz und die Zerstörung und die Katastrophe für den Neuanfang.

Dass Bettina Oberli dieses ganze Drama von hoffnungsvoll bis am Boden zerstört in sechsundachtzig Minuten packen kann, zeugt von der Evolution des Kinos, von unserer Konditionierung, unserer Liebe zu den immer gleichen alten, neuen Geschichten von zwei Menschen und einem Dritten, einem Lebensentwurf und diesem Wind, der dreht.

Und gleichzeitig hat es in unserer neuen Zeit der endlosen, von Drama zu Drama sich steigernden Serien etwas verblüffend Effizientes, wenn man aufgrund eines Blickwechsels schon nach zehn Minuten weiss, in welche Richtung die Figuren umfallen werden und wo sie hin müssen.

Le vent tourne ist sattes, gut erzähltes Drama und steht gleichzeitig mitten in den Nöten der aktuellen Orientierungssuche, zwischen dem Wunsch nach Autonomie und Natürlichkeit und Gemeinschaft und Zukunft in einer Welt, die immer kleiner wird, immer weniger Raum für eigene Träume lässt – die dann ja doch auch wieder jene der anderen sein dürfen.

Vor acht Jahren hat die Westschweizer Filmemacherin Sévérine Cornamusaz mit ihrem Erstling Coeur animal verblüfft, einer Geschichte, die ähnlich angelegt war, wie Le vent tourne. Bettina Oberlis Variation ist weniger roh, geschliffener, raffinierter und näher bei unserer eigenen Lebenswelt.

Das ist einfaches, starkes Kino, ein Film, der sofort einfährt, der keine Interpretation braucht und keine Diskussion. C’est simple: On aime. Ou on n’aime pas.

Filmstart Deutschschweiz: 20. Dezember 2018
Die SRG hat diesen Film mitproduziert